• Montag, 20.11.2017
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PERSPEKTIVEN

Lesezeit. Bücher befriedigen Bedürfnisse.

Von Helmut Bachmaier  
Lesezeit. Bücher befriedigen Bedürfnisse.
© TERTIANUM
Das Buch ist immer noch ein hohes Kulturgut und das Lesen eine der wichtigsten Kulturtechniken.
Der moderne Buchdruck - Skulptur zur Erinnerung an Johannes Gutenberg

Die Erfindung des Buchdrucks durch den Mainzer Johannes Gutenberg (ca. 1400 – 1468) war eines der einschneidendsten Ereignisse der Menschheitsentwicklung, „das grösste Ereignis der Weltgeschichte“, wie Victor Hugo meinte. Kaum eine andere Erfindung hat unser Leben und unsere Kultur so nachhaltig beeinflusst wie der Druck mit wieder verwendbaren beweglichen Metall-Lettern, die durch besondere Handgiessinstrumente hergestellt wurden. Dies erlaubte die flexible Handhabung des Druckvorganges und damit eine schnellere Vervielfältigung. Zwischen 1452 und 1454 druckte Gutenberg die berühmte 42-zeilige Bibel in lateinischer Sprache nach einer „Vulgata“-Vorlage in einer Auflage von ca. 180 Exemplaren. Jahrzehnte später stiegen die Auflagen explosionsartig.



  "Wer zu lesen versteht, besitzt den Schlüssel zu grossen Handlungen und zu ungeahnten Möglichkeiten." (Aldous Huxley)  


Moderne Subjektivität

Schweizerisches Rotes KreuzDurch die weite Verbreitung von Drucksachen wurde das Monopol der ex-cathedra-Auslegung der Dogmatik infrage gestellt. Sofern man lesen konnte, war es möglich geworden, sich selbst eine Vorstellung von den Texten zu machen. Dies hat ohne Zweifel zur Herausbildung der modernen Subjektivität beigetragen, die – nach Hegels Meinung – mit der Reformation ihren Anfang genommen hat.

Der Buchdruck hat ausserdem einen wesentlichen Beitrag zur Alphabetisierung geleistet und eine neue Phase der Medienentwicklung eingeleitet. Da nicht alle sich ein Buch leisten konnten, schloss man sich in der Folgezeit zu Lesezirkeln zusammen, in denen die Texte vorgetragen und diskutiert wurden. Ganz unterschiedliche Lesehaltungen wurden kultiviert:

  • das gesellige Lesen in der Runde,
  • das einsame Lesen in der Natur oder
  • das Schmökern im Bett.


     
  Johannes Gutenberg   "Gutenberg-Bibel"  


Leseerwartungen

Gegenwärtig können hauptsächlich drei Lesehaltungen bzw. Leseerwartungen festgestellt werden:

  • Lesen dient dem Zeitvertreib (Freizeitbeschäftigung mit spannenden oder informativen Texten);
  • Bücher werden als Lebenshilfe konsultiert (Ratgeber-Literatur, aber auch Autoren wie Hermann Hesse), oder
  • das analytische Lesen, das ausschliesslich ein Interesse am Text als Text (etwa an seinen ästhetischen Qualitäten) hat.
Jede dieser Rezeptionshaltungen ist legitim. Sie verfolgen jeweils ein anderes Interesse und begegnen deshalb dem Text auf unterschiedliche Weise.


  "Fernsehen bildet. Immer, wenn der Fernseher an ist, gehe ich in ein anderes Zimmer und lese." (Groucho Marx)  


Die Leserschaft wird zunehmend durch eine Bücherflut überschwemmt – jährlich festzustellen anlässlich der Frankfurter Buchmesse. Dieser Unübersichtlichkeit versuchen Bestseller-Listen entgegenzuwirken, in denen allerdings meist Buchtitel auftauchen, die keinerlei literarische Qualität besitzen. Ein anderes Verfahren zur Orientierung ist der Kanon, der aber insofern umstritten ist, als er einen normativen Zwang ausdrückt. Es ist jedoch auch möglich, einen Kanon als Lektüre-Vorschlag zu verstehen. Und genau in diesem Sinne wollen wir nachfolgend einen solchen (kleinen) Kanon als Orientierung vorschlagen – im Bewusstsein, dass notgedrungen wichtige Titel unerwähnt bleiben.
 


Lektürevorschläge

   
 
Cervantes: Don Quijote Goethe: Faust Thomas Mann: Der Zauberberg
 
       
 
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