• Montag, 20.11.2017
Print

PERSPEKTIVEN

 

MEIN SCHLÜSSELERLEBNIS
Von Maja Petzold

Flucht in die Freiheit
 

 
Im Laufe eines Lebens gehen viele Türen auf. Die einen öffnen sich mühelos, andere scheinen verschlossen; manchmal sucht man lange, bis man den richtigen Schlüssel gefunden hat, und einige öffnen sich auf ungewöhnliche Weise.

Ich bin in der DDR aufgewachsen, aber fast alle Verwandten meiner Mutter lebten "im Westen", wie wir sagten. Mein Vater war gestorben, und die Schwestern meiner Mutter drängten sie, doch mit uns drei Kindern zu ihnen zu kommen, es würde ihr Leben sehr erleichtern und gäbe uns Geschwistern mehr Entwicklungsmöglichkeiten. Also entschloss sich meine Mutter im Februar 1961, mit uns "schwarz in den Westen" zu fahren. Der übliche Weg führte zu dieser Zeit über Berlin. Vor dem Mauerbau im August des gleichen Jahres war es auch für DDR-Bürger noch möglich, mit der Berliner S-Bahn von Potsdam (DDR) durch Westberlin nach Ostberlin zu fahren. An der Grenze wurde jeder kontrolliert, aber ob man in Westberlin blieb oder wirklich erst im Osten der Stadt ausstieg, konnten die Grenzkontrollen natürlich nicht feststellen. Wichtig war, an der Grenze nicht so zu wirken, als hätte man die Absicht, sich abzusetzen, sondern als führe man regelmässig hin und her.

Damit wir diese Hürde schaffen würden, hatte meine Mutter von einer ihrer Schwestern die Adresse einer Frau erhalten, die uns helfen könnte, über die Grenze zu kommen, d.h. in der S-Bahn zu fahren, ohne die Polizisten auf uns aufmerksam zu machen. Eines Samstagnachmittags nahmen wir also den Zug nach Potsdam, meine Mutter und ich, damals 16, mein 9-jähriger Bruder und meine 5-jährige Schwester. Von uns Kindern wusste nur ich Bescheid, wohin unsere Reise führen sollte. Damit meine Geschwister keine falschen Antworten geben konnten, hatten wir ihnen nichts gesagt. Die Frau liess uns zwar in ihre Wohnung, damit meine Mutter erklären konnte, welche Absicht wir hatten und woher wir diese Adresse kannten, aber dann erklärte sie, dass sie solche Hilfsdienste nicht mehr auf sich nehme, es sei zu gefährlich. Da standen wir nun stumm und sprachlos. Meine Mutter hatte nicht den Mut, es mit uns allein zu versuchen, zudem kannte sie sich in Berlin nicht aus. In diesem Moment fing unsere kleine Schwester an zu weinen. Sie heulte nicht, sie jammerte nicht, sie weinte einfach. Das rührte offenbar die Frau und bewog sie, uns doch zu begleiten. Sie erklärte meiner Mutter und mir genau, wie wir uns verhalten müssten, wie wir unsere Ausweise zu halten hätten, damit wir nicht auffielen.


 
Einladung zum Schreiben

Senden Sie uns eines Ihrer Schlüsselerlebnisse.
Wir veröffentlichen Ihren Text auf SenLine – ob als Anregung oder als Einsicht für andere. Über das Erscheinungsdatum werden Sie per E-Mail informiert. Weitere Informationen 
 


In der S-Bahn sassen wir getrennt voneinander, aber in Sichtweite. Das komische Gefühl der blinden Hilflosigkeit, das mich während dieser kurzen Fahrt beherrschte, werde ich wohl nie ganz vergessen. Wie verhält man sich in einer solchen brenzligen Situation, ohne aufzufallen? Darin hatte ich damals keine Erfahrung. Wir hatten Glück, die Polizisten fanden nichts Ungewöhnliches an uns, und wir gelangten schnell zur Station "Wannsee" – Westberlin! Die Frau, deren Namen ich bald vergessen hatte, fuhr wieder zurück, und wir fuhren weiter ins Auffangzentrum für DDR-Flüchtlinge.

Von dort wurden alle Flüchtlinge nach den ersten Aufnahmeformalitäten in die Bundesrepublik geflogen, denn sie konnten das DDR-Gebiet nicht mehr durchqueren, ohne verhaftet zu werden. Für uns alle war dies der erste Flug, aber mich beeindruckte er nicht besonders. Es war einfach der erste in einer langen Reihe von Flügen, die mich später in verschiedene Weltgegenden brachten.

Jahrzehnte später erzählte ich einmal meiner Schwester, dass eigentlich ihr Weinen unsere Flucht in den Westen ermöglicht hatte. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern. Kein Wunder, denn als Fünfjährige erkannte sie damals nicht bewusst, worum es ging. Auch ich hatte erst rückblickend begriffen, dass ihr Weinen Ausdruck der gespannten Atmosphäre und der Ratlosigkeit unserer Mutter war.
 
     
  Weitere Schlüsselerlebnisse von SenLine-Lesern  
 
 
       
 
Mail
Blog



Diesen Artikel:
Drucken | Merken | Feedback | Weiter empfehlen

Social Networks:
Twitter Facebook MySpace deli.cio.us Digg Google Bookmarks Windows Live Yahoo! Bookmarks