• Montag, 20.11.2017
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GESUNDHEIT

Mobilität im Zeitalter der Babyboomer

Von Maja Petzold  
Mobilität im Zeitalter der Babyboomer
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Senioren aus dem Verkehr ziehen? "Mobilität im Alter" stellt an die Gesellschaft Herausforderungen, die noch längst nicht bewältigt sind. Im Gegenteil! Was noch zu tun ist und was schon getan wird, zeigte der erste "Schweizer Mobilitätssalon für Seniorinnen und Senioren", den der TCS zusammen mit zahlreichen Partnern, unter anderem der TERTIANUM-Stiftung, veranstaltet hat.


Die Mobilitätsakademie lud Politiker, Vertreter verschiedenster betroffener Organisationen und der Industrie sowie nicht zuletzt Seniorinnen und Senioren selbst ein: zur Diskussion über die Problematik der Mobilität älterer Menschen, zur Präsentation moderner Techno-Mobilität (mit Ausstellung) und zum gegenseitigen Kommunikationsaustausch. Dr. Jörg Beckmann, Direktor der Mobilitätsakademie, hatte mit seinen "9 Grundsätzen einer neuen Altersmobilität" die theoretischen Grundlagen vorgelegt.


Mobilität aus gesellschaftspolitischer Sicht

Erwerbstätigkeit setzt Mobilität voraus. Daraus resultiert die grosse Bedeutung, die allen Formen der Fortbewegung in unserer Gesellschaft zukommt. Wie viel Mobilität spricht man den Pensionierten zu? Nationalrat Maximilian Reimann plädierte eloquent dafür, die Mobilität der Senioren nicht einzuschränken. Das Arbeitspotential älterer Menschen müsse nämlich in den kommenden Jahrzehnten vermehrt genutzt werden, unter anderem aufgrund des demographischen Wandels. Reimann sprach auch das heisse Eisen der Fahrtüchtigkeit von Senioren an und forderte, dass Senioren bei den Kriterien für den Führerscheinentzug nicht benachteiligt werden dürften.

Nationalrat Jean-François Steiert setzte in seiner Stellungnahme andere Schwerpunkte. Er betonte die Verantwortung der Gesellschaft für diejenigen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Denn, so sagte er, Mobilität gehört zu den Grundwerten der modernen Gesellschaft, besonders auch des alten Menschen. Er lenkte den Blick auf die immensen Unterschiede zwischen einem 80-jährigen Teilnehmer am Murtenlauf und einem 75-jährigen Demenzkranken. Steiert machte sich stark für vorbeugende Massnahmen zur Erhaltung der Mobilität, denn Gesundheit und Mobilität stehen in engem wechselseitigem Zusammenhang. Er erinnerte auch daran, dass Senioren mit geringen finanziellen Ressourcen vermehrt auf Möglichkeiten der Mobilität verzichten müssten.


Anteil der Rentnerinnen und Rentner mit Führerschein (1974-2005)



Mobilität aus verkehrstechnischer Sicht

Zwar besteht keine explizite Lobby für Altersmobilität, "behindertengerecht" kann jedoch vielmals auch als "altersgerecht" gelten. Sicherheit im (Strassen-)Verkehr muss alle Verkehrsteilnehmenden berücksichtigen: Mütter mit Kinderwagen ebenso wie Rollstuhlfahrer oder Senioren, die sich unsicher und langsamer bewegen. Sturzprävention sollte ebenso gefördert werden wie das Bewusstsein, dass die Risiken einer Verletzung im Alter ganz allgemein steigen, nicht nur im Strassenverkehr.

Statistisch gesehen, nimmt die Wegstrecke, die ein älterer Mensch pro Tag im Durchschnitt zurücklegt, mit dem Alter stetig ab. Allerdings legen 65- bis 79-Jährige heute viel weitere Strecken zurück als vor 16 Jahren. Die "jüngeren Alten" sind mobiler geworden, eine Tendenz, die sich wohl noch verstärken wird. Auch beim Führerscheinbesitz zeigen sich markante Unterschiede zu 1994: 12% mehr Seniorinnen besassen 2010 einen Führerschein.


Mobilität aus sicherheitstechnischer Sicht

  Video:  Gefahr durch Senioren am Steuer    Quelle: SCENARIO/©BFS  
 
 

Mobilität aus der Sicht der Kulturgerontologie

Mit grossen Schritten durchmass Prof. Dr. Helmut Bachmaier von der TERTIANUM-Stiftung die Geschichte der Mobilität. Er machte darauf aufmerksam, dass jede Altersphase ihre spezifische Gangart hat. Ein Kleinkind, das laufen lernt, geht anders als ein 30-jähriger Jogger; ein alter Mensch wiederum muss sich an einen neuen Gang gewöhnen, um sich sicher zu bewegen. An Gangarten lässt sich vieles erkennen: Der flanierende Journalist auf den Boulevards im Paris des 19. Jh. hatte einen anderen Gang als der Antichambreur am Hofe des österreichischen Kaisers. Unsere schnelllebige Zeit hat zwar Fahrzeuge mit hoher Geschwindigkeit entwickelt – aber im Stau endet alle Beschleunigung. Die TERTIANUM-Stiftung beteiligt sich an einem EU- und BBT-geförderten Projekt zur Erhaltung der Mobilität und zur Erweiterung von Spielräumen alter Menschen: AAL ("Ambient Assisted Living").

Prof. Dr. Marcel Hunecke
zeigte die Vielfältigkeit der Mobilität von Senioren auf – nicht nur bezogen auf die Verkehrsmittel, sondern auch hinsichtlich einer nachhaltigen Entwicklung altersspezifischer Mobilität. Als Hochschullehrer mit sozialwissenschaftlicher Ausrichtung richtet er sich an die Ingenieure und Planungsexperten seiner Hochschule, die bei der Realisierung ihrer hohen technischen Ziele die menschlichen Bedingungen der späteren Benutzerinnen und Benutzer nicht ausser Acht lassen dürfen.

Schweizerisches Rotes KreuzMobilität aus der Sicht aktiver Senioren

Senioren werden aber auch selbst aktiv, etwa um selbst mobil zu bleiben oder um Hilfsbedürftige durch Taxi- und Begleitdienst zu unterstützen. Die freiwilligen Fahrer des Schweizer Roten Kreuzes leisten damit Bemerkenswertes: Sie fördern soziale Kontakte und tragen zu Gesundheit und Selbständigkeit im Alter bei – zudem bereiten sie Freude, sich selbst und den Menschen, denen diese Fahrgelegenheiten zu etwas mehr Mobilität verhelfen.

Von ihrem echten "Abenteuer auf drei Rädern" berichtete Gunda Krauss. Als 70-Jährige radelte sie 1'000 km von München auf die Insel Rügen, nicht nur zu ihrer eigenen Freude und Herausforderung, sondern auch um das Radfahren als klimafreundliche, gesundheitsfördernde Aktivität zu propagieren.

Mobilität aus der Sicht innovativer Ingenieure

Die Autoindustrie setzt auf ständig verbesserte Sicherheit, die auch älteren Fahrern dient, und auf alternative Energiequellen. Die Hersteller des E-Bikes nutzen den Elektroantrieb erfolgreich – bei keinem anderen Fahrzeug ist der Absatz derart gestiegen. In Biel bot sich Gelegenheit zum Anschauen, zum Ausprobieren und zu Diskussionen mit den Technikern, die teilweise äusserst raffinierte Lösungen entwickeln.

Ein futuristisches Beispiel der Ingenieurskunst, ein "innovatives Ei", braucht (fast) keinen Parkplatz: das UCV ("Unique City Vehicle"). "Mein Unique-City-Vehicle habe ich für die Milliarden Chinesen entwickelt, die vom eigenen Auto träumen", sagt sein Erfinder Prof. em. Walter Janach, Meggen/LU. Mit Elektromotor wiegt es nur 21 kg, bietet 2 Personen Platz und wird mit einem einzigen Joystick für Lenkung, Gas und Bremse gesteuert. Ein zukunftsträchtiges Projekt, dem noch die finanziellen Mittel zur Realisierung fehlen.

Das Thema Mobilität im Alter hat zahlreiche Facetten, viele davon wurden von den Referierenden angesprochen, nur einige konnten hier aufgenommen werden.

Die Mobilitätsakademie hat einen Teil der Referate auf ihrer Webseite zugänglich gemacht
 
Links zum Thema:
       
 
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