• Montag, 20.11.2017
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FINANZPLATZ

Bitte, etwas mehr Bodenhaftung…

Von Willy Burgermeister  
Staatsschulden in Prozent vom BIP
© Meadows u a., 2006, S.27f.
Illusionen im Finanzsektor entlarven sich als brandgefährlich, denn sie verführen dazu, Risiken falsch einzuschätzen oder gar ganz auszublenden. Sie gaukeln uns Luftschlösser vor, wiegen uns in vermeintlich wohligen Sicherheiten und angenehmen Gefühlslagen.

Kritisches Hinterfragen ist verpönt. Doch dann schlägt plötzlich die Realität zu, alles zerstiebt, und wir prallen hart auf dem Boden der Wirklichkeit auf. Manch schmerzliches Debakel hätte vermieden werden können, wenn weniger Trugschlüsse, dafür mehr Bodenhaftung ins Geschehen eingeflossen wäre.

Im heute gärenden Schlamassel sollten wir uns fragen: Wo lauern die Illusionen? Eine überwältigende Mehrheit der Griechen will nicht auf den Euro verzichten, sieht sich aber überfordert, die aufgeschwemmten Schuldenhalden abzutragen. Deutschland wird das Ding schon irgendwie deichseln. Die G-8 Staats- und Regierungschefs setzten in ihrem letzten Treffen in Camp David alle ihre Hoffnungen auf Wirtschaftswachstum, obwohl doch Wachstum jahrelang verschrien war. Von schmerzlichen Haushaltssanierungen war kaum mehr die Rede. Das Schicksal Europas taumelt auf Messers Schneide, während nationale Egoismen die Gespräche prägten. Mit eigensinnigen, trotzigen Politikern, die nur ihre nationalen Begierden verteidigen, wird es schwierig, die mehr und mehr abdriftende Karre aus dem Sumpf zu ziehen. Was wird aus Griechenland, was aus den spanischen Banken? Was, wenn die Bürger in der südlichen Peripherie endgültig das Vertrauen verlieren?


Problematische Entwicklungen

Unsere Welt ringt verzweifelt mit drei kaum zu bändigenden Wachstumsproblemen:

 
1. Die Anzahl der auf dieser Erde lebenden Menschen verdoppelte sich in den vergangenen 44 Jahren
 
Quelle: Meadows u a., 2006, S.27f.
   
  2. Der Energieverbrauch explodierte
 
Quelle: IEA 2008
   
  3. Der Ausstoss an Treibhausgasen schoss in unhaltbare Dimensionen
 
Quelle: UN Climate Change Secretariat (Bonn, 17. November 2008)

 

Setzen sich diese Trends dauerhaft durch - womit wir gegenwärtig wohl rechnen müssen -, bergen sie das Potential, das ökologische Gleichgewicht auf unserem Planeten so durchzuwirbeln, dass die Lebensbedingungen eines stetig wachsenden Teils der Menschen unterhöhlt werden. Uns ist klar, dass auf einem begrenzten Planeten alle drei Entwicklungen möglichst rasch und wirkungsvoll eingezäunt werden müssten. Allerdings – und hier steckt der Knackpunkt – stehen sich die Lösungen der einzelnen Notlagen gegenseitig im Wege.

Verzweifelte Notenbanker schwemmen die Märkte mit Milliarden, nein Billionen, doch das Wirtschaftswachstum lahmt. Nullzinsen zeugen keine Wunder. Die Liquiditätsdroge unterbindet jedoch das Aussterben überholter Strukturen. Alles andere als eine gesunde Entwicklung!


Verschiebung der Machtbefugnisse

Mark Lilla, Professor an der Columbia University, lenkt unsere Aufmerksamkeit in einem Aufsatz in der NZZ auf eine weitere Schwachstelle: Die europäische Herausforderung, die Immigrations-, die Wirtschafts- und die Budgetpolitik von Ländern mit sehr unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Strukturen aufeinander abzustimmen, sprengt den geplanten Aufbau einer toleranten, demokratischen, alle Nationen umschliessenden Europäischen Union. Um diese Klippen ohne Schiffbruch zu umschiffen, schiebt man den Technokraten in Brüssel und in Europas Hauptstädten mehr und mehr Machbefugnisse zu. Es wird niemanden überraschen, dass bei unzähligen Bürgern das mulmige Gefühl aufstösst, dass ihnen die Kontrolle entgleitet, sie nichts mehr zu entscheiden haben.

Mit tiefer Sorge beobachten wir, dass der pfropfenvoll aufgeblähte Rettungsschirm in der EU die Haushaltsdisziplin abzuwürgen droht. Da gibt es kein Deuteln – Europas Charakter krempelt sich mit dem dauerhaft aufgespannten Rettungsschirm unwiderruflich um. Das hehre Grundprinzip der Währungsunion (No-Bailout-Prinzip), dass jedes Land für seine eigenen Verbindlichkeiten selbst Verantwortung schultert, wird über Bord geschmissen. Man streut der Bevölkerung Sand in die Augen und vernebelt deren Sinne.

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Erosion der Demokratie

In den Vereinigten Staaten wiederum schwindet die Zuversicht in Washingtons Geschick - oder Willen -, im Interesse des Gemeinwohls zu regieren. Und nicht zuletzt wich die überschwängliche Euphorie des „arabischen Frühlings“ aufquellenden Ängsten über die schwelende Bedrohung von Frauen- und Minderheitsrechten. Die politischen Realitäten, mit denen sich heute viele Menschen mühselig auseinandersetzen müssen, verwischen unsere Idealvorstellung von Demokratie.

Wir leben in einer Zeit unermesslicher Umbrüche, deren Konsequenzen wir nur allmählich ahnen. Die Globalisierung der Wirtschaft, nicht aber der Politik, die unaufhaltsamen Völkerwanderungen und die sich ständig selbst überholenden Kommunikations- und Informationsströme verändern nicht nur das Wirtschaftsgefüge dieser Welt, auch unser ins Stolpern geratener Gerechtigkeitsbegriff, unser Verständnis von Wohlstand, Armut und Solidarität werden sich neu definieren müssen. Arbeitsplätze und Kapital verschieben sich von Europa nach Indien, China oder Südamerika. Die heute noch ärmeren Gegenden der Welt streben kraftvoll nach Reichtum und Anerkennung, und wir werden etwas zurückstecken müssen – ein Ergebnis des unablässigen Eifers von Wirtschaft und Kapital, Gewinne zu erzielen. „Ich kann darin nicht nur Ungerechtigkeit erkennen“, urteilte die deutsche Schriftstellerin Monika Maron.

 
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