• Montag, 20.11.2017
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PERSPEKTIVEN

 

MEIN SCHLÜSSELERLEBNIS
Von Thomas Oesch

Vom Ton zum Stein zum Holz
 

 

Vor einiger Zeit erregte ein Hinweis in der Zeitung auf einen Akt-Modellierkurs meine Aufmerksamkeit. Etwas Handwerkliches, Gestalterisches neben der beruflichen Bürotätigkeit wäre doch mal was anderes! Ohne Vorkenntnisse ging ich hin. Es wurde zum Schlüsselerlebnis für viele wunderbare Stunden bis heute und hoffentlich noch lange beim Arbeiten mit Stein und Holz. Doch der Reihe nach:

Im besagten Modellierkurs fand ich mich in kleiner Gruppe vor einem sitzenden Aktmodell - mit einem Klumpen Tonerde auf dem Tisch. Das Modell jung und adrett. „Kleiner Mann, was nun?“ Wie banne ich das Modell in den Ton, wie fängt man mit was wo an? Keine Eile! Entspanntes Betrachten schärfte allmählich den Blick und förderte die Neugier am zu bearbeitenden Objekt, entdeckte die natürliche Haltung des menschlichen Körpers, nahm dessen harmonische Linien und Formen wahr, öffnete die Augen für die stimmigen Proportionen und erkannte mehr und mehr die Feinheiten im Kleinen.

Gestalten beginnt mit Beobachten und Erkennen. Wie viele Menschen habe ich schon betrachtet, aber die Motivation, diese nunmehr auch zu modellieren, erlebt man wie eine neue, faszinierende Entdeckungsreise. Und irgendwann beginnen die Finger intuitiv zu kneten, zu formen, umzusetzen. Mit jedem Knetvorgang versinken die Gedanken und Sinne mehr und mehr ins Modell und in das, was an dessen Stelle neu entstehen soll. Die Zeit fliegt nur so dahin. Zum Glück lässt sich Tonerde umformen, neu ansetzen, korrigieren, verfeinern. Und plötzlich sitzt es da: mein Modell aus Ton! Auch wenn keine neue Da Vinci- oder Michelangelo-Figur entstand: der Weg zur eigenen Skulptur war ungemein spannend und emotional.


 



Dieses positive Erlebnis animierte mich zur Auseinandersetzung mit Stein. Ich besuchte einen Steinhauerkurs im Maggiatal, wo nahebei die einzigen Marmorbrüche der Schweiz liegen. Peccia, ein kleines Dorf, eine fröhliche, zusammengewürfelte Steinhauer-Schar, eine neue Faszination! Wie sagte doch Constantin Brancusi: „Nur beim Bearbeiten entdeckt man den Geist der Materie.“ Das wollte ich erfahren. Erneut stand ich vor einem Rohblock, gefunden im dortigen Marmorbruch: widerspenstig, unförmig, schwer und hart. Wie soll daraus eine weich-organische, form-reduzierte Skulptur entstehen, wie ich sie bei Brancusi oder Jean Arp so bewundere? Es waren deren Werke, die mir die Motivation und Herausforderung gaben für den Einstieg in den Dialog mit Steinen.

 
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Alles beginnt auch hier wiederum mit Betrachten, neu auch mit Betasten und Staunen über die sich öffnende wunderbare Welt der Gesteine. Deren Materie, Struktur, Härte, Farbe, Durchsichtigkeit, Glanz - all dies blieb mir bis anhin verborgen. Und irgendwann legt man mit Hammer und Meissel los, erst behutsam und zögerlich, denn: Was weg ist, ist weg, kein Nachbessern wie beim Ton! Bald werden die Schläge beherzter und wirkungsvoller, Stückchen um Stückchen wird mit Schwung, Geräusch und Staub abgetragen, um „das Neue“ entstehen zu lassen. Nach jedem Hieb ein Kontrollblick von links und rechts, von hinten und von vorne, von unten und oben, ob der Schlag so wirkte, wie gewünscht, um alsbald den nächsten gezielt folgen zu lassen. Je feiner die Oberfläche bearbeitet wird, umso mehr zeigen sich die Beschaffenheit des Steines, die Kristalle, die eingelagerten Schleier, die Farben und der Glanz sowie die immer wieder überraschenden Besonderheiten und Anomalien im Werkstück. Alles steigert und verschönert sich, sobald die bearbeiteten Partien verfeinert und je nach Lust und Laune bis zum Spiegelglanz zugeschliffen werden. Der Stein hat sich gefügt, die Skulptur ist vollendet… Sie schafft nachhaltig Freude und Befriedigung. Werken und Gestalten hat mich definitiv erfasst.

 


Wie wäre Gleiches mit Holz? Ich besuchte einen Holzbearbeitungskurs und erlebte die faszinierende Welt des Holzes. Die Werkzeuge und Vorgehensschritte sind ähnlich wie beim Stein. Und auch hier gilt: Was weg ist, ist weg! Alles braucht aber weniger Kraft, macht weniger Lärm und produziert weniger Staub. Die Meissel und Messer lassen sich leichter führen und tragen effizienter ab. Neue Elemente sind die ausgeprägteren Maserungen und der teils intensive Duft des Holzes, zum Beispiel jener der Arven. Risse, Knollen, Jahrringe, Asteinbrüche im Material bringen zusätzlich Leben ins Werk und prägen mit ihren Einbrüchen und intensiven Farbschattierungen in besonderer Weise die Oberfläche einer Skulptur. Sie steuern gewollt oder ungewollt geradezu deren Gestaltung. Holz lebt und schmeichelt dem Auge!

Aus unerschöpflichen Formen und Ideen „Werke“ aus Ton, Stein oder Holz zu schaffen, die allein eigenen Zielen und Ansprüchen genügen müssen, schafft unendliche Freude und Befriedigung. Und am Anfang von allem stand ein Akt-Modellierkurs…!

 
     
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