• Montag, 20.11.2017
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FINANZPLATZ

Die Zukunft ist kaum zu fassen...

Von Willy Burgermeister  
Staatsschulden in Prozent vom BIP
© Gerd Altmann / pixelio.de
Die Anziehungskraft der Zukunft nimmt zu, je verschwommener sie sich offenbart und fast verschwindet. Trotzdem suchen wir etwas Festes, Unteilbares, das uns hilft, diese lockende Zukunft in den Griff zu kriegen. Bei aller Anstrengung ist sie kaum zu fassen, einer in allen Farben schillernden Seifenblase ähnlich, so der Schweizer Soziologe Peter Gross.

John Maynard Keynes - Der glamouröse ÖkonomKümmert es den Bürger eigentlich noch, ob in Europa eine rechte oder eine linke Regierung spart oder Steuern erhöht? Ein elitäres Verständnis von Politik drängt sich heute vor. Einige wenige glauben, das Ganze steuern zu müssen, so, als ob sie treffender wüssten, wie die Winde sich künftig drehen. Beispiellose Aufgaben verlangen unsere ganze Kraft: Fragen der Umwelt und der Energiezukunft, der Wohlstandsverteilung, der Wettbewerbsfähigkeit, der Bildung, aber auch solche der sozialen Sicherungssysteme. Die Bevölkerungsexplosion in den nahen islamischen Ländern beunruhigt ausserdem zutiefst (Peter Scholl-Latour).

Die Beteiligung aller

Der überhastete Atomausstieg mündet in der Zwischenzeit in eine Frage von Ethik und Gewissen, und die Politik tut sich schwer, einen solchen Konflikt schlüssig zu entwirren. Wir sind uns wohl alle einig, dass die Energiewende nur mit einer gemeinsamen Anstrengung auf allen Ebenen der Politik, der Wirtschaft und der Gesellschaft gelingen wird. Schafft es die Politik nicht, die „Herzen und Hirne“ der Menschen zu erreichen und alle zum Mitmachen anzuregen, wird das ganze Projekt scheitern.

Mit billigen Krediten finanziert, die keine nachfolgende Generation je wird zurückzahlen können, modeln wir unsere Zukunft - und alles nur, um angeblich die Lebensqualität der Bürger aufzumöbeln. Die Rettungspolitiker glauben, sie hätten alles im Griff. Flaut, wie bei Drogen, die Wirkung ab, wird einfach die Dosis gesteigert. Wir überfordern die führenden Notenbanken. Sie sollen nicht nur für stabile Preise sorgen, sondern auch noch Bilanzen sanieren, die Zinskurve gestalten, die Wirtschaft und den lahmen Arbeitsmarkt ankurbeln, die hässliche Schuldenmisere verarzten und unerwünschte Wechselkurskapriolen unterbinden. Die damit verknüpften Kosten blenden wir schlicht und einfach aus.

Eingeschränkter Handlungsspielraum

Und was ist mit der Demokratie? Fragen wir einen griechischen Bürger, wie die schreckliche Notlage mit ihm und seinem Land umspringt, wird er antworten, er und sein Volk hätten nichts mehr zu sagen. Stellen wir einem deutschen Parlamentarier die gleiche Frage, dann wird er uns freimütig erklären, er sei nicht mehr frei in seinen Entscheidungen, sondern müsse sich den Sachzwängen beugen – also der Hilfe für Griechenland zustimmen und den gigantischen Euro-Rettungsschirm hochschrauben. Drückende Schuldenlasten schränken den Handlungsspielraum massiv ein, nicht nur bei den Schuldner-, auch in den Gläubigerstaaten.

Der schleichende Wohlstandsverfall, gekoppelt an die grassierende Arbeitslosigkeit in vielen westlichen Ländern – vor allem bei der Jugend –, erregt gefährliche gesellschaftliche Spannungen. Über Jahrzehnte hinweg frönten die westlichen Gesellschaften – Staaten, private Haushalte, Unternehmen – gedankenlos und opportunistisch dem süssen Leben auf Pump. Das war durchaus willkommen, denn so konnten gesellschaftliche und politische Zwiste übertüncht und entschärft werden. Nun wird uns die Quittung auf den Tisch geknallt.

 

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Kaufkraft statt Überzeugungskraft

Und im Hinterkopf bedrängt uns die kritische Frage: Stürzen die Babyboomer, eine erschöpfte Gesellschaft, ins Bodenlose ab? Wo bleiben ihre Ideen, eine erfolgversprechende Zukunft für eine alternde Bevölkerung zu zimmern? Dank ihrer puren Masse pflügten sie durch ihr blosses Wollen, Wünschen und Empfinden die Märkte grundlegend um. Es war, so der Journalist und Autor von „Das Methusalem-KomplottFrank Schirrmacher, die Kauf- und nicht die Überzeugungskraft der Babyboomer, die das Antlitz der heutigen Gesellschaft prägte. Mit dem Wohlstand überquoll in den europäischen Demokratien die Staatsquote. Während der soziale Zusammenhalt langsam abschmilzt, weitet sich die Umverteilung grosszügig aus, so der Ökonom Roland Vaubel.

Die Schere zwischen den Wachstumstreibern im Norden Europas und dem darbenden Süden spreizt sich spürbar. Die hochverschuldeten Krisennationen Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien dürften, laut Schätzungen von Ernst & Young, bis 2015 nur um mickrige 0.2 % wachsen. Auch andere, traditionell wichtige europäische Absatzmärkte wie Frankreich und Grossbritannien würden sich eher träge dahinschleppen und kaum noch Wachstumschancen bieten.

Blicken wir kurz in die Welt hinaus, dann beobachten wir Aussergewöhnliches: Während wir in den führenden Industrienationen von einer „Krise des Kapitalismus“ faseln, entpuppt sich die freie Marktwirtschaft in anderen Teilen der Welt als ökonomisches Erfolgsmodell.

Wir aber scheinen von einer Klemme in die nächste zu taumeln. Überall stolpern wir über „Schwarze Schwäne“. Unsere hart erarbeiteten Sparbatzen in einem solch ruppigen Umfeld langfristig erfolgreich anzulegen, ohne sich unzumutbare Risiken aufzubürden, entlarvt sich als schier unmögliche Aufgabe. Irgendwie muss es uns erst gelingen, diese hemmungslose Verschuldungsmentalität radikal zu ändern.


 
       
 
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