• Samstag, 23.09.2017
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GESUNDHEIT

Bauchfrei – Neue Wege aus der Diätfalle

Interview von Maja Petzold  
Bauchfrei - Neue Wege aus der Diätfalle
© Knut Wiarda - Fotolia.com
"Wir können auf den Mond fliegen", schreibt Heinrich Everke, "Laptops bauen, die so leicht sind, dass man sie mit Tesafilm an die Wand kleben kann, Gesichter transplantieren und vieles mehr. Doch bei unseren eigenen Körpern scheinen wir immer noch an unsere Grenzen zu stossen."


Das Abnehmen bereitet vielen Menschen ein Leben lang Probleme. Der Allgemeinmediziner Dr. med. Heinrich Everke in Konstanz/DE hat sich zwei Jahrzehnte lang mit dem Phänomen Übergewicht beschäftigt, die physiologischen und konstitutionellen Ursachen untersucht und mit seinen Patientinnen und Patienten gearbeitet. Seine Erkenntnisse liegen nun vor: "Bauchfrei. Die besten Wege aus der Diätfalle – warum nicht jeder abnehmen muss".

SenLine hatte Gelegenheit, Dr. Everke zu einem Gespräch zu treffen.

Übergewicht allein ist meist noch keine Krankheit. Trotzdem plagen sich viele Menschen damit. Wieso haben Sie sich so intensiv damit befasst und jetzt dazu ein Buch veröffentlicht?

Dr. Everke: Übergewicht schien mir eigentlich nicht sehr fesselnd, ein endloses Thema, trotzdem hatte ich in der Praxis immer wieder damit zu tun. Früher hatte ich geglaubt, das Problem liege in der unterschiedlichen Aufnahme der Nährstoffe im Darm des einzelnen, was in allen Lehrbüchern steht. Um der Sache auf den Grund zu gehen, beschäftigte ich mich mit den Hormonen, der Steuerung im Hirn, und kam auf das Wechselspiel zwischen Insulin und Somatotropin (Somatotropes Hormon, STH). Dabei stellte ich fest, dass bis vor 3 Jahren über STH nicht viel geforscht worden war. Erst letzthin untersuchte man seine Wirkung als Dopingmittel.

Mit einer druckempfindlichen Matte werden die für Dekubitus kritischen Stellen ermittelt.Es ist doch eine weit verbreitete Meinung: "Wer zu viel isst, wird zu dick; wer seine Nahrungsaufnahme reduziert, wird wieder dünn." Das stimmt wohl gar nicht?

Dr. Everke: In all den Jahren wuchs mein Respekt vor der Disziplin der "gewichtigen" Menschen bei ihren Diäten. Jede neue Welle behauptete zu wissen, wie das Abnehmen scheinbar geht. Aber ein Jahr später ist alles vorbei. All das nützt nur kurzfristig ein wenig, bei geringem Übergewicht.

Wer bei 70 kg Körpergewicht mehr als 3½ Kilo abnehmen will, der muss grundsätzlich etwas ändern, kräftig trainieren und dem Körper buchstäblich mitteilen, dass dieser sich von Grund auf umzustellen hat, mehr STH (Somatotropes Hormon) herstellen soll und auf Kohlehydrate nicht mehr nur mit Insulin antworten darf. Nur allmählich - und nicht bei einer kleinen Gewichtsabnahme von 3 bis 3 ½ kg - entwickelt der Körper Muskeln, stärkt die Knochen, bildet neue Blutgefässe. Diese Umstellung gelingt nur, wenn man jede Woche dreimal anstrengend trainiert. Das ist eine Riesenleistung, aber eben auch eine Belastung für den Körper und aus ärztlicher Sicht gar nicht immer möglich oder empfehlenswert.

Gilt das, was Sie schreiben, auch für alte Menschen?

Dr. Everke: Gerade im höheren Lebensalter sollte man mit Diäten sehr vorsichtig sein. Ältere Menschen können weniger leicht alle notwendigen Nährstoffe, z.B. Vitamin B 12 oder Eisen, aus der Nahrung aufnehmen. Es entsteht also schneller ein Defizit an gewissen Stoffen. Wenn ein Körper 60 oder 70 Jahre alt geworden ist, dann sollten Sie ihn nicht mehr einer strengen Diät und hartem Training unterziehen, zumindest nicht ohne ärztliche Begleitung.

Sind Sport und Fitnesstraining möglich, so lange man lebt?

Dr. Everke: Grundsätzlich schon. Ältere Menschen sollten vor allem regelmässig an die frische Luft gehen. Am besten schaffen sie sich einen Hund an und gehen mit ihm dreimal täglich eine halbe Stunde spazieren. Ein solcher Spaziergang – Bewegung und frische Luft – ist das beste Training. Dazu eine gesunde, eiweissreiche Ernährung, das wirkt lebensverlängernd.

Bei Sportlern ist eine kohlehydratreiche Nahrung notwendig, damit die Muskeln mit genügend Energie versorgt werden. Senioren, bei denen die Muskelmasse altersbedingt zurückgegangen ist, dürfen einfach nicht so viele Kohlehydrate essen. Bei Altersdiabetes passiert folgendes: Durch die grosse Menge an Kohlehydraten bildet die Bauchspeicheldrüse mehr Insulin. Es besteht ein ständig erhöhter Insulinspiegel, worauf die Zellen eine Insulin-Resistenz entwickeln, was bedeutet: Die Zellen reagieren nach und nach nicht mehr auf die normale Insulin-Menge. Daraus kann ein Teufelskreis entstehen.


Video:
"Die Jo-Jo-Falle"
Gewicht runter, Gewicht rauf - gefangen in der Jo-Jo-Falle!


Ein Spezial-Programm der Sporthochschule Köln setzt nicht auf Diät, sondern auf Muskelaufbau - und will damit die Fettpolster dauerhaft zum Schmelzen bringen.

Quelle: YouTube


Oft sagt man ja auch: Jemand hat sich "Kummerspeck" angegessen.

Dr. Everke: Die psychologischen Faktoren des Übergewichts werden allgemein überbewertet. Man unterstellt den Dicken, dass sie psychologische Hilfe bräuchten. Dagegen wendet sich mein Buch. Ich sehe sehr wohl, dass manche Menschen beim Essen ein Suchtverhalten entwickeln, da gibt es leider groteske Übertreibungen. Das liegt aber nicht im Fokus meines Buches.

Übrigens gibt es beide Extreme: Leute, die bei Kummer nichts essen, die nur ihren Kummer in sich „reinfressen“, und die anderen, die sich eine Speckschicht anessen. Was ebenfalls zu Übergewicht führt, ist das unkontrollierte Essen aus Langeweile, die "Fernseh-Esser". Wir kennen das Sprichwort: Der Appetit kommt mit dem Essen. Man kann sich nämlich das Essen angewöhnen. Das gilt sowohl im Tagesablauf als auch über Wochen und Monate. Man nimmt nicht mehr richtig wahr, wie viel man isst. Hier spielt die soziale Kontrolle eine wichtige Rolle. Wer sich in einer "gewichtstoleranten" Umgebung bewegt, wird leichter sozial "angesteckt" und gewöhnt sich an, immer mehr zu essen.

Ihr Buch ist als "Mutmach"-Buch für Dicke und Dünne gemeint, eine Aufforderung, sich selbst zu erforschen, welche Körperform, welches Gewicht einem persönlich entspricht. Welchen Stellenwert hat in Ihren Augen als Arzt die Ernährung für die Gesundheit?
 

Dr. Everke: Das ist eine ganz wichtige Frage. Natürlich ist es sehr wichtig, was wir essen. Auch dies war eines meiner Anliegen, dieses Buch zu schreiben. Alle Kalorien zu zählen, möchte ich niemandem zumuten. Der Genuss gehört unbedingt zum Essen. Den Kontakt zum natürlichen Essen zu behalten, halte ich für einen wichtigen Lebensgrundsatz.

Blicken wir noch in die Zukunft: Was sind Ihre Pläne, nachdem Ihr Buch nun erschienen ist?

Dr. Everke: Ich könnte mir verschiedene Themen vorstellen. Ein Buch über Sexualität im Alter zu schreiben, würde mich sehr reizen. Das Thema scheint mir vielversprechend, denn im Alter verschwindet die Sexualität ja nicht, aber sie ändert sich. Menschen und ihre Lebensgeschichten interessieren mich seit eh und je. Ich habe schon einen ganzen Fundus von Geschichten, die ich im Laufe meines Praxislebens gesammelt habe.

Herzlichen Dank für das Gespräch.
 
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