• Montag, 20.11.2017
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FINANZPLATZ

Den Kopf nicht in den Sand stecken!

Von Willy Burgermeister  
Staatsschulden in Prozent vom BIP
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Trunken von überschäumender Liquidität werden unangenehme, bittere Wahrheiten zur Wohlfahrt und zum Lebensstandard gedankenlos verdrängt – auf privater wie auf staatlicher Ebene.

Verzweifelt hangelt sich die EU von einem Notgipfel zum nächsten, und trotz einiger aufbauender Überraschungen gelingt es offenbar nicht, einen entscheidenden Durchbruch in diesem Schlamassel zu erzielen. Die Gefahr eines Flächenbrandes ist längst nicht gebannt. Dass sich die Euro-Gruppe derart anstrengt, das wirtschaftliche Fliegengewicht Griechenland aus dem Sumpf zu ziehen, enthüllt ganz deutlich, wie zerbrechlich sich das Fundament der Gemeinschaftswährung offenbart. Ohne Scheuklappen beobachtet, reift die Einsicht, dass Europas Probleme zwar aus einem tiefen Schuldenmorast aufsteigen, sich längerfristig jedoch mit einem herben Verlust an Wettbewerbsfähigkeit verweben. Lässt sich diese Misere mit noch mehr Rettungspaketen aushebeln?

Regulierungen

Schotten wir uns nicht in trügerischen Illusionen ab: Die global vernetzte Wirtschaft gerät in eine noch vor Jahren kaum erahnte Störanfälligkeit. Um diese abzumildern oder gar aufzufangen, sucht die Politik ihr Heil in einem unseligen Regulierungswahn – Regulierungen in allen Lebensbereichen. Unruhige Zeiten brechen über der politischen und ökonomischen Stabilität von Nordafrika und des Mittleren Ostens herein. Die iranische Drohgebärde, die schmale Tankerstrasse von Hormuz abzuriegeln, rief uns schlagartig ins Bewusstsein, dass ein Fünftel der weltweiten Ölexporte diese enge Fahrrinne passiert.

Die Gläubiger von früher verwandelten sich in die Schuldner von heute. In den kommenden 30 Jahren müssen voraussichtlich 8.6 Mrd. Menschen auf dieser Erde ernährt, deren aufkeimender Energiehunger muss gestillt - und sie müssen mit Arbeit versorgt werden. Die Liquidität, die Notenbanken dies- und jenseits des Atlantiks über den Märkten ausschütten, übertüncht zwar die Notlagen, doch in den Hinterhöfen bleibt die Not. Lassen wir uns nicht täuschen: In einer ergrauenden Gesellschaft versickert allmählich der Nachschub an Sparkapital. Anlagen werden in risikolose Bereiche umgeschichtet. Überschuldung und demographischer Wandel knabbern an unserem Lebensstandard.

Gesellschaft des Weniger

John Maynard Keynes - Der glamouröse ÖkonomJedes Jahr steigt die Zahl der über 60-Jährigen in Europa um zwei Millionen, doppelt so viel wie noch vor gut zehn Jahren. Dagegen schrumpft, laut Eurostat , die Zahl der 20- bis 59-Jährigen in jedem Jahr. Kein Wunder liegt das Thema „Wachstumsschwäche“ an der nächsten Ecke.

Der bekannte Soziologe Ulrich Beck warnte schon vor einiger Zeit, dass sich hier eine „Gesellschaft des Weniger“ herausschäle, weniger junge Menschen, weniger Wachstum, weniger Arbeitsplätze, weniger Wohlstand. Billige Angstmacherei? Keineswegs! In den vergangenen 30 Jahren wuchs die Weltwirtschaft im Schnitt um erfreuliche 3,5 % pro Jahr. Bemerkenswert: Knapp 2 % davon gingen allein auf die Kappe des Bevölkerungswachstums.

Gegentrend

John Maynard Keynes - Der glamouröse ÖkonomNun aber kippt dieser Trend ins Gegenteil. Immer mehr Länder befinden sich in einer demographischen Sackgasse. Japan schlägt sich bereits seit Jahren mit diesem kaum zu lösenden Dilemma herum. Seine Bevölkerung wird auch in den kommenden Jahren stark schwinden und rasant altern, so eine kürzliche Schätzung der Regierung in Tokio. Auch Europa und Russland, etwas später China (Ein-Kind-Politik), geraten in diesen Sog. Der stetige Zustrom von Einwanderern koppelt die USA etwas von diesem Trend ab.

Unübersehbar prägte der Zuwachs der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter die letzten 30 Jahre rund um den Erdball. Diese Tatsache trieb die globale Produktion wie selten zuvor an und nährte die Ersparnisse - Phänomene, die jetzt langsam aber sicher versanden.

Die (noch) führenden Industrienationen dieser Welt müssen nun beweisen, dass sie fähig und willens sind, aus früheren Verfehlungen zu lernen, statt sie immer nur den kommenden Generationen aufzuhalsen. Werfen wir einen kritischen Blick auf die Lage, dann erkennen wir, dass die Politik, nach vollmundigen Versprechen, gähnende Leere hinterlässt. Unser Generationenvertrag fusst in seligen Wirtschaftswunderzeiten mit immerwährendem Wachstum, in sozialen Sicherheiten, die sich heute längst in Unsicherheiten verkehrt haben.

Zum Schluss lohnt es sich, uns an John Maynard Keynes zu erinnern: "Wir sind genauso fähig wie vorher, für jedermann einen höheren Lebensstandard zu sichern - höher, meine ich, verglichen mit etwa zwanzig Jahren vorher - und wir werden bald lernen, uns eine noch höhere Lebenshaltung zu leisten." Doch er merkte auch an: "Aber heute haben wir uns in einen riesigen Wirrwarr verstrickt, haben gefehlt in der Herrschaft über eine feinfühlige Maschine, deren Arbeitsweise wir nicht verstehen. Das Ergebnis ist, dass unsere Wohlfahrtsmöglichkeiten ins Leere laufen, vielleicht für eine lange Zeit."

 

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