• Montag, 20.11.2017
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GESUNDHEIT

Weshalb Pflegebetten intelligent werden

Von Michael Sauter  
Hightech Dekubitus Bett
© compliant concept AG
Die Herausforderungen in der Pflege nehmen auf Grund des demographischen Wandels, des Mangels an qualifiziertem Pflegepersonal und infolge des wachsenden Kostendruckes stetig zu. Intelligente Hilfsmittel sind gefragt, um auch in Zukunft eine hohe Pflegequalität zu gewährleisten.

Dekubitusprävalenz, ein Qualitätsindikator

Der Indikator „Dekubitusprävalenz“ repräsentiert einen Qualitätsindikator für den pflegerischen Bereich und gilt in der Praxis als „der“ Indikator für Pflegequalität schlechthin. Dekubitus, meistens auch Druckgeschwüre genannt, verursachen nicht nur hohe Kosten, sondern vor allem grosses Leid bei den Betroffenen und beeinträchtigen deren Lebensqualität gravierend.

Wie und warum entsteht ein Druckgeschwür bei bettlägerigen Patienten?

Ein gesunder, mobiler Mensch lagert sich im Schlaf 2 – 4 Mal pro Stunde um. Dadurch verschiebt er den Druck, den die Matratze auf seine Haut ausübt, genügend oft auf die anderen Hautstellen. So schützt er sich unwillkürlich vor der Entstehung von Druckgeschwüren. Ein immobiler Patient dagegen bewegt sich zu wenig oder oft gar nicht. So ist ein und dieselbe Hautstelle, im Liegen ist dies zum Beispiel die Kreuzbeingegend, zu lange dem Druck der Matratze ausgesetzt.

Mit zunehmender Immobilität verlängert sich die Druck-Einwirkungszeit, während der ein Druck von der Matratze auf die Haut die Blutzirkulation eines Hautareals dauernd komprimiert und damit unterbindet. Übersteigt die so erzeugte Blutleere (Ischämie) die Dauer von ca. 2 Stunden, besteht die Gefahr einer ischämischen Hautnekrose eines Dekubitus [Seiler et al 1991]. Je nach Art der Risikofaktoren sowie der Beschaffenheit der Haut des Kranken, vermag auch eine kürzere oder längere Druck-Einwirkungszeit dekubitogen zu wirken. Die Immobilität stellt daher die entscheidende Ursache bei der Entstehung eines Dekubitus bzw. einer Durchliegewunde dar.


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Einschätzung des Dekubitus-Risikos - eine Herausforderung

Druckgeschwüre gab es schon bei den alten Ägyptern. Warum gibt es sie auch heute noch, obwohl genügend wirksame Methoden zur Prophylaxe entwickelt wurden? Die Antwort: Weil es oft schwierig ist, den Eintritt des Dekubitus-Risikos rechtzeitig zu erkennen. Denn Immobilität kann sich unbemerkt über Tage schleichend entwickeln oder auch plötzlich nachts - etwa aufgrund einer akuten Lungenentzündung - auftreten. Beide Arten des Risikobeginns lassen sich heute kaum rechtzeitig erfassen. Deshalb werden vorbeugende Massnahmen oft zu spät eingesetzt. Also gilt es, mit modernster Technologie Mittel und Wege zu finden, um diese Lücke zu schliessen.

 
Querschnitt durch das Hightech Dekubitus Bett. Der Lattenrost folgt nach Aktivierung durch integrierte Luftbalken vorgegebene Verformungsmustern, welche die Bewegungen eines gesunden Menschen nachahmen.
 

Hightech-Sensoren erfassen Immobilität rechtzeitig

In einem Forschungsprojekt, das von der Förderagentur für Innovation des Bundes (KTI) gefördert wird, hat die EMPA (Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt) und das EMPA/ETH Spin-off compliant concept in Zusammenarbeit mit Experten aus der Medizin und Pflege einen Mobilitätsmonitor entwickelt.

Mit einer druckempfindlichen Matte werden die für Dekubitus kritischen Stellen ermittelt.Eine Hightech-Sensorik unter der Matratze registriert berührungslos, also ohne Kontakt zum Körper, feinste Bewegungen des Patienten. Diese Messeinheit unterscheidet zwischen relevanten Bewegungen, die Druck entlastend und daher präventiv wirken, und nicht relevanten Bewegungen. Die Bewegungsdaten werden dabei laufend aufgezeichnet und lassen sich später am Computer auswerten. Gleichzeitig zeigt das Display am Bett die aktuelle Mobilität des Patienten mit Hilfe einer Ampelstellung an: Grün steht für gute, Orange für niedrige und Rot für stark verminderte Mobilität. Anhand der Ampelstellung entscheidet das Pflegefachpersonal, ob ein vorbeugendes Umlagern des Patienten nötig ist oder nicht. So kann das routinemässige und daher oft zu häufige nächtliche Umlagern, das jedes Mal den Schlaf und somit die Erholung des Patienten beeinträchtigen würde, zugunsten eines gezielten, aber notwendigen Umpositionierens reduziert werden. Im Fall plötzlich ausbleibender relevanter Bewegungen wird die Pflege umgehend über den Schwesternruf informiert, und Massnahmen können rechtzeitig eingeleitet werden.

Umlagerung, nur wenn effektiv nötig

Die Pflege kann unmöglich die ganze Nacht am Bett weilen, um die Mobilität zu überwachen. Das kontaktlose Mobilitätsmonitoring stellt daher einen Meilenstein in der Dekubitusprävention dar. Erstmals ist es möglich, den Mobilitätsgrad und das Mobilitätsmuster eines Patienten objektiv und kontinuierlich zu messen, um damit die Unsicherheit in der Beurteilung des Mobilitätsgrads und des Dekubitus-Risikos zu eliminieren. Patienten werden dann umgelagert, wenn es nötig ist. Jede Umlagerung, die überflüssig ist, hilft mit, den Schlaf und die Erholung/Genesung des Patienten zu verbessern, seine eigene Mobilität zu bewahren, sein Wohlbefinden zu steigern und die Pflege zu entlasten.

Das Projekt wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem renommierten Swiss KTI MedTech Award. Ab Juni 2012 kann der Mobilitätsmonitor von interessierten Institutionen im Praxisalltag getestet werden.

Literaturangaben:
  • Seiler WO, Stähelin HB. Dekubitalulzera in der Geriatrie: Pathogenese, Prophylaxe und Therapie. Ther Umschau (1991) 48: 329 – 340.
  • Rieger U, Scheufler O, Schmid D, Zweifel-Schlatter M, Kalbermatten D, Pierer G. Die sechs Behandlungsprinzipien des Basler Dekubituskonzepts. Handchir Mikrochir Plast Chir. 39: 206-14, 2007.
  • Seiler WO, Sauter M. Dekubitus-Prophylaxe wird revolutioniert. Der Dekubituspatient in der Hausarztpraxis (Teil 1). Hausarzt Praxis (2011) 17-18: 73 – 75.

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