• Montag, 20.11.2017
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ALTERSTHEMEN

Altersvorsorge und die Nachwehen der Finanzmarktkrise

Von Bernd Schips  
Migräne ganzheitlich behandelt
© Paul-Georg Meister / pixelio.de
Die ab 2007 sich bemerkbar machenden Probleme vieler Finanzinstitute waren nicht nur Auslöser einer praktisch weltweiten wirtschaftlichen Schwächephase, sondern hatten auch erhebliche und bis heute spürbare Auswirkungen auf die finanzielle Situation der Altersvorsorgeeinrichtungen und auf die individuelle Vorsorge für das Alter.

Wie konnte es dazu kommen? Neben einer sozialpolitisch motivierten Gesetzgebung in den USA, mit der auch einkommensschwachen Haushalten ein Zugang zu Hypothekarkrediten ermöglicht wurde, ist die - nach dem 2001 erfolgten Platzen der „New Economy“-Blase - in den USA sowie in den meisten Industrieländern jahrelang praktizierte „lockere“ Geldpolitik als die eigentliche Ursache für die immer noch nicht völlig ausgestandene Finanzmarktkrise zu betrachten. Solange die an den Konsumentenpreisindizes gemessene Teuerung gering blieb, erschienen derartige Geldpolitiken auch vertretbar. Die Preisentwicklungen bei Vermögensanlagen, insbesondere im Immobiliensektor, wurden bei der Ausgestaltung der Geldpolitiken allerdings kaum berücksichtigt.

Grosszügige Kreditvergabe – höhere Renditen

Die aus den expansiven Geldpolitiken resultierenden niedrigen Kapitalmarktsätze, also der am Kapitalmarkt angewandten Zinssätze, führten in vielen Ländern zu einem regelrechten „Kreditboom“, mit der Folge, dass die Verschuldung der privaten Haushalte und Unternehmen, aber auch die Verschuldung öffentlicher Haushalte, massiv anstieg. Die Liquiditätsausweitung verführte einerseits die Banken zu einer grosszügigen Kreditvergabe, andererseits suchten die Investoren, angesichts der niedrigen Kapitalmarktsätze, vermehrt nach Anlageformen, die eine höhere Rendite versprachen. Die Anleger setzten sich jedoch oft viel zu wenig mit den damit verbundenen Risiken auseinander und verliessen sich auf die Reputation der die Wertpapiere vertreibenden Banken bzw. den anhaltenden Preisanstiegen auf den Immobilienmärkten. Die Banken wiederum vertrauten oft blindlings auf vergangenheitsorientierte Risikomodelle oder auf die Risikoeinschätzungen von Ratingagenturen, ohne zu hinterfragen, wie deren Beurteilungen effektiv zustande kamen. Ernsthafte Warnungen vor den wachsenden systemischen Risiken gab es zwar, der verbreitete „Glaube“ an die Selbstregulierung und Effizienz der Märkte zerstreute jedoch derartige Bedenken jeweils rasch.

Kreditfinanzierte Nachfrage

Die in einem erheblichen Umfang kreditfinanzierte Nachfrage stimulierte das globale Wirtschaftswachstum über Jahre hinweg. Die prosperierende Weltwirtschaft führte zu einem rasch zunehmenden Wohlstand in den sich an der internationalen Arbeitsteilung beteiligenden Volkswirtschaften, schliesslich aber auch zu stark steigenden Rohstoff- und Nahrungsmittelpreisen. Die dadurch anziehende Teuerung auf Konsumentenstufe zwang dann die Notenbanken zu einer wieder deutlich restriktiveren Geldpolitik. Die Zinssätze stiegen an. Viele Kredite konnten nicht mehr bedient werden und führten zu entsprechenden Ausfällen. Die Immobilienpreise gingen in einigen Ländern abrupt zurück. Die auf vermeintlich ständig steigende Immobilienpreise zurückgehenden Wohlstandseffekte verpufften, und die Konsumnachfrage brach in den davon besonders betroffenen Ländern regelrecht ein. Ein faktischer Zusammenbruch der Märkte für die auf Krediten basierenden Wertpapiere zwang Banken, Versicherungen, Pensionskassen und Private, die in diese Papiere investiert hatten, zu massiven Wertberichtigungen.

Auf diese Finanzmarktprobleme und die sich anschliessende Abschwächung des Wirtschaftswachstums erfolgte eine rasche Reaktion der wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger. Die Notenbanken versorgten die Märkte erneut mit viel Liquidität. Bald stellte sich aber heraus, dass es nicht nur eine Frage der Liquidität war. Nicht wenigen Finanzinstituten drohte sogar die Insolvenz. Die öffentliche Hand sah sich daher zur finanziellen Stützung der angeschlagenen Finanzinstitute gezwungen, um einen drohenden Kollaps des gesamten Finanzsystems zu verhindern. Aufgrund dieser Hilfsmassnahmen stieg in einzelnen Ländern die Staatsverschuldung auf ein beängstigendes Ausmass an.

Verschuldungsprobleme

Der schwierige „Balanceakt“ zwischen der erforderlichen Haushaltskonsolidierung und einer Stützung des Wirtschaftswachstums ist in einigen, der mit einer hohen Staatsverschuldung konfrontierten, Volkswirtschaften - und dies sind nicht nur Länder aus der Euro-Zone - noch nicht wirklich gelungen. Bemühungen zur Haushaltskonsolidierung sind zwar zu erkennen, diese dürften aber noch nicht genügen, um eine langfristige Lösung der - auf die Finanzmarktprobleme und die in vielen Volkswirtschaften dadurch ausgelösten Wachstumsschwächen zurückzuführenden - Verschuldungsprobleme zu gewährleisten. Die für die Anleihen dieser Länder zu entrichtenden Risikoprämien sind deshalb gegenwärtig oft deutlich höher als die für private Schuldner zu entrichtenden Risikoaufschläge.

Die Geldpolitik sorgt in fast allen Wirtschaftsräumen auch gegenwärtig noch für reichlich Liquidität. Die Zinsen in den wichtigsten Währungsräumen - US-Dollar, Yen, Euro und CHF - sind trotz der in vielen Volkswirtschaften bereits erfolgten realwirtschaftlichen Erholung derzeit nach wie vor extrem niedrig. Die nach Anlagemöglichkeiten suchende Liquidität führte zu einem Anstieg der Kurse für die als relativ sichere Anlagen eingestuften Obligationen. Investoren verzeichnen dadurch zwar zunächst Kursgewinne, die Renditen sind aber - zum Nachteil all derer, die auf Anlageerträge angewiesen sind - auf ein bisher kaum vorstellbar tiefes Niveau gefallen. Höhere Renditeansprüche lassen sich auf dem Anleihenmarkt gegenwärtig nur mit erheblich mehr Risiko hinsichtlich der Bonität der Emittenten realisieren.

Auf der Suche nach Sicherheit investieren deshalb viele Anleger in schweizerische Obligationen. Nicht überraschend ist dann, dass die Renditen auch in diesem Markt auf der Strecke bleiben. Sind ausländische Obligationen oder andere Vermögensklassen risikobereinigt aber wirklich prüfenswerte Alternativen? Was wird nach einer früher oder später erfolgenden Straffung der Geldpolitiken passieren? Wie stark werden die Kurse einbrechen, und welche Anleihen können dann nicht mehr von den Schuldnern bedient werden?

Fehlendes Vertrauen

Fehlende Antworten auf solche Fragen sind Gründe für die weit verbreitete Unsicherheit. Es fehlt das Vertrauen der Anleger in eine länger anhaltende Erholung der Märkte. Kurze Laufzeiten, die Suche nach Dividenden-Papieren, Engagements in Rohstoffe oder Immobilien usw. bestimmen deshalb vielfach die Diskussionen über die zu fällenden Anlageentscheide. Die Altersvorsorgeeinrichtungen verlieren jedoch - aufgrund der auf die demographische Entwicklung zurückgehenden sukzessiven Veränderung der Versichertenstruktur - zunehmend an Risikofähigkeit und sollten deshalb den Anteil risikoarmer Anlageformen in ihren Portfolios erhöhen. Auch die individuelle Altersvorsorge sucht in der Regel grössere Risiken bei der Kapitalanlage zu vermeiden.

Entwicklung der Altersvorsorge

Auf welche Entwicklung der Kapitalrendite müssen sich die Altersvorsorgeeinrichtungen und die privaten Anleger einstellen? In den traditionellen Industrieländern ist erst nach einer „Befreiung“ der Finanzmärkte von Konjunkturskepsis und Risikoaversion wieder mit einem Anstieg der Renditen auf breiter Front zu rechnen. Nicht alle Staatsobligationen werden rasch wieder den Status einer risikoarmen Anlageform zurück erlangen können. Die noch als sicher eingestuften Staatsobligationen werden deshalb weiterhin so nachgefragt sein, dass die Renditen noch längere Zeit teuerungsbereinigt gering bleiben werden.


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