• Montag, 20.11.2017
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FINANZPLATZ

Wo bleibt die Verantwortung?

Von Willy Burgermeister  
© YouTube
Unsere Generation laufe Gefahr, nicht als Vorbild, sondern als Fehlerbeispiel in die Geschichte einzugehen, stellte der St. Galler Philosoph Dieter Thomä kürzlich fest. Ist ein solches Urteil angemessen?


Das Jahr 2011 entblösste sich beklemmend, verstörend. Die Zukunft rückte plötzlich ganz nahe an uns heran. Proteste in und um Europa brachten unser Weltbild bös ins Wanken. Der Arabische Frühling, den raue Herbstbewegungen jetzt zerzausen, die „Occupy“ – Aktionen, Griechen, Engländer, Spanier, Italiener – alle auf der Strasse, alle aufgebracht, alle im Netz. In einer Phase, in der viele von uns arbeiten und ihr Nest bauen, waten wir durch einen wüsten Schuldenmorast und erdulden die „Krise“ als Dauerzustand. Anker und sichere Häfen? Keine in Sicht!

Kleine Ursache – grosse Wirkung

Was ist nur los mit dieser Gesellschaft? Wird sie immer verworrener, zerrissener und konfuser? Überall spüren wir den Schmetterlingseffekt der Chaostheorie: Minimale Ursachen schaukeln sich zu gigantischen Wirkungen auf. Wir taumeln in einen rasanten Wertewandel, uns entgleiten die Gewissheiten von früher, uns fehlen zukunftsträchtige Antworten. Köpfe, die visionär unsere Zukunft voraus denken, sind rar. Und weil dem so ist, sucht die Politik ihr Heil in einschnürenden Regulierungen.

Auf der Strecke bleibt die Eigenverantwortung, auf dem Spiel steht die Demokratie, und der Markt wird nicht reguliert, sondern ausser Kraft gesetzt. Die unsichtbare Hand des Adam Smith weicht der stählernen Hand des Staates, obwohl wir ganz genau wissen, dass die staatliche Gier nach Krediten kaum je eingegrenzt werden kann. Das ausschweifende Leben auf Pump wird nur sehr schwer auszurotten sein.

Mangelnde Risikofreude

Heute, in unseren sinnverwirrenden Lebenswirklichkeiten und unheilvollen Verstrickungen, schotten wir uns wieder vermehrt ab, ziehen uns zurück auf vermeintlich sichere Werte. Wir scheuen die Risiken, wo immer wir können.

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Staatsschulden pro Kopf in Österreich
Darunter leiden unsere Wettbewerbsfähigkeit und Innovationsfreudigkeit, die uns den Weg in einer globalisierten und vernetzten Welt freischaufeln könnten. Manchmal beschleicht einen das befremdliche Gefühl, wir alle laufen vor uns selbst, unseren Herausforderungen, unserer Gesellschaft davon, unwillig oder unfähig, die damit verknüpfte Verantwortung zu schultern.

Krisen, wohin wir blicken – und jede davon spiegelt eine tiefe Krise der Verantwortung. Statt diese mutig zu übernehmen, schieben wir sie schlicht und einfach jemandem anders zu, dem Markt, den Rating-Agenturen, dem politischen Gegner, der Elite oder gar dem Nachbarn. So darf es uns keineswegs wundern, wenn wir unseren Nachkommen bedenkenlos eine Welt garstiger Müllkippen, verrottet durch horrende Schulden, strahlende Atomabfällen und schmelzende Polkappen, vererben. Wissen wir eigentlich noch, was wir tun?


 
Die Wirtschaftskrise - leicht verständlich...
Heidi besitzt eine kleine gemütliche Bar in der Innenstadt. Um den Umsatz zu steigern, beschliesst sie, die Getränke der Stammkund-schaft (hauptsächlich Alkoholiker ohne Einkommen) auf den Deckel zu nehmen, ihnen also Kredit zu gewähren. Das spricht sich schnell herum und immer mehr Kundschaft desselben Segements drängt sich in Heidi's Bar.  weiter...
 


Märkte und Rating-Agenturen: die neuen Sündenböcke


Natürlich kann man Märkte und Rating-Agenturen verdammen, ihnen alle Schuld in die Schuhe schieben, um von den eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken. Das kommt zwar überall gut an, doch spiegelt es nicht die Realität. Seit Monaten, wenn nicht gar Jahren, warnten die Märkte, dass hier etwas gewaltig aus dem Ruder laufe. Die Aufgabe der vermaledeiten Rating-Agenturen war es, diese Botschaft ungeschminkt an die Öffentlichkeit zu bringen. Ohne Märkte und Rating-Agenturen hätte sich wohl keine Regierung auf rigorose Sparmassnahmen, geschweige denn Schuldenbremsen, eingelassen.

Gerne streuen Politiker die Mär von finsteren Finanzmächten unters Volk, welche die ach so armen Staaten vor sich hertreiben. Die Rating-Agenturen entpuppten sich dabei als willige Helfer. Welch ein Unfug! Wir alle fordern doch, dass unsere Pensionskassen und Lebensversicherungsgesellschaften, denen wir unsere sauer verdienten Sparbatzen anvertrauen, mit diesen, unseren Geldern, verantwortungsvoll umgehen. Wir wollen sie nicht „windigen“, tief in der Kreide steckenden Staaten oder Unternehmen hinterher schmeissen. Auch wenn es schwer fällt: Genau hier treten nun die Rating-Agenturen auf den Plan. Immer wieder legen sie ihre Finger in die Wunden überforderter Staaten, schrecken mit schlechten Noten auf und mahnen unsere Geldverwalter zu Vorsicht.

2012 und weiter so?

Jagen wir keinen Illusionen nach: Der verheerende Schuldensumpf, leere staatliche Geldtöpfe, auseinanderklaffende Altersstrukturen, blutleeres Wirtschaftswachstum in den führenden Industriestaaten, rasant vorwärtsstrebende Schwellenländer, schroffe Gegensätze zwischen Schuldner (USA) und Gläubiger (China), der aufziehende Klimawandel, tiefgreifende, politische Machtverschiebungen, angeschlagene Leitwährungen gekoppelt an kapitalhungrige Banken - sie alle schwören für 2012 eine unsichere, vertrackte Lage herauf. Die Rating-Agenturen stuften den Euro-Raum herunter, jetzt erfreuen sich nur noch wenige Länder auf der ganzen Welt des Top-Rankings „AAA“. Das muss uns allen doch ernsthafte Sorgen bereiten.


Video:
Die Wirtschaftskrise 1929
 

   



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