• Donnerstag, 23.03.2017
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ALTERSKULTUR

Gatos viejos – Alte Katzen

Von Maja Petzold  
Gatos viejos – Alte Katzen
©Gatos viejos
Menschen und Katzen brauchen im Alter ihre vertraute Umgebung, um sich wohlzufühlen. Wie beunruhigende Altersdefizite das Leben beeinträchtigen können, zeigt der chilenische Film "Gatos viejos" (Alte Katzen), in Cannes 2011 mit einem Sonderpreis ausgezeichnet, in einer brillanten Studie über Familienbeziehungen, Liebe und Fürsorge.


Zwei gewichtige Katzen schreiten zu Beginn würdevoll durch die Wohnung und verschaffen sich, laut miauend, Eintritt ins Schlafzimmer, um ihr Frühstück einzufordern. Isidora und Enrique, beide über 80, sind noch nicht wirklich bereit für den neuen Tag. Die Kamera zeigt in Nahaufnahme, wie Isidora, noch in unruhigen Träumen begriffen, nach und nach aufwacht und sich nur langsam zurechtfindet. Wortlos, nur durch die Einstellung auf die Gesichtszüge der Hauptdarstellerin, drückt sich ihre Stimmung zwischen Schlaf und Tag aus.

Intime Kameraführung

Der ganze Film zeichnet sich durch eine intime Kameraführung aus. Sie ist durch die räumliche Enge des Ortes unumgänglich und kann durchgehalten werden, denn die beiden chilenischen Regisseure Sebastián Silva und Pedro Peirano arbeiten mit hervorragenden Schauspielern zusammen: Bélgica Castro, die 90-jährige Darstellerin der Isidora, ist in Chile und Südamerika eine gefeierte Theater- und Filmschauspielerin; Alejandro Sieveking, im Leben und in diesem Film ihr Mann Enrique, wird vor allem als Theater- und Drehbuchautor, aber ebenfalls als Schauspieler geschätzt. Der Film wurde in der Wohnung dieses Paares und in der nächsten Umgebung gedreht – die Katzen sind in dieser Wohnung zu Hause. Der Film gestaltet sich als Kammerspiel im besten Sinne des Wortes. Es geht um die Befindlichkeit der Menschen, neben den beiden Genannten sind dies Rosario, Isidoras lesbische Tochter, und deren Partnerin, die Hugo genannt werden möchte.



Mutter und Tochter im Streit

Die Handlung ist schnell erzählt: Die gediegene, aber schon etwas ältere Wohnung des Paares liegt in einem gepflegten Viertel Santiagos, allerdings im achten Stock, und der Aufzug funktioniert oft nicht, so dass Isidora wegen ihrer Hüftbeschwerden auch an diesem Tag in ihrer Wohnung festsitzt und ihre betagte Freundin sie nicht besuchen kann. Für Rosario, die sich per Telefon ankündigt, ist die Treppe kein Problem, insbesondere da sie einen bestimmten Wunsch hat. "Schon wieder einen", sagt Isidora, denn sie fühlt sich von ihrer temperamentvollen, ja cholerischen Tochter ausgenützt. Diesmal soll die Mutter ihre Wohnung auf Rosario überschreiben, mit der Konsequenz, dass Isidora und Enrique sich etwas anderes suchen müssten. Isidora, unterstützt von Enrique, weigert sich strikt – der Streit wird unvermeidlich. Daran ändert auch die Ankunft von Hugo nichts. Jede familiäre Auseinandersetzung weckt schnell alte verletzte Gefühle wieder auf. Rosario beklagt sich bitter über ihre Mutter, alle Versöhnungsversuche scheinen nicht zu fruchten, bis Rosario aus der Wohnung rennt, die Treppe runter und Isidora in einem Anflug von mütterlicher Sorge ihrer Tochter mühsam folgt. Daraus entwickelt sich ein ebenso fantastischer wie aufregender Ausflug in den nahe gelegenen Park. Die beiden garstigen Frauen offenbaren fürsorgliche, ja liebevolle Charakterzüge. Schliesslich findet das kleine Abenteuer einen berührenden, versöhnlichen und unerwarteten Abschluss.

 
Immanuel Kant Max Scheler Heinrich Rickert Wilhelm Windelband
Sebastián Silva
Regisseur
Pedro Peirano
Regisseur
 
Bélgica Castro
Hauptdarstellerin
Alejandro Sieveking
Hauptdarsteller
 


Hommage an die Hauptdarstellerin Bélgica Castro

Der Film entstand aus der freundschaftlichen Verbundenheit der beiden Regisseure mit Bélgica Castro und als Hommage an sie. Es sollte ein Film über das Alter werden, über die Würde des Alters, aber auch über seine Beschwerden und Defizite. So entstanden Filmszenen, in denen Isidora die Orientierung verliert, vergisst, was sie eigentlich tun wollte, und innere Stimmen als reale wahrnimmt. Als Zuschauer müssen wir uns jedoch bewusst machen, dass es hier nicht um medizinisch korrekt dargestellte Demenz geht, sondern darum, wie sich eine alte Person fühlt, die merkt, dass sie nicht mehr so funktioniert, wie sie es gewohnt war.

Die hellwache Bélgica Castro spielt das hinreissend. Als Isidora allein in der Wohnung bleibt, will sie etwas im Waschbecken waschen, lässt Wasser ein, dabei kommt ihr etwas anderes in den Sinn, sie geht ins Schlafzimmer und sucht und sucht. Eine gefühlte Ewigkeit lang denkt sie nicht an das laufende Wasser. Als sie endlich die Überschwemmung im Badezimmer bemerkt, erschrickt sie zutiefst und ist wie gelähmt. Als Zuschauer sitzt man zuerst wie auf Nadeln und leidet dann mit ihr. Wie die betagte Schauspielerin diese Szene mit sparsamster Mimik und Gestik spielt, verdient höchste Bewunderung. Kein einziger Moment ist "auf Show" gespielt, sondern nur mit dem Ziel, den Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

Der Film entstand in enger Zusammenarbeit mit den Hauptdarstellern. So entspricht der Ausfall des Aufzugs – leider – den realen Verhältnissen in diesem Haus und belastet Bélgica Castro wirklich. Darin sieht Regisseur und Drehbuchautor Sebastián Silva übrigens das einzig typisch chilenische Element des Filmes. Dieses Werk will allgemeingültige, zwischenmenschliche Beziehungen darstellen, verbunden mit dem Verhältnis zwischen Alt und Jung, ganz gleich, ob in der Familie, unter Freunden oder im Berufsleben: Wenn es ums Geld geht, drohen doch oft irrationale, gefühlsgeladene Auseinandersetzungen.


 
Gatos viejos – Alte Katzen (Chile 2011)

Ab 5. Januar 2012 in den Schweizer Kinos.
Film-Beschreibung
 


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