• Dienstag, 21.02.2017
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ALTERSKULTUR

Über Kreativität

Ein Bericht von Maja Petzold  
© wikipedia / Marsyas - 3 Musen, aus der Schule von Praxiteles
Im Rahmen der interdisziplinären Vorlesungsreihe im Herbst 2011 "Die ergrauende Gesellschaft – historische, kulturelle, soziale und politische Perspektiven" des Zentrums für Gerontologie der Universität Zürich durchschritt Prof. Dr. phil. Helmut Bachmaier nicht nur die Jahrtausende, sondern gab auch praktische Anregungen, wie ältere Menschen ihre Kreativität pflegen können.


Ein Blick in die Antike

Zu Zeiten Homers, als die Literatur mündlich weitergegeben wurde, erhielt der Rhapsode seine Inspiration von den Musen. „Nenne mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes …“, so beginnt die berühmte Odyssee. Mit dem Rhapsodischen verknüpft war die Aufgabe, die Dichtung im Gedächtnis zu bewahren. Die Erinnerung (Mnemosyne - nicht zufällig der Name der Mutter der Musen) war in der Antike die Grundlage der Kultur. In der Dichtung geht es um die Weitergabe der mündlichen (oft gesungenen) Tradition.

Mit der biblischen Genesis, der Geschichte der göttlichen Schöpfung, kommt die Kreativität ins Blickfeld: Gott hat das All aus dem Nichts geschaffen. Der Mensch kann seine Ebenbildlichkeit zu Gott verwirklichen, indem er ebenfalls kreativ wirkt. Er schafft ein Werk in der imitatio Dei, ein kleines Werk des Menschen in Analogie zum grossen Werk Gottes. In der philosophischen Theorie hat Nikolaus von Kues auf diesen theologischen Zusammenhang aufmerksam gemacht: Gott hat den Makrokosmos (das Universum) geschaffen - den Mikrokosmos (das kleine Werk) schafft der Mensch. Aus dieser Nachahmung des Schöpferwerks Gottes beziehe das künstlerische Werk seine eminente Bedeutung und Ausstrahlung, seine Aura, erklärte Prof. Bachmaier.


 
© wikipedia / Jic: Baldassarre Peruzzi, Musen im Tanz mit Apollo
 


Kreativität – das Werk des Genies
Vom 18. Jahrhundert an bezieht sich der Begriff „kreativ“ auf das Individuum – ohne Gott. Man versteht Kreativität nun als Fähigkeit und Kraft des Menschen, etwas aus sich hervorzubringen. Wer das in besonderer Weise zustande bringt, gilt als Genie. Wie Immanuel Kant formuliert: Die Natur gibt sich im Genie selbst ihre Regel. Das Genie schafft in ästhetischer Autonomie aus sich heraus ein Kunstwerk.

Das Werk entsteht als Spiegel der eigenen Subjektivität, in den man schaut und sich selbst erkennt. Die Kreativität hat ihre theologische Bindung aufgelöst, sie ist keine Nachahmung Gottes mehr. Es ist die eigene innere Kraft, die der Künstler entdeckt. Selbstausdruck wird Selbstdarstellung. Davon lebt die Kultur, besonders die Literatur, in der Genie-Epoche im 18. Jahrhundert. Um 1800 verändert sich noch etwas Wichtiges: Der Künstler wird freier Künstler. Verallgemeinernd gesagt, schuf er bis ins 18. Jahrhundert sein Werk nach einem klar formulierten Auftrag innerhalb der ideellen und formalen Grenzen. Nun stellt sich der freie Künstler selbst dar, ohne Aufträge. Er feiert seine neue Kreativität, muss aber auch seine eigene Kunst auf dem freien Markt verkaufen. Es entsteht der Kunstmarkt und mit ihm neue Regeln: Der Künstler hat zu begründen, was er macht. Deshalb ist moderne Kunst ohne Theorie kaum denkbar.

Virtuose - Clown
Während im 18. Jahrhundert noch das kraftverströmende Genie im Mittelpunkt stand, wird aus dem Genie langsam der Virtuose (bei Heinrich Heine), nicht nur in der Musik, Niccolò Paganini ist ein herausragendes Beispiel, sondern auch in den anderen Künsten. Kreativität nimmt nun die Bedeutung von Virtuosentum an. Im 20. Jh. – bei Thomas Bernhard zum Beispiel – wird der Künstler zum Clown. Der Clown, der in der Gesellschaft nicht mehr ernst genommen wird, selbst nichts mehr Neues hervorbringen kann – der moderne Narr.

Und in der Postmoderne gibt es dann nur noch Reprisen, Patchworks, die ewige Wiederholung des Gleichen, aber keine besonderen Novitäten. „Kreativität“ wird schliesslich zu einem leeren Begriff, der für vielerlei verwendet wird und damit seine eigentliche Bedeutung verschwinden lässt, stellte Helmut Bachmaier fest.


 
Nikolaus von Kues Francis Bacon Niccolo Paganini Johan Huizinga Thomas Bernhard
Nikolaus von Kues Francis Bacon Niccolò Paganini Johan Huizinga Thomas Bernhard
 


Das Neue - Ziel jeder Kreativität

Wer kreativ ist, will eigentlich nichts anderes als etwas Neues schaffen. Das „Neue“ ist ohne seinen kulturellen und semantischen Zusammenhang genauso schwierig zu verstehen wie „Kreativität“. Gemeint ist hier weder das Modische noch das Aktuelle. Auch das Neue hat seine Wurzeln in der Theologie: Im Neuen Testament ist die Rede vom ‚Neuen Bund‘, vom ‚Neuen Jerusalem‘, vom ‚Neuen Menschen‘; Christus sagt: „Ich mache alles neu“. Und wenn das Mittelalter zu Ende geht, wird das beginnende neue Zeitalter die Neuzeit genannt. Im 19. Jh. wird das Neue schliesslich mit dem Ästhetischen gleichgesetzt. - „Ästhetisch“ bezieht sich ursprünglich auf die Wahrnehmung (griech. „aísthesis“).

Am Anfang der Neuzeit, als Kolumbus die „neue Welt“ entdeckte, hatte Francis Bacon sein „Neues Organon“ geschrieben und etwa so argumentiert: Der Mensch strebt unendlich, unaufhaltsam nach Neuigkeiten, wie kann er sein unendliches Streben aber mit seiner endlichen Existenz verbinden? In der Methode sah Bacon das Verfahren, mit dem der endliche Mensch unendlich Neues entdecken kann.

Das Neue ist nicht möglich ohne das Alte. Ursprünglich wird das Neue als „Ent-deckung“ verstanden, gewissermassen als „Ausgrabung“, als Archäologie von Unbekanntem, Verborgenem. Das Wesen der Kreativität liegt hier in der Entbergung. Ein weiteres Symbol der Kreativität finden wir in der Metamorphose etwa des Schmetterlings: die Umgestaltung der Gestalt. – Alles verändert sich, nichts geht unter: „Omnia mutantur, nihil interit“, heisst es in den „Metamorphosen“ des Ovid.

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Durch Kombination entsteht Neues
Das Neue entsteht – mit Einschränkungen – fast immer durch Kombinatorik. Die meisten grossen Innovationen sind nicht aus linearem, sondern aus kombinatorischem Denken entstanden. Die kreative Energie des Kombinierens zeigt sich in vielem: in der Musik, im Witz, in der Dichtkunst, im Kriminalroman, um nur wenige Gebiete zu nennen. Kombinatorik ist eine Erfindungskunst. Kombinatorisches Denken zielt in verschiedene mögliche Richtungen, im Gegensatz zu linearem Denken, das nur einer einzigen logischen Linie folgt.

Weiterführende Angaben

Lebenslange Wissbegier macht Freude
Das Alter ist nichts Homogenes. Je älter die Menschen werden, desto mehr individualisieren sie sich. Es gibt also kein allgemeingültiges Kreativitätskonzept. Entscheidend sind Motivation und die Bereitschaft zu lernen. - „Dafür bin ich zu alt!“ gilt nicht. Es gibt unzählige Arten, sich kreativ zu betätigen: Aufschreiben der eigenen Erinnerungen, musizieren oder malen, Theaterspielen, lesen. Damit trainiert man auch das Gedächtnis. Ebenso wichtig wie ein gutes Gedächtnis ist die Kunst, das zu vergessen, was das Leben in der Gegenwart behindert oder belastet. Mit zunehmendem Alter darf man sehr vieles vergessen, sonst könnte man nicht leben. Das Gedächtnis schulen, aber das Vergessen zulassen! Ausserdem gilt es, regelmässig Spiele zu spielen.

Der Homo Ludens – Der spielende Mensch
Johan Huizinga veröffentlichte 1938 die erste Kulturtheorie auf der Basis des Spiels: „Jedes kreative Handeln gründet im Spiel.“ Er konnte sich dabei auf Friedrich Schiller berufen: „Der Mensch ist nur dort wahrer und ganzer Mensch, wo er spielt“ (Über die ästhetische Erziehung des Menschen).

Arbeit entsteht aus Mangel, Spiel aus Überfluss. Das Spielen fördert die Kreativität in ganz besonderer Weise. Das Spiel gehört zur Grundlage unserer gesamten Kultur, es fördert und stärkt unsere kombinatorischen Fähigkeiten.

Spiel ist immer Ausdruck eines freien Handelns, es gibt keine Pflicht zum Spiel. Ein Spiel ist dem Alltag enthoben, es hat seine eigene Zeit, keinen materiellen Nutzen, vielmehr einen Selbstzweck – und gerade dies fördert die Kreativität. Es hat Regeln, ist wiederholbar, und das Ende ist offen.

Im Spiel kann der Mensch Konzentration und Selbstbeherrschung üben, ausserdem Entscheidungsfähigkeit, die wiederum eine gute Übung für Kreativität ist. Wer viel spielt, hat auch Spielräume im Leben und übt sich in Neuem. Auch unsere Phantasie fördern wir im Spiel, wenn wir kombinieren. Ganz wichtige kreative Kräfte liegen auch in Begeisterung und im Humor. Damit können wir die ganze Welt auf den Kopf stellen. Also versuchen wir ruhig einmal, den Narren zu spielen – Shakespeare gibt dafür wunderbare Beispiele. Die gesellschaftliche Notwendigkeit erfordert es von der älteren Generation geradezu, dass sie mit kreativer Narrheit neue Wege in die Zukunft weist.

Mehr zum Spiel

Prof. Bachmaier schloss mit einem Plädoyer für divergentes bzw. kombinatorisches im Gegensatz zu konvergentem, linearem Denken. Kreativ sein heisst: verschiedene Möglichkeiten ins Auge fassen, offen sein für neue Wege, der eigenen Phantasie Raum geben. So schafft man den Boden für Kreativität, deren Ziel das Neue ist und die im Spiel gründet.

Die Entwicklung der Persönlichkeit dauert ein ganzes Leben lang an. Davon sind heute nicht nur die Gerontologen überzeugt. Das setzt Kreativität voraus, die unmittelbar mit der Persönlichkeitsentwicklung zusammenhängt.


Mehr zur aktuellen Forschung in der Gerontologie:
       
 
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