• Montag, 20.11.2017
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FINANZPLATZ

Wie soll das geschehen?

Von Willy Burgermeister  
©wikipedia
"Es gibt Wichtigeres im Leben, als sein Tempo zu beschleunigen" (Mahatma Gandhi). Also bremsen, energisch entschleunigen, gangbare Wege erkunden, um den gierigen Konsum und den uns aushöhlenden Wachstumswahn einzuzäunen? Viele von uns können diesem Denken zweifelsfrei zustimmen. Doch wie setzt man eine solche Idee in einer Gesellschaft um, die wir seit Jahren mit einer Tiefzinspolitik auf Konsum und Wachstum trimmen?


Schrecklich:
Die Europäische Zentralbank (EZB) entpuppt sich heute als Staatenfinanzierer, obwohl ihr dazu das Mandat fehlt. Der Druck auf die EZB, sich als Kreditgeber letzter Instanz für Regierungen mit Finanzierungsschwierigkeiten herzugeben, steigt ungeheuerlich. Niemand aber kümmert sich um die Frage, wie man den Wert des Euro stabilisiert, wenn die Notenpresse unaufhörlich rattert und die Gelder in Papiere insolventer Regierungen investiert werden. Wir starren auf einen verheerenden Haufen von Schulden, der innerhalb eines vorstellbaren Zeitrahmens wohl kaum mehr auf ein beherrschbares Mass zurückgestutzt werden kann.

Schulden statt mehr Wachstum
Streben wir nach weniger Konsum und drosseln das Wachstum, dann müssen wir zwingend Verzicht üben, uns vielleicht auch mit schmerzlichen Entbehrungen auseinandersetzen. Mir scheint, nur wenige von uns wären dazu wirklich bereit. Und die Geschichte lehrt uns, dass sich Mentalitäten nur sehr langsam oder gar nicht ändern. Wir dürfen uns deshalb nicht wundern, dass sich die Politik sträubt, langfristige Herausforderungen entschlossen anzupacken und in zukunftsgerichtete Bahnen zu lenken. Die führenden Industrienationen verstricken sich in einem fatalen Dilemma: mehr Schulden statt mehr Wachstum. Wir beobachten sorgenvoll, wie Staaten sich pausenlos Mittel leihen müssen, nur um die Zinsen alter, aufgestapelter Schulden zu berappen. Daraus schöpfen sie keine Werte. Statt Innovationen zu zünden, kaufen wir nur noch Zeit. Alle hoffen auf Wunder, doch Wunder sind selten.

Überall in den führenden Industrienationen schreckt uns kümmerliches Wachstum. Alle politischen Massnahmen verpuffen mehr oder weniger wirkungslos. Wir sehen uns gezwungen, Antworten auf knifflige Fragen zu finden: Wie basteln wir eine Gesellschaft, die sich damit begnügt, den erarbeiteten Wohlstand zu wahren statt ihn laufend auszudehnen? Und gleichzeitig spüren wir, dass der erträglichste Wohlstand knittert, wenn uns der Sinn für dessen Grundlagen und Gefährdungen abhanden kommt.

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Wie schaffen wir es, so zu wirtschaften, dass die Zufriedenheit der Menschen gefördert wird, nicht unbedingt der Umsatz von Unternehmen? Die spannende, zukunftsweisende Frage lautet: Wie gehen unsere modernen Demokratien mit ihrem Anspruch auf Gleichheit mit der real existierenden, wirtschaftlichen Ungleichheit um?

Es wird immer augenscheinlicher:

Weder die EU noch die G-20 bringen den Mut auf, Politik zukunfts- und wetterfest zu gestalten. Die daraus hervorquellende Orientierungslosigkeit wird sich als viel bedrohlicher herausstellen als all das, was wir den „geldgierigen Zockerbanken“ gedankenlos in die Schuhe schieben. Machen wir uns nichts vor: In den kommenden 20 Jahren werden mehr gesellschaftliche Veränderungen über uns hereinbrechen als in den vergangenen 100 Jahren. Der Gläubiger sitzt dem Schuldner tief im Nacken, und das trügerische Leitbild der heute vorherrschenden Konsumgesellschaft – heute konsumieren, übermorgen zahlen – zersplittert. Es entlarvt sich als völlig verantwortungslos.


 
   Quelle: Statistisches Bundesamt / Bund der Steuerzahler Deutschland e.V.
 

Altersvorsorge
Milliarden für die Rettung der Schuldenstaaten – und kein Ende in Sicht: Viele Bürger, vor allem in Deutschland, fürchten um ihre Altersvorsorge. Und die Babyboomer belasten die globalen Finanzmärkte. Die Weltbevölkerung wächst zwar munter weiter – allerdings nur ausserhalb der Industrienationen. Die dort rapide alternde Gesellschaft verspricht für die Kapitalmärkte wenig Gutes: Wer sich in Rente verabschiedet, zieht sein Kapital ab. Und genau das tun die geburtenstarken Jahrgänge.

Glauben wir den US-Notenbankmitgliedern Zheng Liu und Mark Spiegel von der Federal Reserve in San Francisco, schwappen den Aktienanlegern erste giftige Wellen entgegen. Die ergrauende Gesellschaft sorgt sich nicht mehr länger um ausgeklügelte Sparplänen für ihre Altersvorsorge, sondern geniesst mit dem Ersparten das Leben oder schichtet die sauer verdienten Sparbatzen zumindest in risikoärmere Anlagen als Aktien um.

Verschiedene Studien weisen einen nicht zu unterschätzenden Zusammenhang zwischen dem Bewertungsniveau, das Investoren dem US-Aktienmarkt zubilligen, und der Anzahl der Amerikaner auf dem Höhepunkt ihres Erwerbsleben (40 bis 49 Jahre), nach. Dies würde auch den Boom der amerikanischen Börsen in den 80er- und 90er-Jahren erklären sowie die anschliessende Stagnation ab dem Jahr 2000 – und vor allem die seit 1990 währende Krise am japanischen Aktienmarkt: Kaum ein Industrieland altert so drastisch wie Japan. Was ist also zu tun?
 

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