• Dienstag, 17.10.2017
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ALTERSKULTUR

Werte

Von Helmut Bachmaier  
Grafik: @europaeischewerte.info / HB
Die Begriffe Werte, Wertewandel, Wertehaltung oder Wertekultur zirkulieren im öffentlichen Bewusstsein, ohne dass sie immer erklärt oder begründet werden.

Allgemein haben Werte eine dreifache Funktion: Sie sind

  • Orientierungshilfen,
  • Auswahlkriterien
  • oder Differenzierungsmerkmale.

Dabei liegt ein Wert nicht in einer objektiven Realität oder Gegenstandswelt ausser uns, sondern er ist ein subjektiver Massstab der persönlichen Einstellung. Dabei werden Werte als Selektionsinstrumente und Differenzierungsmuster oftmals kulturell oder gesellschaftlich geprägt. Es ist ein erstrebenswertes Ziel oder das Begehren bzw. Bevorzugen eines Objektes, was den Wertebezug einer Entscheidung ausmacht.

Orientierungskriterium
Im Rahmen der früheren soziologischen Theoriebildung hat Talcott Parsons („The Social System“, London 1964 [zuerst 1951], S. 12) eine sehr plausible Definition von „Wert“ gegeben. Danach ist ein Wert „ein Element eines gemeinschaftlichen Symbolsystems, das als Kriterium oder als Selektionsstandard bei den in einer Situation als offen erscheinenden Alternativen der Orientierung dient.“

 

 
  Nach Talcott Parsons muss jedes System vier Funktionen erfüllen,
um seine Existenz erhalten zu können:
[Quelle: Wikipedia]
 
 
  1. Adaptation (Anpassung):
    die Fähigkeit eines Systems, auf die sich verändernden äusseren Bedingungen zu reagieren, sich anzupassen.
  2. Goal Attainment (Zielverfolgung):
    die Fähigkeit eines Systems, Ziele zu definieren und zu verfolgen.
  3. Integration (Eingliederung):
    die Fähigkeit eines Systems, Kohäsion (Zusammenhalt) und Inklusion (Einschluss) herzustellen und abzusichern.  
  4. Latency bzw. Latent Pattern Maintenance (Aufrechterhaltung):
    die Fähigkeit eines Systems, grundlegende Strukturen und Wertmuster aufrechtzuerhalten.
 
     
 


In diesem Kontext haben Werte einen Einfluss auf die Differenzierung und Auswahl von Handlungszielen und Handlungsszenarien sowie auf die konkrete, aktuelle Handlungsweise. Wertentscheidungen haben es an sich, dass sie als Ausschlusshandlungen das negieren, was nicht zustimmungsfähig ist. Insofern wird dadurch das Wertvolle – das, was als ein „Gut“ gilt – generiert. Werte sind dabei die Regulative oder Regeln, die zur Beurteilung verhelfen.

Operative Werte – Objektwerte
Eine viel diskutierte Frage war und bleibt, ob Werte bereits in möglicherweise begehrten oder begehrenswerten Objekten oder erst in der Präferenzierung, im Bevorzugungshandeln, durch den Wertenden entstehen. Der Semiotiker Charles W. Morris („Varieties of Human Value“, Chicago 1956, S. 9ff.) hatte dafür folgendes Begriffspaar vorgeschlagen: „operative Werte“, bei denen etwas gegenüber einem anderen bevorzugt wird infolge eines individuellen Präferenzmusters bzw. bei denen mit einem Wert bei Entscheidungen operiert wird, und „Objektwerte“, bei denen etwas einen Wert besitzen soll, auch ohne dass sich die Aufmerksamkeit oder das Streben darauf richten. Hier wird die Auffassung vertreten, dass jede Wertorientierung es mit operativen Werten zu tun hat. Dies gilt auch für die Tausch- und Gebrauchswerte in der Ökonomie. Werte sind individuelle oder kollektive Zuschreibungen von qualitativen Bedeutungen, die mit der Zuschreibung erst entstehen.

 
Immanuel Kant Max Scheler Heinrich Rickert Wilhelm Windelband
Immanuel Kant Max Scheler Heinrich Rickert Wilhelm Windelband
 


Selbstwerte

Gegen eine unbegrenzte Verwendung des Wertbegriffs – zusätzlich eine Absetzung von Kants ethischem Formalismus – hat sich Max Scheler („Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik“, 1913/16) mit seiner materialen Wertethik gewandt. Deren Geltung führt er auf apriori gegebene, unmittelbar einsichtige Inhalte zurück, die der Mensch durch Intuition und Gefühle erfassen kann. Vor den Gütern und Wertdingen stehen bei ihm die „Selbstwerte“, die unabhängig von allen anderen Wertvorstellungen sind und stets ihre Werthaftigkeit behalten. In einer Rangordnung werden die verschiedenen Wertmodalitäten aufgeführt. Nach Scheler gibt es eine Wertehierarchie in aufsteigender Linie:
  • die sinnlichen Werte (angenehm – unangenehm )
  • die vitalen Werte (edel – gemein)
  • die geistigen Werte (recht – unrecht, wahr – falsch, schön – hässlich)
  • die heiligen Werte bzw. profanen Werte.

In der Philosophie des Neukantianismus (Heinrich Rickert, Wilhelm Windelband), von der Max Scheler her kam, wird Philosophie geradezu als eine Wissenschaft von Werten verstanden. Dabei ist die Wertlehre die Voraussetzung der Kulturphilosophie: Kultur ist eine wertbezogene Wirklichkeit.

Wertfreiheit

Eine andere Position steht hinter dem Postulat der Wertfreiheit, das von Max Weber nach dem historischen Werturteilsstreit auf die Wissenschaften ausgedehnt wurde. Die Aufgabe der Wissenschaften besteht darin, dass sie Erkenntnisse über Handlungsmöglichkeiten und Entwicklungen sowie ihre Konsequenzen gewinnen, ohne diese selbst zu bewerten: Wissenschaft macht Seins-, aber keine Sollensaussagen, was später von der Kritischen Theorie infrage gestellt wurde.

Werte und Alterskultur
Wird nicht von einem apriori-Konstrukt der Werte, die jeder Erfahrung vorgängig sind, ausgegangen, dann müssen die individuellen bzw. subjektiven Präferenzmuster in Letzt- oder Begründungsbegründungen wie z. B. Religionen oder Weltanschauungen verortet werden. Werte, die nicht in einer sie tragenden Kultur begründet werden, bleiben beliebig und wirken bestenfalls appellativ (Muster: Wir setzen uns ein für x; x als Variable).

Aus diesem Grund ist auch der Zusammenhang von Werten und Alterskultur unauflöslich. Dabei sollte aus unserer Sicht gelten, dass Alterskultur und damit Werte auf den klassischen Humanismus, die formale Ethik Kants, den methodischen Rationalismus und die intergenerative Verpflichtung im Sinne von Hans Jonas zurückzuführen sind. In diesem Horizont gewinnen altersrelevante Werte wie Selbständigkeit, Verantwortung, Sicherheit oder Respekt ihr semantisches Profil – und führen zur Wertschätzung.

       
 
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