• Dienstag, 26.09.2017
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GESUNDHEIT

Ernährungstherapie frühzeitig beginnen

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Von Walter O. Seiler
Ernährungstherapie frühzeitig beginnen
© Pixabay

Nutrogramm ermöglicht genaue Diagnose

Hat die Befragung des Patienten oder dessen Angehörigen nach Appetitverhalten und Essgewohnheiten Hinweise auf eine Malnutrition ergeben, wird der Arzt ein Nutrogramm, eine Nährstoffanalyse im Blut, verordnen. Weil kranke Menschen im Alter an Appetitmangel und an einer Abneigung gegen Fleischverzehr leiden, meiden sie diese Nahrungsmittel. So gleiten sie in die Malnutrition ab. Am häufigsten zeigt die Blutanalyse folgende typische Mangelzustände im Alter:
  • Eiweissmangel,
  • Zinkmangel,
  • Vitamin D-Mangel,
  • Vitamin B 12-Mangel,
  • Eisenmangel
  • und zu tiefe Werte für Lymphozyten, die für die Immunabwehr gegen Infektionen verantwortlich sind.

Ernährungstherapie sofort beginnen

Bei Verdacht auf Unterernährung wird dem Patienten zuerst vollbilanzierte flüssige Nahrung angeboten. Diese enthält alle notwendigen Nährstoffe in kleinstem Volumen, ist angenehm im Geschmack und leicht trinkbar.

Sobald das Nutrogramm die genauen Nährstoffdefizite aufdeckt, werden spezifisch für den einzelnen Patienten die mangelnden Nährstoffe extra zugeführt. Dies betrifft meistens folgende Nährstoffe: Vitamin B12, Eisen, Zink, Eiweiss, Folsäure und andere. Zum Beispiel wird Vitamin B12 und Eisen mittels einer Spritze in die Venen substituiert. Zink, Folsäure und andere Vitamine und Mineralstoffe werden mittels Tabletten oder Tropfen verabreicht. Mit diesem Vorgehen lassen sich die meisten Nährstoffdefizite innerhalb weniger Tage korrigieren.
Verbreitung von Untergewicht und Übergewicht im Alter (Frauen)
Verbreitung von Untergewicht und Übergewicht im Alter (Frauen)

Eiweissreiche Nahrung: ein Muss

Einen Eiweissmangel allerdings kann nur der Patient selber korrigieren. Dazu muss er täglich eiweissreiche Kost essen und vollbilanzierte eiweissreiche Trinknahrung zu sich nehmen. Ferner wird eine Umstellung der Essgewohnheiten auf Nahrungsmittel mit hohem Nährstoffgehalt angestrebt:
  • Eier,
  • Milch,
  • Quark,
  • Joghurt,
  • Käse,
  • Hüttenkäse,
  • Fleisch
  • Fisch.

Diese Nahrungsmittel enthalten sehr viele Nährstoffe in kleinstem Volumen.

Erfolg der Aufernährung kontrollieren

Die wiederkehrende Kraft, das wachsende körperliche und seelische Wohlbefinden des Patienten zeigen den Erfolg der Ernährungstherapie an. Dies führt bei allen Beteiligten zu einem freudigen Motivationsschub. Spricht aber der Patient auf die Ernährungstherapie wenig oder nur unsicher an, wird der Arzt ein sogenanntes Spezialnutrogramm verordnen. Damit lassen sich auch sehr seltene Mangelzustände aufdecken.

Ursache der Malnutrition suchen

Nach Einleiten der Ernährungstherapie muss die Ursache des Appetitmangels, das heisst der Unterernährung, gesucht werden. Häufige Ursachen des Appetitmangels sind:
  • Magenschleimhautentzündung,
  • Magengeschwür,
  • akute oder chronische Infektionen der Lunge, der Nieren oder des Magendarmtraktes,
  • Depressionen,
  • beginnende Demenz,
  • Vereinsamung,
  • Medikamente gegen Arthrose,
  • Medikamente gegen Gelenkskrankheiten und viele andere.

Appetitmangel wird durch Krankheiten oder Medikamente verursacht. Daher lässt sich die Ursache eines länger dauernden Appetitmangels nur mittels einer kompletten ärztlichen Untersuchung ermitteln und nicht durch Einnahme von Appetit stimulierenden Mitteln.

Beispiel

Herr K. (78-Jährig): Absturz in die Malnutrition wegen Vereinsamung
Der 78jährige Herr K. pflegt seine krebskranke Ehefrau allein zu Hause, ohne Verwandte oder Bekannte. Im März stirbt seine Frau. Allein auf sich angewiesen, vereinsamt der Mann und kann für sich nicht mehr sorgen. Zwei Monate später veranlasst der Sozialdienst via Hausarzt die Einweisung ins Krankenhaus mit den Diagnosen: Bettlägerigkeit, Appetitlosigkeit, Abmagerung, Verwahrlosung, Pflegenotfall. Im Spital zeigt das Nutrogramm (siehe Graphik unten) eine schwere Malnutrition.
Nutrogramm von Herrn K.
  Normalwerte Mai August
       
Eiweiss (Albumin) g/L 45-35 26 35
Eisen mikromol/L 9.5-33 4.9 10.3
Zink mikromol/L 10.7-22.9 8.6 11.2
Vitamin B12 pmol/L >300 89 421
Lymphozyten pro mm³ 500-1800 500 1560
Body-Mass-Index 20.0-25.0 17.2 19.1
Bei Spitaleintritt im Mai weist das Nutrogramm von Herrn K. auf eine sehr schwere Unterernährung hin: Eiweissmangel (Albuminwert 26), Eisenmangel (Eisen 4.9) etc. Die Lymphozyten sind mit 500 sehr tief. In diesem Zustand besteht nur eine geringe Abwehrkraft (Immunität). Erst im August haben sich alle Laborwerte normalisiert und erlauben eine Verlegung des Patienten in ein Altersheim.
Die medizinischen Untersuchungen ergeben folgende Befunde: schwere Malnutrition, Depression, weitere Krankheiten, Gewichtsabnahme von 10 kg innerhalb 2 Monaten. Schlecht sitzende Zahnprothesen.

Therapie und Verlauf

Erst nach 3 Monaten hat sich der Ernährungszustand soweit normalisiert, dass Herr K. in ein Altersheim verlegt werden kann, um der erneuten Vereinsamung vorzubeugen.


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