• Montag, 20.11.2017
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ALTERSTHEMEN

Tiere als Partner

Von Helmut Bachmaier  
Foto: Gert Altmann @pixelio.de
Tiere wurden lange Zeit nur als „Sachen“ angesehen und entsprechend behandelt. Heute betrachten wir sie als Partner des Menschen.

Die enge Beziehung zwischen Mensch und Tier ist seit der Frühgeschichte und durch Mythen und Erzählungen belegt. Immer gehören die Tiere zur sozialen Ordnung des Menschen und zu seinem Bild der Schöpfung oder des Kosmos. Ganze Gesellschaftsformationen wie die der Jäger oder der Bauern sind ein Niederschlag dieser Beziehung. Der Anthropomorphismus hat Tiere vermenschlicht und ihnen Charaktereigenschaften des Menschen zugesprochen. Märchen verwischen oft die Grenze zwischen Mensch und Tier und sind als frühe Zeugnisse Ausdruck des Ineinanderfliessens und der stammesgeschichtlichen Nähe beider Lebewesen. Die Fabeln haben ausserdem den Tieren oft eine Weisheit in den Mund gelegt, die Menschen manchmal fehlt.

Herrschaft über Tiere
Im Alten Testament, in der Schöpfungsgeschichte (1. Mose 1), wird die Erschaffung des Tierreichs durch Gott am fünften Tag vollbracht. Am sechsten Tag wird der Mensch als Ebenbild Gottes erschaffen und mit folgendem Auftrag versehen:

„Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“

Durch diesen Passus der Genesis wurde der Zweck der Tierwelt lediglich darauf reduziert, dass der Mensch über die Tiere herrschen soll, die ihm zur Nahrung dienen. Zwar waren sie mit ihm im Paradies, jedoch haben Tiere – ausgenommen die Schlange – keinen Anteil am Sündenfall. Dennoch entsteht der Eindruck, dass Tiere die eigentlichen Opfer geworden sind. Das Verfügungsrecht des Menschen über alle Kreaturen wurde aus dem göttlichen Auftrag direkt abgeleitet.

Orpheus
Ein durchaus freundliches Bild begegnet uns im griechischen Mythos um den Sänger Orpheus. Dieser stimmt seinen Gesang an, oder er spielt auf seinem Instrument sanfte Töne, so dass die Tiere aus allen Himmelsrichtungen zu ihm kommen, um der Musik zu lauschen. Tiere, die sonst einander Feind sind, legen alle Aggressionen und Beuteinstinkte ab und stehen friedlich zusammen. Der Wohlklang der Musik verwandelt die Tierwelt und schafft eine Gemeinschaft mit dem Menschen wie sonst nur die „Vogelpredigt“ des Franz von Assisi.

Wie sehr sich Gerechtigkeitsgefühle und Trauer im Umgang mit Tieren entwickeln können, belegt die anrührende Geschichte des „heiligen Hundes“ Saint Guinefort aus dem Mittelalter. Dieser Hund wurde zum Schutze eines Kindes zurückgelassen, als einmal die Eltern ausser Haus gingen. Als die Eltern zurückkamen, fanden sie ihr Kind verletzt und den Hund blutverschmiert vor. Sie glaubten voreilig, der Hund habe das Kind angegriffen, und sie erschlugen ihn. Es stellte sich jedoch heraus, dass der Hund das Kind gegen eine gefährliche Schlange verteidigt und so dessen Leben gerettet hatte. Dieser Hund, irrtümlich erschlagen, wurde zum Gegenstand eines regelrechten Kultes in Frankreich – man sah in ihm einen Märtyrer -, der sich bis ins 19. Jahrhundert erhalten hat.


Haustiere in der Schweiz - Anteil Haushalte in % - Stand 2007


Tierphilosophie
Während in Tiergeschichten wie Thomas MannsHerr und Hund“ oder in Virginia Woolfs „Biographie“ ihres Hundes Flush Tiere als Partner des Menschen mit subjektivem Liebhaberblick geschildert werden, haben sich die Philosophen um die Begriffsarbeit gekümmert. Dabei ging es ihnen zuvörderst um die klare begriffliche Trennung von Mensch und Tier. Sie sahen den Unterschied

 

  • in der Reflexionsfähigkeit,
  • im Vermögen, Allgemeinbegriffe zu bilden,
  • im Selbstbewusstsein,
  • im zielorientierten Handeln,
  • in der theoretischen und moralischen Urteilsfähigkeit und
  • in der Personalität, die nur dem Menschen und nicht dem Tier zuerkannt wurde.
     

Man konzidierte zwar, dass Tiere in mancher Hinsicht – vor allem, was die Sinne angeht – dem Menschen überlegen sein können, jedoch orientierten sie sich häufig an einer Hierarchisierung der Vermögen, die dem Verstand und der Vernunft einen höheren Rang einräumte als der Sinnlichkeit. Das Zwei-Klassen-System der Lebewesen bestimmt auch aktuelle Diskussionen um Tierethik und Tierrechte. Besonders wird in ethischen Diskursen der Philosophie die Verantwortung und die Schutz- und Fürsorgepflicht des Menschen gegenüber den Tieren begründet, so dass Tierethik unmittelbar zu einer Ethik des Tierhalters wird.

Argos
Bekannt ist aus der „Odyssee“ des Homer die Geschichte des Hundes Argos, der im Unterschied zu allen Menschen seinen Herrn Odysseus nach 20 Jahren auch im Gewand des Bettlers wieder erkennt und danach stirbt.

Der Arzt Alkmaion von Kroton (5. Jhd. v. Chr.) hat erstmals eine Stufenleiter und damit Rangordnung der Lebewesen konzipiert, wobei er dem Menschen ausschliesslich den Verstand, den Tieren Wahrnehmung, aber ohne Verständnis, zubilligte. In seiner Nachfolge wurde dazu zweifach argumentiert: Das Tier macht von Natur aus, instinktsicher, alles richtig – und: Das Tier kann Vorbild für ein naturgemässes Verhalten sein.

Gleichheit
Kritik an den Auffassungen des Anthropozentrismus übte am Beginn der Neuzeit der Philosoph, der in seinen Essays erstmals die moderne Introspektion einführte: Michel de Montaigne. Er warf diesen Auffassungen vor, nicht aus Einsicht und Wissen, sondern aus Überheblichkeit den Menschen von den übrigen Lebewesen zu trennen und ihn über die Tiere zu stellen, wobei den Tieren nur die Eigenschaften zugeschrieben werden, die dem Menschen irgendwie gut dünken. Montaigne forderte nachdrücklich, die Gleichheit („parité“) zwischen Tier und Mensch anzuerkennen, und er nennt die Tiere Mitbrüder und Gefährten. Tiere haben für ihn durchaus eine Urteilskraft, die sie lernfähig macht, und Tugenden, wie sie in ihrem sozialen Verhalten zeigen.

Descartes hat dagegen mit seiner These vom mechanischen Handeln und von den Tieren als Automaten die Argumente dafür geliefert, dass bei vernunftlosen Wesen auf Mitleid verzichtet werden könne. Letztlich geht es bei diesen Auseinandersetzungen um die Frage der Tier-Seele. Wird sie anerkannt – oft nur esoterische Wunschvorstellungen –, dann verliert der Mensch seine singuläre Stellung im Kosmos.

Keine Sache
Tiere werden auch heute noch oft lediglich als Sache und uneingeschränktes Eigentum eines Tierhalters betrachtet. Diese können in manchen Staaten relativ frei über ein Lebewesen verfügen, ohne dass Sanktionen zu befürchten sind. Durch die Tierschutzbewegung hat sich – zumindest in den Köpfen - vieles verändert. Zunehmend wird der Grundsatz anerkannt, dass Tiere als „Mitgeschöpfe“ zu betrachten sind, für die wir eine Schutz- und Sorgfaltspflicht haben. Insofern müssen wir vor allem verhindern, dass Tieren Schmerzen zugefügt werden und dass sie leiden. Während wir Menschen lernen können, mit einem Schmerz umzugehen – wir wissen, dass es Aspirin gibt und den Arzt -, sind Tiere dem Leiden direkt ausgeliefert, ohne eine „Bewältigungsstrategie“ zu kennen. Darum sind alle Formen von rituellen Tieropfern, von Hunde- und Stierkämpfen oder gar qualvolle Tiertransporte ein Skandal unserer Zivilisation. Unser Umgang mit Tieren lässt Rückschlüsse auf unseren Umgang mit Menschen zu.

Tiere im Alter
Tiere können uns als Freunde und Partner viel bedeuten. Sie geben uns häufig das Gefühl einer engen emotionalen Bindung: Sie wenden sich nicht von uns ab, sie spenden Trost in Krisensituationen, sie sind Helfer bei Trauerbewältigungen, sie stellen eine Kontaktbrücke zu anderen Menschen dar. Tiere verhindern Vereinsamung und Isolation und tragen zur Strukturierung des Alltags bei: Füttern, Ausführen usw. sind feste Bestandteile im Tagesverlauf. Nicht zuletzt nehmen sie uns in die Verantwortung, für sie schonend, artgerecht und liebevoll zu sorgen. Dafür spenden sie uns das Glück einer guten Freundschaft.

Nachweislich tragen Tiere gerade im Alter zu Wohlbefinden und zur Stärkung von Seele und Körper bei. Die Nähe eines Tieres als Begleiter des Menschen fördert dessen Mobilität und Lebenszuwendung. Ausserdem gilt es als gesichert, dass Tierhalter eine um bis zu ca. 7 Jahre höhere Lebenserwartung haben. Es kann eine schöne Aufgabe für ältere (und jüngere) Menschen sein, sich um Tierpartnerschaften zu kümmern, etwa Tiere in einem Tierheim regelmässig zu besuchen, auszuführen, zu betreuen.

Tierhaltung wird in Alterseinrichtungen heute zunehmend gewährt. Die Versorgung der Tiere wird – wenn nötig - vom Personal übernommen. Und auch im Todesfalle wird die Fürsorge für die zurückbleibenden Tiere gewährleistet: Tiere gelten uns als wichtige Partner des Menschen.

 

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