• Montag, 20.11.2017
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ALTERSTHEMEN

Ältere Menschen in Europa

Von Maja Petzold  
Ein Blick auf Europa zeigt: Das grosse Werk der Einigung hat noch beachtliche Lücken. Eine Arbeitsgruppe der EU zur Förderung des Engagements von Senioren in politischen Organisationen (SEVIR) hat vor einiger Zeit unter anderem zu Tage gebracht, wie unterschiedlich das Verhältnis älterer Menschen zum Staat ist.


Zwischen 2006 und 2009 untersuchten Forschende den sozialen und politischen Platz der älteren Generation in ihrer jeweiligen Gesellschaft in sechs EU-Staaten. Es erstaunt nicht, dass markante Unterschiede festgestellt wurden. Überall gilt: Der gegenwärtige demographische Wandel – konkret: die Zunahme der Zahl der Rentner und Rentnerinnen im Verhältnis zur arbeitenden Bevölkerung – ist ebenso unbestritten wie die Chance, dass viele aktive ältere Menschen bereit sind, sich zu engagieren.

Den älteren Menschen ist zumeist nicht bewusst, welche politische Macht sie eigentlich zur Verfügung haben. Nicht überall bestehen Strukturen, die eine Mitsprache von Senioren ermöglichen. Was in Deutschland, Grossbritannien und in der Schweiz an Mitwirkungsmöglichkeiten vorhanden ist, fehlt in Italien, Polen und Bulgarien weitgehend. Das gilt auch für Weiterbildungsprogramme.

In vielen Ländern herrscht deutlich spürbare Staatsverdrossenheit oder Misstrauen gegenüber staatlichen Organen. „Politik scheint in vielen Ländern ein schmutziges Geschäft zu sein, von dem man sich besser fernhält", lesen wir im SEVIR-Bericht. Das bestätigt sich im Selbstverständnis vieler staatlicher Verwaltungen, die einen obrigkeitsstaatlichen Stil pflegen und den Bürger nur als Bittsteller und potentiellen Störenfried ansehen - und entsprechend behandeln.

Senioren in die politischen Entscheidungen einbeziehen
In Deutschland wie in der Schweiz bestehen zahlreiche Möglichkeiten für Senioren, ihre Interessen politisch zu vertreten. In der Schweiz, wo es zum politischen Stil gehört, alle beteiligten Organisationen in Entscheidungen einzubeziehen, geschieht dies auch in Altersfragen. Die Zahl der Altersverbände und ihre unterschiedlichen Zielsetzungen erschweren allerdings oft klares, gemeinsames Handeln.

In Deutschland hingegen wird vieles unkoordiniert angegangen. Die Seniorenräte treten nicht gemeinsam auf und stossen in der Kommunalpolitik vielfach auf Bedenken und Widerstände. Scheinbar gilt immer noch der alte Grundsatz: „Wo es funktioniert, braucht es keine Regelung; wo es nicht funktioniert, hilft keine Regelung!"

Spontane Aktion in Verona
Ein schönes Beispiel unkonventioneller Aktionen wird von Seniorinnen in Verona berichtet:
Vor einiger Zeit demonstrierte ein gutes Dutzend älterer Frauen, alle über 70, mehrere Tage lang, um eine Grünfläche vor der Bebauung zu retten. Sie hatten sich spontan zusammengeschlossen. Einige demonstrierten mit einem Rosenkranz in der Hand, andere mit einer Wärmflasche im Schoss. Wo erfahrene Politiker gescheitert waren, gewann diese Gruppe von selbstbewussten Frauen dank der sofort präsenten Medien die Sympathie der Bevölkerung und zog damit die Aufmerksamkeit der Politiker aller Couleur auf sich. Um die Frauen zufriedenzustellen, verzichteten die Politiker kurzerhand darauf, eine von der Regierung bewilligte Summe von mehreren Millionen Euro für ein Gebäude auszugeben, das diese Grünfläche zum Verschwinden gebracht hätte.

Altlasten des kommunistischen Systems
Polnische Senioren sind oft gut ausgebildet und besitzen ein grosses Potential. Trotzdem kümmern sie sich bisher kaum darum, ihre Interessen bei den lokalen Behörden und Gemeindevertretungen einzubringen. Bis 1989 war nämlich von Staats wegen eine passive Haltung erwünscht. Aktivitäten wurden nur innerhalb der kommunistischen Partei gefördert, die jedoch in der Bevölkerung höchst unbeliebt war. So blieb es bei der allgemeinen Einstellung, dass Senioren fast mit Sozialhilfeempfängern gleichgestellt wurden, denen keine weiteren Bedürfnissen und Möglichkeiten zustanden. Es ist neuerdings zu erkennen, dass sich künftige Senioren auch in Polen aktiver um ihre Geschicke kümmern werden.

Menschen an der Grenze zur Armut
In Grossbritannien spricht man vor allem davon, dass unter alten Menschen Armut sehr verbreitet ist. Nur in Lettland, Spanien und Zypern besteht, statistisch gesehen, ein grösseres Risiko, als alter Mensch unter die Armutsgrenze zu geraten. Gerade in Grossbritannien zeigte sich, dass die misslichen Lebensbedingungen alter Menschen nicht durch die Schaffung von irgendwelchen Interessenvertretungen allein korrigiert werden können.

Der Erfolg ist erfahrungsgemäss deutlich grösser, wenn die Betroffenen selbst die Stimme erheben und so viel Arbeit wie möglich selbst leisten. Das Engagement auf politischer Ebene zu verbessern ist und bleibt eine anspruchsvolle Aufgabe. Die eigene Gemeinde oder der Bezirk, wo Erfolge konkret spürbar sind, spricht ältere Menschen mehr an als "die grosse Politik". SEVIR arbeitet deshalb auf der Ebene der Erwachsenenbildung. Auch diese funktioniert in den EU-Ländern in höchst unterschiedlichen Formen. So bleibt nur der Schluss, dass es für ältere Menschen in Europa noch sehr viel zu tun gibt.
 

 

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