• Montag, 20.11.2017
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FINANZPLATZ

Die Welt im Umbruch

Von Willy Burgermeister  
„Wir haben unsere Welt so radikal verändert, dass wir gezwungen sind, uns selber zu ändern, um in ihr existieren zu können“, lehrt uns Norbert Wiener, Mathematiker und Begründer der Kybernetik.


Mit einigem Schrecken erkennen wir plötzlich, dass immer mehr alte, vermeintlich fest verwurzelte Gewissheiten verkrümeln. Die Welt kippt aus ihren Fugen. Demokratie sei die Herrschaft der Politiker, meinte der Ökonom Joseph Schumpeter einmal ganz unverblümt. Und das „sanfte Monster Brüssel“ (Hans Magnus Enzensberger) scheint diese harte These zu bestätigen.

Über ein halbes Jahrhundert hinweg blähten die meisten Industrienationen gefrässige Schuldenmonster auf. Jahr für Jahr, egal wer regierte und welcher Zeitgeist auch wehte, eines schien so sicher wie Weihnachten und der Tod: heranrollende und wachsende Schulden. Diese fatale, politisch gewollte und genährte Verzerrung wirft nun ihre langen, dunklen Schatten voraus. Unsere Demokratie kommt auf einmal wie entkleidet daher, denn ein Verfahren, dessen Akzeptanz mit fremden Geldern erkauft wird, leiht sich unbekümmert die Gegenwart von der Zukunft. Irgendwann laufen wir Gefahr, dass der Wille oder die Macht nicht mehr vom Volk ausgeht, sondern von den Kreditgebern. Griechenland liefert uns dazu das traurige Beispiel.

Erschöpfte Staaten! Die führenden Industrieländer rund um den Globus ringen verzweifelt mit ausuferndem Schuldenschutt, beängstigender, nicht zu zügelnder Arbeitslosigkeit, blutleerem Wirtschaftswachstum und abbröckelnder, zerfasernder Infrastruktur. Eine ganze Generation fühlte sich einst sicher, dass in jedem nur erdenklichen Ernstfall die Notenbanken die Reissleine ziehen und die Zinsen kappen würden, um einer lahmende Konjunktur wieder auf die Beine zu helfen. Heute aber hängen die Zinsen bereits so tief im Keller, dass es da kaum mehr etwas anzukurbeln gibt. Wachstum können wir aber nicht mehr länger über Schulden finanzieren. Jetzt muss die Zeche bezahlt werden. Gigantische Verbindlichkeiten aufzutürmen auf Kosten kommender Generationen geht nicht mehr!

Zukunftsperspektiven
Wie müssen wir uns die Welt in einigen Jahren vorstellen? Die USA auf einem morschen, brüchigen Ast, Europa ein politisch zerrissener Kontinent ohne Einfluss, während China seine Muskeln spielen lässt? Andere Riesen wie Indien, Brasilien oder Indonesien erwachen. Wie werden wir uns verhalten, sollten diese neuen, ökonomischen Giganten mehr politische Gestaltungsmacht einfordern. Sind unsere althergebrachten Institutionen überhaupt fähig und willens, diese mächtig aufstrebenden Volkswirtschaften wirkungsvoll einzubinden?

Was mich bei all diesen Überlegungen beunruhigt, - dass in diesen hitzigen Debatten der demographische Wandel völlig ausgeblendet wird. Geben wir uns keiner Illusionen hin: Das Finanz-, Wirtschafts- und Schuldenschlamassel wird auch unsere Altersvorsorge durchdringen. Junge Menschen fragen sich, ob es sich denn noch lohnt, auf die alten Tage zu sparen. Die mittleren Jahrgänge überlegen fieberhaft, wie sie ihr Erspartes schützen können und wie das zukünftige Sparen aussehen soll. Und den älteren Semestern, die ihre Schäfchen im Trockenen wähnen, sitzt die Angst vor einem Rückfall in kargere Zeiten im Nacken. Die Rentenkassen ächzen. Der Nachwuchs fehlt.

Japan – Stagnation und Deflation
Werfen wir einen kurzen Blick auf Japan, das älteste Land der Welt: Bald schon erreicht jeder vierte Japaner das Alter von 65 Jahren. Das krempelt die Wirtschaft grundlegend um. Das Unbehagen zeichnet sich ab, dass sich die Menschen in Stagnation und Deflation einrichten müssen, denn Japan ist schon lange kein Land des Aufbruchs mehr.

Der Weltgemeinschaft harren ungeheuere Herauforderungen. Die absehbare Verknappung lebenswichtiger Rohstoffe und Ressourcen wird unser Leben grundlegend umpflügen. Ökologische Anliegen erobern in der Politik eine breite Zustimmung, und die Erwartungen der Bevölkerung schiessen ungebremst himmelwärts.

Vielleicht liegt es wirklich an der Politik oder an den Medien, vielleicht aber auch an uns selbst, dass wir wohlstandsverwöhnte, selbstzufriedene und gleichgültige „es geht immer noch mehr“ – Menschen sind (Martin Walser). Was tun, wenn sich die Aufwärtsspirale nicht mehr wie gewohnt dreht, wenn sie stagniert und knirscht?

 

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