• Montag, 20.11.2017
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PERSÖNLICHKEIT DES MONATS

Produktive Menschenfreundlichkeit

Die Vorsitzende der Geschäftsleitung des Schweizerischen Roten Kreuzes, Kanton Zürich, Annalis Knoepfel-Christoffel, im Gespräch mit Helmut Bachmaier.


Frau Knoepfel-Christoffel, Sie sind jetzt neun Jahre Vorsitzende der Geschäftsleitung des Schweizerischen Roten Kreuzes, Kanton Zürich. Wie ist es dazu gekommen?

Eine Kollegin, die ehemalige Leiterin der SRK-Sektion Zürich, berichtete mir von Problemen bei der Suche nach einer neuen Geschäftsleitung des SRK Kanton Zürich und gab mir den Tipp, mich für diese Position zu bewerben. Ein Headhunter, der vom SRK Kanton Zürich beauftragt war, diese Position neu zu besetzen, erteilte mir zunächst eine Absage. Schliesslich habe ich dennoch diese Stelle bekommen und kann sagen, dass es damals wie heute die Tätigkeit ist, die ich mir immer erträumt habe.

Angetrieben durch grossen Erfahrungshunger hat mich mein beruflicher Werdegang von der direkten Pflege am Patienten, über die Intensivpflege, rasch in verschiedene Kaderpositionen und entsprechende Ausbildungen gebracht, unter anderem als Leiterin des Pflegedienstes am Stadtspital Triemli in Zürich und dann als Leiterin Fachdienst Pflege bei der Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich. Mit 54 Jahren habe ich das Masterstudium im Bereich Organisationsentwicklung in Dienstleistungsunternehmen an der Universität Wien abgeschlossen. Hier konnte ich mir die Grundlagen zur Systemsteuerung erarbeiten.


Beschreiben Sie uns bitte kurz, was Sie unter „Systemsteuerung“ verstehen?

Man muss immer das ganze System anschauen und bei Entscheidungen mit einbeziehen, denn Änderungen in Teilsystemen haben Auswirkungen auf das Gesamtsystem. Ein System kann zum Beispiel eine Organisation und ihr Umfeld sein. Also eigentlich bedeutet gute Systemsteuerung, stets den Blick für das Ganze zu haben.


Wenn Sie zurückblicken, welche Stationen waren für Sie am wichtigsten?

Die Zeit als Leiterin des Pflegedienstes des Stadtspitals Triemli war eine wichtige berufliche Zeit für mich und sehr herausfordernd. Ich war die einzige Frau in der Spitalleitung. Dort habe ich Führungsaufgaben auf verschiedenen Ebenen erfahren können. Später als Leiterin Fachdienst Pflege in der Gesundheitsdirektion lernte ich politische Prozesse kennen und auch den richtigen Umgang damit.


Wie sahen Ihre Pläne aus, als Sie 2002 hier beim Schweizer Roten Kreuz begonnen haben?

Ich wollte neue Dienstleistungen aufbauen. Der Ist-Zustand der Organisation war aber damals nicht optimal, so dass eine Reorganisation notwendig wurde. Vor meiner Zeit wurde ein Organisationsentwicklungsprozess (bottum up) eingeleitet, dann kamen strenge Sparvorgaben von "oben" dazu (top down). Es war nicht ganz einfach, diese unterschiedlichen Vorgehensweisen zusammen zu führen. Die Re-Organisation ist aber geglückt, auch dank vieler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und dem Vorstand, die diese Veränderungen mitgetragen haben. Wir haben heute eine schlanke Organisationsstruktur mit kurzen Entscheidungswegen, die sich auch über die Jahre bewährt hat. In der Zwischenzeit konnte ich auch neue Dienstleistungen anpacken. Dass dies gelungen ist, darauf bin ich stolz.


Nennen Sie uns doch drei bis vier Schwerpunkte Ihrer jetzigen Arbeit?

Zum einen sind da der Fahrdienst, der Notruf und das Tageszentrum, traditionelle Angebote, in denen gesundheitlich beeinträchtigten und älteren Menschen eine Hilfestellung und Unterstützungen im täglichen Leben gegeben werden.

Dann zum anderen, für mich ganz wichtig, die Migrationsarbeit. Wir bieten unter anderem eine „SOS-Beratung“ an, drei Mitarbeiterinnen leisten hier Hilfe zur Selbsthilfe und beraten die Hilfesuchenden.

Ein weiterer Punkt ist die Bildung von Laien für den Heimbereich: Das sind etwa die PflegehelferInnenkurse und das anschliessende Zertifikat PflegehelferInnen in Langzeitpflege. Beide Angebote erfreuen sich einer grossen Nachfrage.


Was würden Sie noch gerne erreichen, was möchten Sie noch umsetzen?

Ich würde gerne einen Entlastungsdienst für pflegende Angehörige ins Leben rufen, nicht gedacht als Konkurrenz zu Spitex, sondern in Form von Entlastungstagen, Entlastungsstunden für die pflegenden Angehörigen. Während dieser Zeit könnten diese, da die jeweiligen Patienten betreut sind, ruhig ihren alltäglichen Besorgungen nachgehen oder einfach einmal Erholungszeit für sich haben.

Dieser Entlastungsdienst könnte in zwei Stufen erfolgen: Stufe eins würde Entlastungsdienst mit Angeboten zur Unterstützung der Aktivitäten des täglichen Lebens bedeuten. Stufe zwei umfasste Entlastungen in Form von Vorlesen, Spazierengehen oder ähnlichen Angeboten. Besonders wichtig ist mir hier, dass diese Dienste auch Personen, die finanziell nicht auf Rosen gebettet sind, angeboten werden könnten. Bisher sind diese Ideen an der Finanzierbarkeit gescheitert. Eine geeignete und vor allem langfristige Finanzierungsmöglichkeit ist leider noch nicht in Sicht.


Was ist das Geheimnis einer erfolgreichen Spendenakquisition?

Das Schweizer Rote Kreuz Kanton Zürich profitiert sehr stark von seinem guten Namen, er öffnet Türen. Aber es ist eine grosse Herausforderung, im hart umkämpften Spendermarkt erfolgreich zu sein und gleichzeitig einen guten Mix von Möglichkeiten zum Spenden anzubieten. Damit auch Leistungsaufträge von der öffentlichen Hand generiert werden können, ist ein guter Kontakt zu den politischen Behörden und der Verwaltung wichtig.


Wie sieht Ihr Altersbild aus?

Für mich gibt es kein einheitliches Altersbild, im Gegenteil, es ist sehr vielfältig. Zum einen gibt es die "Anti-Aging"-Bewegung, alle wollen irgendwie jung bleiben. Dann gibt es die aktive ältere Bevölkerung, die sich weiterbildet und noch dazu lernen möchte, beispielsweise in der Volkshochschule oder an Seniorenuniversitäten, oder auch bereit ist, Freiwilligenarbeit zu leisten. Weiterhin gibt es das Bild der Grosseltern, die eher praktisch orientiert sind. Nicht zuletzt gibt es die vielen einsamen Menschen im Alter, denn mit zunehmendem Alter wird der Freundeskreis durch Sterbefälle immer kleiner. Um diesen Menschen eine Hilfestellung zu geben, denke ich darüber nach, parallel zu unserem Notruf, einen Besuchsdienst für unsere Kundinnen und Kunden einzurichten.


Wie gestaltet sich Ihr eigenes Altersbild?

Ich freue mich, dann endlich die Freiheit und vor allem die Zeit zu haben, Dinge zu tun, die ich machen will, obwohl mir der Abschied vom Beruf wahrscheinlich auch schwerfallen wird. Ich habe viele Kontakte und suche den Mittelweg zwischen Engagement und Entspannung. Ich werde über meine Pensionierung hinaus noch zwei Stiftungsratsmandate und die Mitwirkung in der Heimkommission meiner Gemeinde aufrecht erhalten. Ich wünsche mir, dass ich zusammen mit meinem Mann noch viele Dinge erleben kann und wir beide gesund bleiben. Mir ist aber auch bewusst, dass Krankheiten kommen können, meine grösste Angst ist, dass einer von uns beiden an Demenz erkranken könnte. Dass ältere Menschen relativ zufrieden mit ihrem Leben sind, belegen viele Studien der Gerontologie. Das stimmt mich zuversichtlich. Die positive Einstellung ist für mich das Wichtigste.


Gibt es ein Bild für Ihr Leben, ein Symbol?

Bertolt Brecht hat von einer "produktiven Menschenfreundlichkeit" gesprochen. Ich glaube dieser Ausdruck trifft es ziemlich gut. Menschen, die nicht in der Norm sind, biete ich gerne meine Hilfe an, deshalb bin ich sehr glücklich, dass ich die letzten Berufsjahre in dieser Position beim Roten Kreuz Kanton Zürich arbeiten konnte.

Eines möchte ich noch generell über die ältere Generation sagen, und zwar anhand eines Beispiels aus meinem Leben:
Während des Masterstudiums war ich eine der älteren Studierenden, dennoch konnte ich stets gut mithalten und fühlte mich nie im Nachteil. Der grosse Erfahrungsschatz, aus dem ich schöpfen konnte, hat mir dabei sehr geholfen – und über einen solchen Erfahrungsschatz verfügen nur ältere Menschen. Aus diesem Grund sind sie für unsere Gesellschaft besonders wertvoll.

       
 
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