• Montag, 20.11.2017
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FINANZPLATZ

Auf der Kippe. Ein Zwischenruf

Von Willy Burgermeister  
Loriot, der kürzlich verstorbene Humorist, meinte einmal: „Aus einem Europa befreundeter Staaten wird eine zänkische, missgünstige Grossfamilie werden.“ Und Hans Magnus Enzensberger, der Intellektuelle und Schriftsteller, bemerkte kritisch: „Das Volk musste mit der Gründung der EU überrumpelt werden. Was die Technokraten am meisten stört, ist die Demokratie.“


Die Euro-Zone taumelt. Das Vertrauen schmilzt wie Schnee in der Frühlingssonne. Rettungsschirme, wohin wir dieser Tage auch blicken. Sie werden aufgespannt, beliebig ausgedehnt, man kann unter sie schlüpfen und hoffen, dass diese eigentümlichen Konstrukte aus Bürgschaften, Geld und Zweckgemeinschaften den peitschenden Stürmen einer wirren Welt widerstehen. Überall brennt es. Und immer mehr beschleicht uns das unheimliche Gefühl, der Euro entpuppe sich schlussendlich als ökonomische Dummheit. Die Europäische Zentralbank, die eigentlich die Stabilität der Währung  sicherstellen müsste, mutiert still und heimlich zu einer hochspekulativen Finanzmüllhalde. Wer oder was soll denn Griechenland, Portugal, Spanien und Italien aus ihrem Sumpf ziehen? Die Sparprogramme? Falls diese überhaupt umgesetzt werden, werden sie das jetzt schon sehr karge Wirtschaftswachstum zusätzlich knebeln.

Europaverträglichkeit
Wie viel Europa verträgt Europa eigentlich? Darf man die Integration hinter dem Rücken der Bürger betreiben? Die Gefahr eines heillosen Auseinanderdriftens brandet schlagartig hoch. Die EU muss endlich begreifen, dass tiefe Unterschiede auftauchen, die es auszuhalten gilt. Griechen und Spanier können wir nicht mit Deutschen und Franzosen gleichsetzen. Die Interessen der verschiedenen Nationen unter dem europäischen Dach laufen kreuz und quer durcheinander und lassen sich nur schwer auf einen Nenner bringen.

Die weltumspannende Finanz-, Wirtschafts- und Schuldenkrise, der heraufziehende Klimawandel, die sich immer deutlicher abzeichnende Alterung der Gesellschaft, die sich überall verschärfende soziale Spaltung, auch in entwickelten Ländern – alle diese Fragen harren dringend einer Lösung, doch niemand fühlt sich dafür wirklich zuständig. Vielleicht fehlt es uns an einem gemeinsamen Problemverständnis, und wir fragen uns deshalb immer eindringlicher: Beherrschen die Politiker die unzähligen Notlagen noch? Fehler einzugestehen ist nicht nur nicht vorgesehen, sondern gilt als verantwortungslos, und so verlieren wir die Fähigkeit, wirkungsvoll und überlegt auf Verwerfungen zu reagieren.

Interventionen
Es wird interveniert, dass die Balken krachen. Auch die Schweizer Nationalbank kann sich diesem fatalen Sog nicht entziehen. Sie versucht, schon fast verzweifelt, die Frankenstärke zu unterbinden. Aber – gestalten wir die Schweiz stärker, indem wir den Franken künstlich schwächen? Mit Schrecken stellen wir fest, dass die Wirtschaft global vernetzt handelt – die Politik jedoch national, engstirnig, ja fast hinterwäldlerisch. Die zukunftsweisende Frage, die wir uns also stellen müssen, lautet: Wie definieren denn die Staaten ihre eigenen Interessen - und wie werden sie sich weiter verhalten, jetzt, wo sie sich in ihrem Wohl und ihrer Macht herausgefordert fühlen? Es kann doch nicht sein, dass man eine Notmassnahme an die andere reiht und das dann als langfristige Strategie dem Wähler verkauft.

Und dem Wähler, der nie gefragt wird, aber alles schlucken muss, wird dieser grässliche Pumpmechanismus unter dem Stichwort „der gerechten Sache“ verkauft. Alle wollen wir zu den Guten gehören. Dieses Verhalten öffnet jedoch wenig Raum für unbequeme, aufwühlende Querdenker. Die aber brauchen wir, um diese schwierige Phase meistern zu können. „Gleichheit“ und „Gerechtigkeit“, beides lockende Zauberwörter, beides Leitbegriffe der beschleunigten Umverteilung, prägen heute den modernen Wohlfahrtsstaat, der sich so in dieser kniffligen Zeit nicht mehr finanzieren lässt.

Wenn wir uns mit der Gerechtigkeit auseinandersetzen, dann müssen wir uns doch ehrlich eingestehen, dass wir uns heute in einem kaum mehr zu entwirrenden Dilemma verstricken. Ohne Wachstum droht ein wirtschaftlicher Kollaps - mit Wachstum untergraben wir unsere Ökosysteme und unser Überleben. Wie geht es weiter? Sieben Milliarden Menschen peilen mit aller Kraft auf dieser Welt unseren westlichen Lebensstil an.

 
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