• Samstag, 18.11.2017
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GESUNDHEIT

Forschung gegen den Schmerz

Von Maja Petzold  
Die TERTIANUM-Stiftung zeichnet in Zusammenarbeit mit der Zürcher Kantonalbank jährlich eine Persönlichkeit aus, die sich in besonderer Weise um die Würde des Menschen verdient gemacht hat. Den mit 10'000 Franken dotierten Preis erhielt in diesem Jahr Prof. Dr. med. Walter O. Seiler für seine massgeblichen Forschungen auf dem Gebiet der Dekubitus-Therapie (Heilung von Druckgeschwüren und Wundliegen).

Im Namen der TERTIANUM-Stiftung und der Zürcher Kantonalbank begrüsste Prof. Dr. Helmut Bachmaier die Gäste im Zürcher Kunsthaus und stellte den kulturellen Hintergrund für die Preisverleihung dar.

Die Menschenwürde ist gleichursprünglich mit der Existenz gegeben, kann also von keiner menschlichen Institution verliehen oder entzogen werden. Sie ist unverfügbar, und sie begrenzt die staatliche Interventionsmacht. Die Würde ist unteilbar, unantastbar, und es gibt nur die eine Würde, die allen Menschen in gleicher Weise zukommt. Sie besteht in der Möglichkeit des Menschen, in Freiheit, autonom, entscheiden und handeln zu können. Schmerzen sind ein Angriff auf die Integrität des Menschen, sie können zu Identitätsbeschädigungen, bis zum Identitätsverlust führen. Insofern ist Schmerzforschung ein Beitrag, um die Menschenwürde zu schützen. Wer ständig unter Schmerzen leidet, hat kein menschenwürdiges Leben. Dies waren einige der Gründe für die Preisverleihung an Prof. Seiler.

Der Preisträger
1974 hatte Walter Seiler in der Paraplegiker-Klinik Basel sehen müssen, wie Menschen, die im Rollstuhl sassen oder ans Bett gefesselt waren, unter quälenden Schmerzen zu leiden hatten. Seitdem liess ihn die Forschung, wie dieses Übel zu heilen oder besser zu verhindern sei, nicht mehr los. Als Seiler nach einigen Jahren in die entstehende geriatrische Klinik Basel wechselte, erkannte er dieses Problem auch dort, denn damals litt in der dortigen Pflegestation jeder zweite Patient darunter. Obwohl die Schmerzen der Patienten offensichtlich waren, mied die medizinische Forschung dieses Thema. Es gab Lehrbücher, in denen Dekubitus nicht einmal erwähnt wurde.

Ohne nennenswerte finanzielle Beiträge, ohne die Aussicht auf wissenschaftlichen Ruhm machte sich Walter Seiler auf die Suche nach Abhilfe und Prävention von Dekubitus, woraus mit mehr als 300 Publikationen eine Pionierleistung in der Geriatrie entstand. Zählen konnte Seiler, wie er erklärte, nur auf die Ermutigungen des Klinikchefs Prof. Dr. Hannes Stähelin, auf die Unterstützung der Pflegenden und auf seine Familie. Das Basler Dekubitus-Konzept, von ihm zusammen mit seinem Team entwickelt und inzwischen weltweit führend, bezeichnet er als Beispiel "würdiger Pflege". Sein Geheimnis sei, sagte Seiler, alle Beteiligten in die Entwicklung mit einzubeziehen.

BILDER ZUR VERANSTALTUNG von 7  
 

"Meine Arbeit ist Dienst am kranken Menschen"
Mit Eloquenz und Herzlichkeit hatte Frau Prof. Dr. Brigitte Stemmer zuvor den Preisträger in Wort und Bild vorgestellt. Sie hatte darauf hingewiesen, dass für Walter Seiler Respekt und Achtung vor dem Patienten an erster Stelle stehen und zitierte ihn: "Meine Arbeit sollte immer direkt dem kranken Menschen dienen." Quälende Schmerzen zermürben nicht nur den Leidenden, sie sind auch für die Pflegenden schwer zu ertragen. Solche Bedingungen erschweren es, der Würde des Menschen gerecht zu werden. Doch jede Pflegetätigkeit, jede ärztliche Massnahme ist ihr verpflichtet. Der Preisträger nahm seinen Auftrag als Arzt seit jungen Jahren ernst und widmete sich mit grossem Durchhaltewillen, mit Beharrlichkeit, Geduld und Unbeirrbarkeit seinem Ziel.

Weitere Forschungsprojekte
Nach seiner Pensionierung 2006 blieb Walter Seiler nicht untätig. Aus seinen neuesten Forschungen ist in Zusammenarbeit mit dem ETH-Ingenieur Dr. sc. nat. Michael Sauter ein vielversprechendes Projekt entstanden: das Anti-Dekubitus-Bett, das 2010 den CTI Medical Award erhielt und voraussichtlich in ca. 1 ½ Jahren Produktionsreife erreichen wird. Mittels modernster Sensortechnik kann an diesem Bett festgestellt werden, wann der Kranke zu wenig Bewegung hat und dadurch zu viel Druck auf gewisse Körperteile entsteht. Druckgeschwüre und Wundliegen entstehen bekanntlich genau dann, wenn durch fehlende Bewegung (aufgrund von Lähmungen oder Krankheit) über längere Zeiten die gleichen Teile des Körpers auf der Unterlage liegen. Der Druck verhindert die notwendige Versorgung der Haut mit Sauerstoff und allen benötigten Nährstoffen. Aus diesem Mangel heraus sterben die betroffenen Hautzellen ab, und damit beginnt der Teufelskreis des Wundliegens.

Ein weiteres Forschungsprojekt von internationaler Bedeutung ist Malnutrition (Mangelernährung), ein Problem, das bei sehr alten Menschen nicht zu vernachlässigen ist. Prof. Seiler und Prof. Stähelin haben gemeinsam das Nutrogramm entwickelt, mit dessen Hilfe eventuelle Mängel in der Versorgung mit Nährstoffen festgestellt werden können.

Schliesslich sei daran erinnert, dass Geriatrie eine junge Wissenschaft ist und geriatrische Kliniken erst in den letzten 20 – 30 Jahren entstanden sind. Als Pioniere in der deutschen Schweiz haben die beiden Professoren Seiler und Stähelin das dreijährige Studium der Geriatrie an der Universität Basel entwickelt.

Festlicher Rahmen
Wie jedes Jahr fand die Preisverleihung in angemessenem festlichem Rahmen statt. Kurt Aeschbacher, bekannt durch seine einfühlsamen TV-Gespräche, führte kenntnisreich und charmant durch den Abend. Er erinnerte in seinen einleitenden Worten daran, dass besonders Menschen im Alter ein Recht darauf besitzen, würdig behandelt zu werden. Demut und Würde sollten ein echtes Gegengewicht bilden zu den heutzutage vorherrschenden materiellen Interessen.

Mit grosser Virtuosität und hinreissendem Schwung spielte das Trio Artemis passende klassische Musik u.a. von Antonin Dvořák und Maurice Ravel, was der Preisverleihung zusätzlichen Glanz verlieh.
 

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