• Montag, 20.11.2017
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PERSÖNLICHKEIT DES MONATS

Mythen und Fakten zum Alter

Interview von Maja Petzold  

Wer sich mit Altersfragen beschäftigt, sieht sich mit einer Flut von Publikationen konfrontiert. Der Zürcher Stadtarzt Dr. med. Albert Wettstein hat ein ausgezeichnetes Werkzeug geschaffen, sich in dieser Fülle zurechtzufinden: sein Kompendium "Mythen und Fakten zum Alter". Sein Porträt finden Sie in unserer Rubrik „Persönlichkeit des Monats“. Wir hatten Gelegenheit zu einem Gespräch mit dem Autor.
 

 

Wie kam es zu diesem Buch? Welche Ziele verfolgten Sie damit?

Zwei Beobachtungen, die ich immer wieder gemacht habe, führten mich dazu,
"Mythen und Fakten zum Alter" zu entwickeln: einerseits die zahlreichen Vorurteile, die auch in Fachkreisen zum Thema Alter bestehen, andererseits das Faktum, dass gerade Ärzte, Pflegepersonal und Menschen in sozialen Berufen zu wenig Zeit haben, sich ausreichend in Fachliteratur zu vertiefen.

Ausserdem konnte ich mir damit ein nützliches Hilfsmittel schaffen für die diversen Weiterbildungskurse, die zu meinem Aufgabenbereich gehören. Grundkenntnisse in allen Gebieten der Gerontologie werden heute in vielen Bereichen vorausgesetzt. Je kürzer und prägnanter eine Tatsache formuliert ist, desto eingängiger ist sie. Daraus resultierte die Darstellung in diesem Buch in Form von kurzen Thesen, ihrer Verifizierung und Begründung.


Wo haben Sie all diese Informationen gefunden? Nach welchen Kriterien haben Sie sie zusammengestellt?

Schon seit 1996, seit der Berliner Altersstudie, habe ich Material gesammelt. Ich lese regelmässig ein gutes Dutzend Fachzeitschriften. Wenn man das darin enthaltene Wissen systematisch ordnet und verarbeitet, erhält man ein umfangreiches Kompendium. Da ich mein Buch für alle Fachkreise, auch für Betroffene und Laien zugänglich machen wollte, habe ich alle Bereiche einbezogen, die zur Gerontologie gehören, von Soziologie über Medizin, Pflege, Psychologie, Pharmakologie, Gesundheitsökonomie bis zu Ethik und Thanatologie.


"Mythen und Fakten" erschien zuerst 2005 als Publikation des Instituts für Gerontologie der Universität Zürich. Seitdem haben Sie mehrere Erweiterungen vorgenommen. – Welches sind Ihre Erfahrungen?

Es hat sich gezeigt, dass sich die Gegenüberstellung von kurzen Thesen "Mythos" – "Wirklichkeit" und anschliessenden Begründungen für alle Arten der Vermittlung in Vorträgen, Weiterbildungen, mündlich und schriftlich sehr gut eignet. Diese Komprimierung der Information – vorausgesetzt, sie ist gut formuliert! – erleichtert Verständnis und Lernen. Nach diesem Muster habe ich Tests entwickelt, die auch für Fachpersonal sehr lehrreich sind. Das "Altersquiz" (wird demnächst auch auf SenLine zu finden sein, Anm. Red.) funktioniert ebenso. Dabei ist es wichtig, dass man die Fragen so formuliert, dass weder die "Nein"-, noch die "Ja"-Antworten überwiegen. Das macht das Quiz spannend und vermeidet ein tendenziöses Bild vom Alter.


Sie stehen selbst kurz vor der Pensionierung. Was war Ihnen selbst in Ihrer langen vielseitigen Tätigkeit am wichtigsten?


Als Neurologe hatte ich mich auf die Arbeit mit Demenzkranken spezialisiert. – "Demenz" ist dementsprechend das dickste Kapitel in "Mythen und Fakten des Alters". - Ich hatte mich 1983 für das Amt als Chefarzt des stadtärztlichen Dienstes beworben, weil ich wusste, dass ich an dieser Stelle sehr viel für Demenzkranke und ihre Angehörigen tun konnte: Zwei Drittel aller Patienten in den Pflegeheimen sind dement. Durch meine Initiative wurden z.B. die Memory-Klinik Entlisberg gegründet und später die Gerontologische Beratungsstelle.


Welche Aufgaben in Altersfragen sehen Sie für die Zukunft?

Ganz wichtig ist die Entwicklung von Möglichkeiten, Demenzkranke zu Hause adäquat betreuen zu können. In Zukunft werden Demenzkranke nicht nur in Pflegeheimen leben. Damit stellen sich Aufgaben für viele Fachkräfte, denn es gilt, diesen Menschen angemessene Lebensbedingungen in ihrer Umgebung zu schaffen und ausserdem die Betreuenden zu unterstützen und zu entlasten.

Man muss auf die Patienten zugehen und die Demenzbetreuung frühzeitig beginnen. Angebote wie im Zentrum Entlisberg sind durchaus ausbaufähig. Oft kann eine Behandlung nicht zufriedenstellend wirken, da der Zeitpunkt verpasst ist. Aus Angst vor der Krankheit wiegeln Angehörige bei den Anfangssymptomen ab mit Bemerkungen wie "Kein Problem, wenn Du das vergisst", dabei könnte man in frühen Stadien von Demenz noch sehr viel verbessern.


Welche Projekte beschäftigen Sie nach Ihrer Pensionierung im Herbst 2011?

Wir planen ein Generationenhaus in Zürich: ein zentrales Forum für Austausch, Begegnung und Aktivitäten. Was anfänglich nur eine Vision war, befindet sich nun schon in der Phase der Verwirklichung. Es soll ältere Menschen zu aktivem Leben motivieren, die Solidarität unter den Generationen fördern, Eigenwohl mit Gemeinnutz verbinden, lebenslanges Lernen fördern und vieles andere mehr, kurz gesagt, Möglichkeiten bieten, das Altern der Gesellschaft zu deren Vorteil zu nutzen. Ich setze grosse Hoffnungen in dieses Projekt.


Darüber werden wir sehr gern berichten. Besten Dank für das Gespräch!


Das Interview führte Maja Petzold.



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