• Donnerstag, 14.12.2017
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PERSPEKTIVEN

Aufmerksame Erdmännchen in engem sozialem Netz

Von Maja Petzold Seite 1 | 2
Foto: Sabine Geissler / pixelio.de

Die Biologieprofessorin Marta Manser erforscht das soziale Verhalten der Erdmännchen (Surikate), insbesondere Kommunikation und soziale Strukturen. Neben der Forschung an wild lebenden Erdmännchen in der Kalahari hat Marta Manser begonnen, an ihrem Institut für Evolutionsbiologie der Universität Zürich eine Referenzgruppe aus in Zoos geborenen Erdmännchen aufzubauen.

Nichts unterscheidet das Arbeitszimmer von Frau Prof. Dr. Manser von anderen – sässe da nicht vor dem Fenster ein wachsam um sich schauendes Erdmännchen. Im abgeschlos-senen Innenhof, zugedeckt von einer meterdicken Schicht Sand, einigen grossen Steinen und sparsamer Vegetation, befindet sich der Lebensraum einer noch kleinen Erdmännchen-Gruppe. Die hübschen Tiere mit der auffallenden Augenpartie haben sich zahlreiche Löcher und Gänge gegraben, die erste Neuentdeckung in diesem Projekt. In der Kalahari benutzen Erdmännchen nämlich die Höhlen der Erdhörnchen gemeinsam mit diesen. Hier auf dem Irchel in Zürich haben sie sich ohne Zögern ihre Höhlen selbst gegraben.

 

Frau Prof. Manser, wie sind Sie zu Ihrem Forschungsgebiet gekommen?

In Basel hatte ich meine Diplomarbeit über Antilopen abgeschlossen und konnte danach in Cambridge/GB in der Gruppe um Professor Tim Clutton-Brock weiter studieren. Der renommierte Forscher interessierte sich besonders für die Gründe, weshalb bestimmte Säugetiere wie auch Vögel Helfersysteme entwickelten.

Die Erdmännchen boten sich als Forschungsgegenstand aus mehreren Gründen an: Sie leben in überschaubaren Gruppen und bewegen sich in einem Umkreis von ca. 5 qkm, d.h. wir können sie ohne Auto begleiten. Zudem sind sie nicht gefährlich und tagaktiv, was die Beobachtung erleichtert.

Für mich war es eine grosse Chance, in die Leitung dieses Forschungsprojekts miteinbezogen zu werden. Tim Clutton-Brock berücksichtigte wohl, dass ich schon Erfahrung in Feldforschung hatte und ausserdem etwas mehr Lebenserfahrung besass als die anderen Studenten, denn ich war erst auf dem zweiten Bildungsweg zum Studium gekommen. – Ich habe es nie bereut, mich darauf eingelassen zu haben.


Welche Ziele haben Sie sich gesetzt, wie sind Sie vorgegangen?

Von Anfang an ging es um das Sozialsystem, das Helferverhalten und besonders um die Kommunikation der Tiere untereinander. Erdmännchen besitzen eines der vielfältigsten Rufrepertoires bei Säugetieren.

Bevor wir damit beginnen konnten, die Rufe aufzunehmen und unterscheiden zu lernen, mussten wir zuerst einmal eine Erdmännchen-Gruppe vorsichtig an uns gewöhnen. Das brauchte Geduld und viel Zeit! Nachdem sie am Anfang bei unserem Erscheinen schon auf Distanzen von 300 m sofort die Flucht ergriffen, konnten wir uns nach ca. einem Jahr mitten in der Gruppe bewegen, ohne sie zu beunruhigen, und bei ihren Wanderungen mitlaufen.


Leben in der Wildnis und im Uni-Gehege im Vergleich


Haben die Erdmännchen in der Kalahari Sie und Ihr Team mit der Zeit erkannt?

Sie lernten, dass von uns keine Gefahr ausging und sie deshalb nicht mit Angst und Flucht reagieren mussten. Aber sie haben durchaus auch schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht. Sie akzeptieren die meisten Leute, die sich normal vorsichtig verhalten. Dabei reagieren sie auf feine Unterschiede im Verhalten der Beobachter, sind, abhängig von uns, selber ruhiger oder nervöser. Wir trainieren die Gruppen deshalb mit speziellen Rufen auf unser Erscheinen, damit sie uns von Einheimischen und Kindern unterscheiden können, die sie manchmal mit Steinen verjagen. Wir haben auch erkannt, dass wir die Menschen im Land selbst einbeziehen müssen. Nur wenn die Einheimischen wissen, was wir vorhaben, können die Erdmännchen ungestört bleiben und wir in Ruhe arbeiten.

Der Aufnahmerecorder ist ein wichtiges Hilfsmittel; zuerst für uns, damit wir die Rufe kennenlernen und identifizieren können, um dann im Feld herauszufinden, welche Information damit übermittelt wird. Wir spielen den Erdmännchen mit dem Recorder auch Rufe vor, um zu erkennen, ob und wie sie darauf reagieren.


Inwieweit kann das Gehege hier an der Uni als "Ersatz" dienen? Schätzen Sie das Verhalten der Erdmännchen hier ähnlich ein wie in Afrika?

In der Feldforschung arbeiten wir zur Zeit mit 12 verschiedenen Gruppen von verschiedener Grösse. In ihrem natürlichen Lebensraum bleiben die Gruppen (5 – ca.50 Tiere) einige Tage an einem Schlafplatz und ziehen dann weiter. Sie teilen sich ihr Habitat mit Beutetieren, die sie zum Überleben brauchen, und Raubtieren, vor denen sie sich schützen müssen.

Hier in unserem Innenhof besteht unsere Gruppe momentan nur aus fünf Tieren, in Zukunft sollen es etwa 18 werden. Wir müssen sie füttern, sie haben nur 250 qm zur Verfügung und keine Feinde ausser Raubvögeln, die über den Universitätsgebäuden kreisen. Trotz dieser Einschränkungen stellen wir fest, dass sie auch hier kooperieren und mit differenzierten Rufen unentwegt miteinander kommunizieren. Und auf Flugobjekte am Himmel reagieren sie ganz normal: mit ihrer typischen Vorsicht!

Die Gruppen in der Kalahari verhalten sich auch nicht alle gleich. Ich kenne dort eine Gruppe mit einem dominanten Weibchen, das sich lange Zeit an der Spitze hielt. Dadurch entstand eine gut funktionierende, erfolgreiche Gruppe. In einer anderen Gruppe standen drei Schwestern an der Spitze, die ständig um die Vorherrschaft kämpften. Das schwächte die Gruppe insgesamt, die konsequenterweise weniger erfolgreich agierte. Unsere Uni-Gruppe wird uns als Vergleichsgruppe dienen, sobald sie sich etabliert und vervollständigt hat.

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