• Montag, 20.11.2017
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GENERATIONEN

Wenn die Babyboomer kommen...

Von Helmut Bachmaier  
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Die Altersgesellschaft ist nicht homogen. Alterungsprozesse sind Individualisierungs-prozesse. Diese Feststellung gilt besonders für die Generation der Babyboomer. Nachfolgend die Profile einer neuen Altersgeneration.

Je nach kalendarischem, physisch-psychischem, sozialem, kulturellem oder gefühltem Alter kommt es zu einer erheblichen Ausdifferenzierung der älteren Generation. Dabei spielen nicht nur das Geschlecht, der soziale Status oder die Bildungsbiographie eine Rolle, auch die Lebensstile oder Lebensentwürfe tragen zu einer Ausdifferenzierung bei. Es ist eine gut gesicherte Tatsache, dass die Lebensformen der Älteren pluralistischer werden. Die neuen Chancen und die Optionen, die ihnen offen stehen, führen zu einer hohen Lebenszufriedenheit.

Geburtenstarke Jahrgänge
Die Babyboomer sind die Menschen der Generation der geburtenstarken Jahrgänge, die zwischen 1946 und 1964 geboren wurden (hier gibt es in der Debatte auch andere Jahrgangszahlen). Nach 2010 hat die Altersbevölkerung den grössten Zuwachs bei der Babyboomer-Kohorte. Sie werden in den Jahren 2025 bis 2030 schon ein Drittel der Bevölkerung ausmachen, wahrscheinlich sind dann 70 Prozent der über 65jährigen pensionierte Babyboomer. Diese Generation ist aufgewachsen in einer langen Friedenszeit und einer Wohlstandsperiode, und sie wurde vor allem geprägt durch:

  • Jugendkultur
  • autonomes Denken
  • Kulturkonsum (Musik, Literatur)
  • alternative Lebensformen
  • neue Rollenbilder, weiblich/ männlich
  • andere Kleidung
  • Enttabuisierung der Sexualität
  • Emanzipationsideale
  • Friedensbewegung und
  • Atomkraftwerk-Gegnerschaft.

Der gesellschaftliche Hintergrund dafür ist die „Entstandardisierung“ vieler Lebensbereiche und die daraus erfolgte „Multioptionalität. Entstandardisierung kann sich auf die Berufswelt (neue Berufsbilder), auf die Beziehungen (neue Modelle des Zusammenlebens) oder auf die Umgangsformen (Höflichkeitsformen, Du-Anreden) beziehen. Jedenfalls führt dies zu der Möglichkeit, unter vielem (und vielerlei) zu wählen. Dies erklärt auch den Boom von Ratgebern auf dem Büchermarkt.
Die Entstandardisierung der Lebensformen zeigt sich an späteren Familiengründungen, an der Entscheidung, als Single zu leben – in Grossstädten weit über 50 Prozent – , an Konsensualpartnerschaften, aber auch an hohen Scheidungsraten. Dem entsprechen Wertvorstellungen, die aber zuweilen diffus bleiben, wie Selbstentfaltung, Selbstverwirklichung, Selbstbestimmung oder Selbständigkeit.

Bildung, Feminisierung des Alters
Babyboomer erwarten, dass sie ihr Alter selbst gestalten können. Eine gesunde, lange nachberufliche Phase und eine relativ gute materielle Absicherung tragen zu dieser Erwartung bei. Ein besonders hoher Bildungsstand ist für die günstige materielle Situation verantwortlich. Aber auch Erbschaften spielen eine erhebliche Rolle.
Die Altersgesellschaft wird dann weitgehend eine Frauengesellschaft, das einschlägige Stichwort lautet „Feminisierung des Alters“. Entsprechend bedarf es spezieller Angebote für Frauen sowohl in der Dienstleistungsbranche wie im kulturellen Bereich.

Merkmale der Babyboomer-Generation
Drei hervorstechende Merkmale charakterisieren die Babyboomer besonders:

  1. Sie haben sich mehrfach im Leben neu erfinden müssen, kennen keine Kontinuität, sondern eher Brüche in ihrer Biographie
  2. Sie neigen zu atypischen Verhaltensweisen angesichts typischer Rollenklischees der traditionellen Altersgeneration.
  3. Ihre Selbstdefinition erfolgt über eigene Erfahrungen, nicht über vermittelte Leitbilder oder Weltanschauungen .

Bei der traditionellen Altersgeneration stehen im Vordergrund:

Die Babyboomer haben den Wunsch

  • nach Veränderungen
  • neue Erfahrungen zu machen
  • neue Produkte auszuprobieren und
  • nach einer neue Spiritualität
  • Sie orientieren sich nicht an überkommenen Rollen- oder Familienbildern.

Ihr gesellschaftliches Normenprogramm lautet: „Alt, innovativ und produktiv!“ .

Umbrüche
Als Umbruchzeit gilt das 50. Lebensjahr. Danach findet oft eine Umorientierung von den materiellen zu den immateriellen Werten statt. Die Jahre zwischen 50 und 60 gelten für die Babyboomer als beste Lebenszeit. Sie möchten am liebsten 40 Jahre alt bleiben und das möglichst 30 Jahre lang.
Viele Babyboomer wollen über eine Änderung in ihrem Lebenslauf selbst entscheiden (Selbstbestimmung), andere sehen ihr Ich nicht als Zentrum (Selbsttranszendenz), wieder andere wollen die äusseren Erwartungen nicht mehr erfüllen (Selbstregulation) oder negative Erfahrungen (Leiden) mit aktiver Gestaltung (Kreativität) verbinden.

Herausforderungen
Die vorherrschenden Erwartungen der Babyboomer sind: unabhängig bleiben und, wann immer möglich, Defizite kompensieren. Deshalb entsteht bei ihnen eine starke Nachfrage nach vielfältigen Service-Leistungen. Sie wollen zwischen verschiedenen Angeboten wählen können, und sie sind in grosser Zahl Kulturkonsumenten. Bei der gesundheitlichen Prävention sind ganzheitliche Programme gefragt – mit spirituellem Mehrwert. Das erstrebte Ziel im Alter ist die Erhaltung der mentalen Beweglichkeit.
Mit den Babyboomern entsteht eine neue Altersgeneration, die uns zwingt, andere Bilder vom Alter in der Vorstellung präsent zu halten und anders mit dem Thema „Alter“ umzugehen.

 

Literatur und Quellen:
Karin Frick, Generation Gold. Wie sich Werte, Wünsche und Lebensstile zwischen 50 und 80 verändern. GDI-Studie Nr. 18, 2005.
Pasqualina Perrig/François Höpflinger: Die Babyboomer. Eine Generation revolutioniert das Alter, Zürich (Verlag Neue Zürcher Zeitung) 2009.
   



 

 



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