• Dienstag, 23.05.2017
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ALTERSKULTUR

Späte Jahre - Das Alter in der Literatur

Von Helmut Bachmaier  

Alter(n) ist nicht ausschliesslich ein biologischer Prozess, den es medizinisch zu therapieren oder durch Prävention zu verlangsamen gilt. Alter(n) hat stets mit kulturellen Wertzuschreibungen zu tun, die den Rang und die Beurteilung des Alters zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Kulturen festlegen.

Die Kulturgerontologie, die kulturwissenschaftlich orientierte Altersforschung, untersucht Zeugnisse der Literatur, der Kunst, des Films, um die jeweiligen Altersbilder herauszufiltern. Aus diesen Altersbildern gewinnen wir Einsichten, was Alter für die Menschen jeweils bedeutet hat. Dies hilft auch, unsere eigenen Vorstellungen über das Alter etwas in Frage zu stellen. Ein besonderes Interesse der Kulturgerontologie gilt der Literatur- und Philosophiegeschichte, da in Texten der Schriftsteller und Philosophen viel über Freud und Leid des Alters berichtet und räsoniert wird.

 

       
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Bibel und Mythos


Allein im Alten und im Neuen Testament findet sich eine solche Fülle von positiven und negativen Altersvorstellungen, dass daraus ein ganzes Konzept für einen richtigen Umgang mit dem Alter abzuleiten wäre. Dem Alter werden Klugheit, Erfahrung, Einsicht und Weisheit bescheinigt (Sirach 25,4-6; Job 8,8ff. und 12,12; Weish. 4,8f.; Daniel 13,50), aber auch alle möglichen Schwächen (1 Könige 1,1ff., 14,4, 15,23; 2. Samuel 19,36f.). Besonders eindringlich ist die düstere Schilderung des Alters in Prediger 12,1-7. Daneben gibt es die Aufforderung zur Achtung des Alters, die Pietätspflichten (Sirach 8,6; Leviticus 19,32). Viele unserer Ansichten über das Alter haben ihren Ursprung in der biblischen Tradition, ohne dass uns dies immer bewusst ist.

Die Griechen haben im Tithonos-Mythos eine sehr einprägsame Geschichte über das Alter hinterlassen. Eos, die Göttin der Morgenröte, erbittet für ihren Gatten Tithonos von Zeus die Unsterblichkeit, vergisst aber, die Bitte um ewige Jugend hinzuzufügen. Tithonos altert und wird zum Bild des bejammernswerten Greises. Zeus erbarmt sich seiner und verwandelt den Tithonos schliesslich in eine Zikade, deren Klage wir hören. Allein Unsterblichkeit ist demnach kein Ziel des Menschen, wenn ihm nicht auch die ewige Jugend geschenkt wird.

Der antike Fabeldichter Aesop schreibt über das Alter: „Ursprünglich wurden dem Menschen 30 Lebensjahre zugestanden. Mit dieser kurzen Spanne war der Mensch aber unzufrieden, und so nahmen die Götter dem Esel, dem Hund und dem Affen einige Jahre ab und gaben sie dem Menschen. Der Mensch hat nun die ersten 30 Jahre seines Lebens zu eigen, die nächsten 18 Jahre muss er sich plagen wie ein Esel. Zwischen dem 48. und 60. Lebensjahr liegt er dann in der Ecke, knurrend wie ein alter Hund, und wenn es hoch kommt, sind ihm noch weitere 10 Jahre beschieden, in denen er närrisch ist wie ein Affe.“


Aktivität und Lernen


Bereits in der Antike haben wir jedoch auch den Gegenentwurf eines heiteren, glücklichen, erfolgreichen und erfüllten Alters: bei dem Philosophen und Rhetoriker Marcus Tullius Cicero in seiner Schrift „De senectute“ (Über das Alter). Cicero macht deutlich, dass wir das Alter oft zu Unrecht kritisieren, denn viele Beschwerden der späteren Jahre sind eigentlich nur Folgen von „Jugendsünden“.

Er plädiert für ein aktives Alter, das vor allem in der Beschäftigung mit wissenschaftlichen Gegenständen, durch ein „Seniorenstudium“, eine glückliche Zeit im Leben sein kann. Ein hohes Alter, in dem das geistige Interesse noch wach geblieben ist, erscheint ihm als schönstes Lebensziel. Neugier, Interesse(n) haben, sich Aufgaben stellen: Dies gehört bis heute – neben Gesundheit – zu einem erfolgreichen Alter.

Das Aktivitätsmodell des Alters (ebenso das Kompetenz- oder Chancen-Modell) wird in Philosophie und Literatur immer wieder behandelt. Der Vater der Essayistik und Vertreter des Skeptizismus, Michel de Montaigne, setzt sich in seinem Essay „Über das Alter“ (um 1580) für eine möglichst lange Lebenstätigkeit ein: Wir sollen – so lange wie nur immer möglich – tätig bleiben, zu unserem Wohle und zum Nutzen der Gesellschaft. Tätigkeit meint nicht unbedingt Arbeit, es kann jede den eigenen Interessen und Bedürfnissen entsprechende Aktivität sein. Wir wissen heute, dass je länger die Tätigkeit dauert, umso später der Pflegefall eintreten wird. Montaigne war auch ein Gegner aller Altersgrenzen.

Das Tätigkeitsideal wird dann von Johann Wolfgang von Goethe mit Nachdruck propagiert, und er hat es auf diesen Nenner gebracht: „Älter werden heisst: selbst ein neues Geschäft antreten; alle Verhältnisse verändern sich, und man muss entweder zu handeln ganz aufhören oder mit Willen und Bewusstsein das neue Rollenfach übernehmen“ (Maximen und Reflexionen 259). Dies in Kurzform: Älter werden bedeutet, täglich eine neue Aufgabe sich stellen. Ich möchte hinzufügen: Wer sich im Alter keine Aufgabe gibt, gibt sich selbst auf.

Goethe hat sich sehr oft mit dem Älterwerden befasst. Seine „Faust“ - Dichtung ist ein Drama um eine zweifache, allerdings gescheiterte, Verjüngung. In seinem Gedicht „Das Alter“ (1814) spricht er von der Plötzlichkeit, mit der das Alter eintritt bzw. wahrgenommen wird:

  „Das Alter ist ein höflich Mann:
Einmal übers andre klopft er an;
Aber nun sagt niemand: Herein!
Und vor der Türe will er nicht sein.
Da klinkt er auf, tritt ein so schnell,
Und nun heissts, er sei ein grober Gesell.“
 

Ganz unterschiedliche Aufgaben haben die Schriftsteller den älteren Menschen aufgetragen.


Nicht aufgeben


Theodor Fontane hat in seinem Roman „Stechlin“ (1899) die Aufgabe in einer Verantwortung für die Sprache, in einem kulturellen Auftrag gesehen. Ganz anders dann Ernest Hemingway, der in „Der alte Mann und das Meer“ (1952) den kubanischen Fischer Santiago zwei Tage und zwei Nächte kämpfen lässt. Es ist der Kampf zwischen Mensch und Tier, ein Kampf von Gleichberechtigten, die sich im Tod näher kommen. „Man kann vernichtet werden, aber man darf nicht aufgeben“, lautet das Credo Santiagos.

Viel leiser und weniger heroisch tritt „Die unwürdige Greisin“ (1949) in der gleichnamigen Erzählung von Bert Brecht auf. Eine alte Frau, die ihr Leben lang ihre Frauen- und Mutterrolle erfüllt hat, bricht plötzlich aus, rebelliert, und gestaltet ihr Alter nach eigenen Wünschen und Bedürfnissen. Es ist wie ein Sprung aus der Knechtschaft in die Freiheit. Diese Altersrebellion gehört zu den literarischen Zeugnissen, in denen sich jemand im Alter alle Rechte herausnimmt, ohne auf die Meinung der anderen zu achten: Sie tut nur das, was sie selbst will.

Die Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz hat in „Orte“ (1973) die Perspektiven des Alters mit folgendem Vergleich genau bezeichnet: „Das Alter ist für mich kein Kerker, sondern ein Balkon, von dem man zugleich weiter und genauer sieht.“ Weiter und genauer sehen – dies ist es, was von einem erfolgreichen Alter erwartet werden kann.


Weiterführende Literatur:

  • Helmut Bachmaier, Das Alter in der Literatur. In: Entwürfe. Zeitschrift für Literatur Nr. 56, Zürcher Literaturhaus (mit Literaturangaben).
  • Das Alter in der Literatur. Vorlesung von Helmut Bachmaier auf DVD (uni auditorium).
 



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