• Montag, 20.11.2017
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PERSÖNLICHKEIT DES MONATS

Den Jahren Leben geben!

Von Maja Petzold  
Interview mit Prof. em. Dr. med. Hannes B. Stähelin. Professor Stähelin wirkte bis zur Emeritierung als Chefarzt der Geriatrischen Universitätsklinik am Universitätsspital Basel und als Ordinarius für Geriatrie an der Universität Basel. Er ist u.a. Mitbegründer der European Academy for Medicine of Aging (EAMA) und der Memory Clinic Basel sowie Mitglied des Stiftungsrats der TERTIANUM-Stiftung.



Herr Prof. Stähelin, Sie haben als Geriatrie-Pionier in der Schweiz jahrzehntelang über Demenz geforscht, eines der Damoklesschwerter, die über dem Alter hängen. Wie hat sich das Bild der "Demenz" in den letzten 30 Jahren verändert?

Als ich 1977 die Chefarztstelle am Universitätsspital Basel übernahm, erkannte ich schnell, dass die Hirnleistungsstörungen die wichtigste Ursache sind, weshalb Menschen Selbstständigkeit und Autonomie verlieren. Damals bagatellisierte man dies noch als Folge des Alterns.

Forschungsergebnisse in Grossbritannien und den Vereinigten Staaten zeigten, dass die Demenzerkrankungen auf ganz unterschiedliche neuropathologisch unterscheidbare Krankheiten zurückzuführen sind. Wir haben heute ein klares Bild von den molekular pathologischen Veränderungen, die zu Demenzerkrankungen führen. Leider stecken wir in der Behandlung dieser Krankheiten erst in den Anfängen.


Was kann man heute in den Anfängen einer Demenzerkrankung tun?

Man kann die noch gut erhaltenen Fähigkeiten trainieren und dem Betroffenen helfen, Kompensationstechniken zu entwickeln. Es ist auch wesentlich, andere Krankheiten oder körperliche Belastungen zu behandeln, um das verbleibende Potenzial voll für die geistigen Fähigkeiten nutzen zu können. Nicht zuletzt ist auch wichtig, die Patienten in ihren gesamten Lebensumständen zu erfassen und zu stützen. Auch die Angehörigen sind auf die Situation vorzubereiten. So können zukünftige Konflikte vermieden werden.


Demenz war nicht Ihr einziges Forschungsgebiet, sondern unter anderem auch die Gebrechlichkeit des Alters, englisch 'frailty'. Kann man heute mit Altersgebrechlichkeit besser umgehen als früher?

Während die Demenzerkrankungen einen sehr wichtigen Stellenwert erhalten haben, sind die zahlreichen anderen Krankheiten jedoch gleichfalls von grosser Bedeutung. Stürze und Frakturen gehören zu den häufigsten Notfällen. Eine Ursache ist die mit der Alterung verbundene Abnahme der Muskelmasse, die wir als Sarkopenie bezeichnen. Eine weitere Ursache ist der im Alter weit verbreitete Mangel an Vitamin D, der zu Balance-Störungen und Muskelschwäche führt, wie meine ehemalige Mitarbeiterin Prof. Heike Bischoff zeigen konnte.

Heute haben wir so viele technische Hilfsmittel, dass körperliche Störungen meistens befriedigend kompensiert werden können. Schon unsere Sprache (die lateinische Wurzel von alt bedeutet 'nähren, aufziehen') weist darauf hin, dass die heutige demographische Entwicklung weniger ein Resultat der Medizin, sondern eines der viel besseren Ernährung ist. Daraus folgt die Bedeutung der Mangelernährung für die im Alter beobachtete Hinfälligkeit und Frailty.


Wo sehen Sie heute die wichtigsten Ziele der Geriatrie-Forschung?

Es sind - kurz gesagt - weiterhin folgende Ziele: Den Jahren Leben geben und nicht in erster Linie dem Leben Jahre geben. Hirnleistungsstörungen werden ein Schwerpunkt der Forschung bleiben; ausserdem die Verbesserung der körperliche Steuerung des Stoffwechsels und die Korrekturen von Störungen im hohen Alter. Dies dürfte auch dazu führen, dass die Behandlung von Krebsleiden in der Geriatrie an Bedeutung gewinnen wird.


Wir wollen alle das Älterwerden hinausschieben, aber früher oder später werden wir "das Alter spüren", das lässt sich nicht umgehen. Was empfehlen Sie, um damit am besten zurechtzukommen?

Das Leben bleibt trotz Fortschritt endlich! Wichtig ist zu wissen, dass die automatische Steuerung des Körpers mit zunehmendem Alter unzuverlässiger wird. So führt die Abnahme des Durstempfindens dazu, dass wir bei grosser Hitze schnell an den Folgen von Wassermangel leiden können. Man hat auch festgestellt, dass nach zehrenden Krankheiten das Körpergewicht nicht mehr aufgebaut wird. Dieses Versagen des 'Autopiloten' im Körper muss durch bewusste kognitive Steuerung kompensiert werden. Entscheidend ist, dass man seine geistigen Fähigkeiten pflegt und trainiert.


Gibt es in Ihrem Berufsleben Aufgaben, mit deren Ergebnis Sie besonders zufrieden sind?

Besonders freue ich mich, dass es mir vergönnt war, Mitarbeiter für das Gebiet der Geriatrie zu begeistern, welche jetzt sehr erfolgreich die Arbeit weiterführen. Mit Freunden wie den Professoren Jean-Pierre Michael (Genf), Sir John Grimmly Evans(Oxford), Bertil Steen( Göteborg) und Sjimen Duursma(Utrecht) konnten wir die EAMA (European Academy for Medicine of Aging) gründen, heute ein europäisches Netzwerk für akademische Geriatrie. Daneben stand auch die Gestaltung der Memory Clinic zu einem hoch produktiven europaweit wahrgenommenen Institut. Insgesamt hoffe ich, zu mehr akademischer Reputation der Geriatrie beigetragen zu haben.


Seit 2009 sind Sie Mitglied im Stiftungsrat der TERTIANUM-Stiftung. Was hat Sie bewogen, dieses Amt anzunehmen?

Das Motto der TERTIANUM-Stiftung "Altern gestalten lernen" ist attraktiv, und ich hoffe auch im Bereich Erfahrungswissen einen gewissen Beitrag zu leisten. Im Übrigen sehe ich die Mitarbeit als Prophylaxe im Hinblick auf das eigene Altern.


Herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Maja Petzold.

 



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