• Montag, 24.04.2017
Print

GESUNDHEIT

Denken und Bewegung

Von Maja Petzold  

Nach konzentrierter Schreibtisch- oder Computerarbeit regenerieren sich Körper und Geist am besten durch einen Spaziergang an frischer Luft. Dabei kommen uns manchmal sogar die besten Ideen. Zu den Zusammenhängen zwischen Bewegung und den Vorgängen im Gehirn gibt Frau Prof. Dr. Brigitte Stemmer Auskunft aus neurowissenschaftlicher Sicht.

 

Frau Prof. Stemmer, wie erklärt man sich den Zusammenhang zwischen körperlichen Aktivitäten und geistiger Frische?

Körperliche Aktivität hilft, Lernvorgänge und andere geistige Fähigkeiten zu fördern, indem im Gehirn die Produktion bestimmter Proteine und biochemischer Substanzen und die Neubildung von und Kommunikation zwischen Zellen angeregt werden. Letztendlich werden dadurch Alterungsprozesse im Gehirn verlangsamt oder kompensiert – das Gehirn wird sozusagen "frisch" gehalten.


Aus der neurologischen Forschung hört man heutzutage die – besonders für ältere Menschen - positive Nachricht, dass sich Hirnzellen bis ins hohe Alter erneuern können, sofern man sie fordert und fördert. Könnten Sie uns diese Erkenntnisse bitte etwas erläutern?

Entgegen alter Lehrmeinungen wissen wir heute, dass sich auch im Gehirn neue Zellen bilden können und das ein Leben lang. Dies ist bisher für einige bestimmte Hirnregionen belegt. Dazu gehört beispielsweise die Hirnregion, die massgeblich an Lernprozessen beteiligt ist. Voraussetzung ist, dass wir uns aktiv bewegen und uns fordern, sowohl körperlich als auch geistig.


Welche Funktionen des Gehirns werden durch regelmässige körperliche Bewegung besonders gefördert?

Körperliche Aktivität verbessert unsere Kontroll-, Planungs- und Organisationsfähigkeit. Weiterhin werden Lernprozesse, das visuell-räumliche Gedächtnis und die Geschwindigkeit, mit der wir Informationen verarbeiten, gefördert.


Kann man beim Training von Muskeln und Gehirn übertreiben? Kann man etwas falsch machen?

Solange man das körperliche Training den individuellen Fähigkeiten und dem Gesundheitszustand anpasst und natürlich auch Ruhephasen einlegt, sehe ich nicht, inwieweit man hier übertreiben könnte. Allerdings ist alleiniges Muskeltraining nicht optimal - grosse Muskeln bedeuten nicht unbedingt bessere geistige Fähigkeiten. Es scheint eher so: je besser die allgemeine körperliche Fitness, desto höher die Wahrscheinlichkeit einer guten geistigen Fitness im Alter.


Ein Spaziergang bringt ja nicht nur Körper und Geist in Bewegung und entspannt zugleich, er wirkt ja auch aufs Gemüt. Besteht ein Zusammenhang zwischen seelischer Heiterkeit und unserem Denkvermögen?

"Seelische Heiterkeit" ist ja ein weiter Begriff. Aber allgemein gesprochen wissen wir, dass körperliche Ertüchtigung sich positiv auf die Gemütslage auswirkt. Weiterhin hat die Forschung gezeigt, dass eine depressive Gemütslage das Denkvermögen einschränkt. Allerdings ist mir keine gut kontrollierte Studie bekannt, die einen direkten positiven Zusammenhang zwischen körperlicher Bewegung, positiver Gemütslage und geistigen Fähigkeiten belegt.


"Wer rastet, der rostet." Das haben wir schon von unseren Grosseltern gehört. Nun kann dieses Sprichwort sozusagen wissenschaftlich bewiesen werden. Welche Empfehlung würden Sie unseren Leserinnen und Lesern mitgeben?

Keep on moving – körperlich und geistig!


Herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Maja Petzold.


MEHR ZUM THEMA...

Die Empfehlungen von Frau Prof. Stemmer: "Was jede(r) für sich tun kann"

 



Diesen Artikel:
Drucken | Merken | Feedback | Weiter empfehlen

Social Networks:
Twitter Facebook MySpace deli.cio.us Digg Google Bookmarks Windows Live Yahoo! Bookmarks