• Dienstag, 17.10.2017
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GESUNDHEIT

Im Schmerz ist jede(r) mit sich allein

Untertitel
Von Helmut Bachmaier
Im Schmerz ist jede(r) mit sich allein
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Schmerz ist das, was unser Gehirn jeweils interpretiert und unsere soziale und kulturelle Lage an Codes vorgibt. Am besten lässt sich der Schmerz mit einem Text vergleichen, den wir interpretieren müssen. Die Zeichen des Textes werden gelesen je nach Erfahrung und kulturellem Standard des Rezipienten. Es ist wie bei der Hypochondrie: Alles was in einem Buch über Krankheiten gelesen wird, entdeckt ein Hypochonder an sich selbst. Seine Buchlektüre wird zu einer Körperlektüre.

Was die quälende, unlustbetonte Empfindung in einem auslöst ist individuell verschieden und zum Teil gruppenspezifisch konditioniert. Jedenfalls reichen Schmerzdefinitionen, die ihn lediglich als Resultat der Reizungen von Nervenzellen, als einen elektrischen Impuls, der durch die Nerven schiesst, interpretieren, nicht mehr aus. Schmerz ist ein zerebrales Ereignis: Wir erleben ihn entsprechend unseren Deutungen, durch unsere Sinnzuschreibungen.

Der Sinn des Schmerzes

In seiner „Geschichte des Schmerzes“ polemisiert David B. Morris gegen den „Mythos der Zwei Schmerzen“, gegen den gewöhnlichen Dualismus von psychischer und physischer Qual. Die Schulmedizin habe den Schmerz lediglich als Symptom behandelt, als ein bloss biochemisches Produkt. Gegen die „Irrtümer traditioneller Schmerzdeutung“ will er ein neues Verständnis setzen, das in letzter Konsequenz ein neues Selbstverständnis des Menschen einleitet. Der Weg dazu ist die Wiedergewinnung eines Sinns der Schmerzen, also eine Haltung, die ihn nicht medikamentös verdrängen will, sondern sich ihm stellt. Morris ist der Überzeugung, dass die Sinnfragen durch den Schmerz ausgelöst werden, der deshalb die „Grundlage für jeden kulturproduktiven Akt“ ist. Dass er mehr ist als eine blosse Gefühlsregung, können folgende Exempel belegen.

Prometheischer Schmerz

Prometheus raubte dem Himmel das Feuer und brachte es den Menschen als freundliche Gabe. Dafür wurde der Titan grausam bestraft. Er wird an den Kaukasischen Felsen gekettet, wo ihm ein Adler die Leber herausreisst, die aber jede Nacht nachwächst. Von seinen unsäglichen Qualen wird er vorerst befreit: Ein Pfeil des Herakles tötet den Adler. Eine endgültige Erlösung von den Schmerzen wird es für ihn aber nur geben, wenn einer der Unsterblichen bereit ist, Prometheus das Leiden abzunehmen. Die Ähnlichkeiten mit Christus liegen auf der Hand: die Mittlerrolle des Prometheus zwischen den Göttern und den Menschen, seine Leiden und die Erlösung. Prometheus ist - so sagt es sein Name - der Vorausdenkende, der Vorausschauende. Er galt vielfach sogar als der Schöpfer des Menschengeschlechts. Aus Lehm und Wasser habe er die Menschen geformt, so wird in Mythen erzählt. Jedenfalls ist er der grosse Wohltäter und Freund des Menschengeschlechts. Nicht nur das Feuer, auch alle Künste und Fertigkeiten hat er den Irdischen gebracht - und insofern ist er der Vater der Zivilisation.

Dieser Mythos hat einen äusserst pessimistischen Einschlag, denn für seine Wohltaten wird der Titan hart bestraft. Die Zivilisation wird in diesem Mythos mit Qualen und Leiden verbunden, den negativen Seiten des Zivilisationsprozesses. Der Prometheus-Mythos erzählt von dem Zusammenhang zwischen Schmerz und Zivilisation, zwischen Leiden und Technik. Er macht darauf aufmerksam, dass alle zivilisatorischen Leistungen vom Schmerz begleitet werden.

Schmerzensmann

In der Philosophie des Epikur steht der Begriff der Lust im Vordergrund. Dieser Hedonismus begreift Lust vor allem als einen Zustand der Abwesenheit von Schmerz. Die stoischen Gegner setzten auf Gelassenheit und sehen es als Tugend an, sich von Schmerzen nicht überwältigen zu lassen. Hiob muss alle Qualen auf sich nehmen, um seine Standfestigkeit im Glauben zu beweisen. Und Christus, der Schmerzensmann, trägt das Zeichen seiner Passion, das Kreuz, an das er geschlagen wird, vor sich her. Schmerzen sind für Tugendproben und für den Erweis der Glaubensfestigkeit gute Prüfinstanzen.

Theologisch wurde der Schmerz oft verstanden als eine Strafe Gottes und als ein Akt der Sühne, schliesslich als Ausfluss der Erbsünde. Oder er ist ein Opfer, um sich Heil und Frieden zu erwirken. Er gilt als Vorgriff, als eine Art Vorgeschmack auf die Höllenpein und erzeugt durch die Androhung konformes Verhalten. Im Schmerz erreicht der religiöse Mensch oft einen Zugang zum Göttlichen, indem er sich in der imitatio Christi fühlt. Die Qualen der Kreuzigung werden aber auch inszeniert und zur Schau gestellt, so etwa früher bei den Flagellanten.

Schmerzikone

Eine der Ikonen des Schmerzes ist die Kreuzigungsszene des „Isenheimer Altars“ (1512/16) von Matthias Grünewald. Die Dunkelheit der Szene verhindert jeden Glanz, so dass sich hier bereits die Gewissheit ankündigt, dass eine Welt ohne einen sinnhaften Schmerz selbst ohne einen Sinn bleibt.

Ganz auf die Kreatürlichkeit wird der Mensch mit seiner Geburt und mit seinem ersten Schrei festgelegt. Das Geburtstrauma und die Geburtswehen hüllen bereits jeden menschlichen Anfang in den Schmerz.

Schmerzgeschichten

Das Anwachsen des Schmerzes in der Nähe des Todes haben Leo Tolstoj („Der Tod des Iwan Iljitsch“) und Rainer Maria Rilke („Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“) eingehend beschrieben. In Tolstojs Geschichte beherrscht der Schmerz allmählich alles, bis die Todesschreie jeden Winkel durchdringen. Ganz ähnlich vollzieht sich das Sterben des alten Brigge: Der Alte dehnt sich aus und erfüllt mit seiner Stimme alle Räume. Der Schmerz bedeutet hier die Vorbereitung auf den Tod, der unter Qualen und Lärm seinen Einzug hält.
In der Erzählung Tolstojs fragt die Titelfigur Iwan Iljitsch, warum es ein sinnloses Leiden des Menschen gebe. Oder gibt es gar sinnvolle Schmerzen? Tolstoj bietet mehrere Antworten auf diese Fragen an.

Moralität des Schmerzes

Zunächst wird der Schmerz als ein Faktum der Existenz angenommen. Der Schmerz ist mit der Existenz gegeben, ohne Anlass und ohne einen anderen Grund. „Warum diese Qualen? Weil das so ist und aus keinem besonderen Anlass.“ Dann wird der Schmerz als Ausdruck der Verfehlung des Daseins interpretiert, wobei die Quälerei Ursache für Rechtfertigungen ist. „Warum? Warum dieses ganze Entsetzen? Weil er nicht richtig gelebt habe ...“. Der Schmerz kann in die Verzweiflung treiben, in der ein Mensch sich wie in einer extremen Grenzsituation befindet. „Wie, wenn in der Tat mein ganzes Leben, mein ganzes bewusstes Leben nicht das Wahre gewesen ist?“ Schliesslich plädiert Tolstoj für eine Art Moralität des Schmerzes, nämlich für die Forderung, so zu leben, dass Schmerz jeder Art vermieden wird - besonders im Miteinander der Menschen, aber auch gegenüber allen Kreaturen.

Diese klassische russische Schmerz-Legende gibt noch eine Reihe anderer Fragen zu bedenken. Der Schmerz ist für andere stets eine indirekte Wahrnehmung: Zeichen werden wahrgenommen, nicht der Schmerz selbst. Deshalb muss er in der Perspektive des anderen immer zuerst rekonstruiert werden. Tolstoj schreibt aus der Sicht des Leidenden: „Ihm war, als presse man ihn mit seinen Schmerzen in einen engen, schwarzen und tiefen Sack und presse ihn immer weiter hinein und könne ihn doch nicht ganz hineinpressen. Dabei vollzog sich dieses Entsetzliche mit grosser Qual für ihn.“

Da der Schmerz ganz individuell ist, kann er gemeinsam nur in einer kommunikativen Situation erschlossen werden (z. B. im Patientengespräch). Die Leiden des anderen erfordern Empathie, Einfühlungsvermögen und Sprache: der sympathetische bzw. dialogische Akt erschliesst den Schmerz des anderen. Der Schmerz ist meist mit anderen Empfindungen verbunden und muss aus dieser Mischung erst herausgefiltert werden.

Besonders bedrückend ist der dumpfe, bohrende, alles nivellierende Schmerz. Er wird zum Regisseur aller Empfindungen und der Lebenseinstellung, weil er wie eine Totalisierung wirkt. Tolstoj: „Es war alles gleich, es war alles ein und dasselbe; der bohrende, auch nicht einen Augenblick aussetzende, quälende Schmerz; das Bewusstsein des so hoffnungslos immer weiter fortziehenden, aber immer noch nicht ganz fortgegangenen Lebens.“

Sprache des Schmerzes

Es ist schwer, für den Schmerz eine eigene Sprache zu finden, weil der Schrei nicht immer zugelassen wird. Virginia Woolf bemerkte dazu: „Für das einfachste Schulmädchen, wenn sie sich verliebt, sprechen Shakespeare oder Keats; aber wenn ein Leidender einem Arzt seine Kopfschmerzen schildern soll, versiegt die Sprache sogleich.“ Diese Schwierigkeiten hängen mit der Ambivalenz und Komplexität von Schmerzempfindungen zusammen.

Identitätsbeschädigung

Selbstwahrnehmung und Selbsterfahrung sind mit dem Schmerzerlebnis gegeben. Ich bin nicht mein Schmerz, aber der Schmerz ist meiner und nur meiner, womit er sich in die Seele und in die Identität hineinfrisst. Er ist authentisch und markiert die Fragilität, die Zerbrechlichkeit aller Beziehungen und Möglichkeiten des Lebens. In jedem Falle ist der Schmerz eine schwere Verwundung, eine Verletzung der Identität einer Person, die bis zur Identitätsberaubung gehen kann. Insofern kann der Schmerz als eine gravierende Identitätsbeschädigung begriffen werden.

Eine solche Auslieferung an den Schmerz wird im 21. Jahrhundert zunehmend vermieden. Aspirin im Alltag und Anästhesie in der Klinik ermöglichen ein fast schmerzfreies Leben. Schmerz vor und nach Aspirin ist jeweils etwas anderes. Die Schmerztablette gehört zu den Requisiten des gewöhnlichen Lebens und hat in Aspirin ein Mittel, das für die Schmerzkultur folgenreich war und zu den umwälzenden chemischen Mentalitätstransformatoren zu rechnen ist. Die Algesiologen richten heute Schmerzkliniken ein, um vor allem die chronischen Leiden zu therapieren.



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