• Dienstag, 26.09.2017
Print

PERSPEKTIVEN

Im Grössten und mit dem Kleinsten.

Oder wie die Welt in Bewegung gerät
Von Ernst Peter Fischer
Im Grössten und mit dem Kleinsten.
© glynholton.com
2017 – das ist das Jahr, in dem die Menschen christlichen Glaubens die 500ste Wiederkehr des Jahres feiern, in dem ein Mönch namens Martin Luther seine Thesen gegen den Ablasshandel in der Stadt Wittenberg an eine Kirchentür genagelt und mit diesem Schritt nach und nach die Spaltung der Kirche in Gang gesetzt hat.

Mit Luthers mutigem und historischem Schritt beginnt sich der Protestantismus zu regen und zu wachsen und der katholischen Kirche Konkurrenz zu machen, deren Vertreter sich hemmungslos an den Einnahmen des Ablasshandels bedient hatten. Doch ganz ohne Gegenwehr gaben die Katholischen nicht auf, und einige Anhänger des Papstes versuchten sogar, die Mathematik dabei zu Hilfe zu nehmen.

Wenn in den kommenden Monaten viel von Martin Luther die Rede ist und nicht zuletzt seine ungeheure Bereicherung der deutschen Sprache hervorgehoben wird – Luther hat den Menschen zum Beispiel das Wort „Geheimnis“ geschenkt, mit dem er „Mysterium“ übersetzte, wobei er mit „geheim“ etwas meinte, das „zum Haus gehörig“ und also seinen Bewohnern vertraut ist, auch wenn sie es nicht öffentlich machen –, dann kann kein Leser oder Rezipient der Medien erwarten, dass viel von den Naturwissenschaften die Rede ist.

Das Universum

Die aktuelle Publikation von
Ernst Peter Fischer


Gott und der Urknall
Das ist aber schade, denn in den Tagen des Thesenanschlags bildete sich zum einen ein neuer Blick auf das Grösste aus, das Menschen kennen, nämlich das Universum. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts war den Astronomen aufgefallen, was auch Luther in seinen Tischreden anmerkte und bemängelte, dass sie nicht in der Lage waren, bestimmte Konjugationen von Planeten präzise vorherzusagen, wenn sie in dem Schema des Ptolemäus operierten, der die Erde im Mittelpunkt der Welt sah.

Bald machte sich Kopernikus an die Arbeit, um die Sonne ins Zentrum und die Erde mit ihren Menschen näher an den Himmel und also näher bei den Göttern oder dem Gott zu platzieren. Als Kopernikus an seinem Hauptwerk schrieb, das 1543 erscheinen konnte, wurde in Rom der Orden der Jesuiten gegründet, deren Mitglieder sich viele Aufgaben stellten, zu denen nicht zuletzt die Frage gehörte, wie man die Ausbreitung des Protestantismus verhindern könnte.

Wie viele Punkte hat eine Linie?

Eine nette Idee bestand darin, einen neuen und besseren Kalender anzufertigen – er wird heute noch benutzt und ist nach dem damaligen Papst als Gregorianischer Kalender bekannt, der seinen Julianischen Vorgänger ablöste –, was die Protestanten zwingen würde, die Tage nach einem katholischem System zu zählen. Doch die Jesuiten sahen die Chance, noch einen Schritt weiter zu gehen. Damals hatten die Mathematiker angefangen, sich wieder einer merkwürdigen Grösse zuzuwenden, die seit der Antike ihr Unwesen trieb und heute als das Infinitesimale bezeichnet wird und die moderne Mathematik mit all ihren Rechenkünsten ermöglicht. Das Infinitesimale meint etwas unendlich Kleines wie einen Punkt, der schon in den Tagen von Euklid die unbeantwortete Frage aufwarf, wie viele Punkte eine Linie hat.

Das unendlich Kleine

Archimedes hatte infinitesimale Intervalle verwendet, um gekrümmte Flächen und gebogene Körper berechnen zu können, aber die meisten Mathematiker hatten sich dann doch mit den glatten Figuren der Geometrie Euklids begnügt – bis eben 1544 die Schriften des Archimedes übersetzt wurden und das Infinitesimale eine Renaissance erlebte. Die Jesuiten reagierten entsetzt. Sie sahen in diesem unendlich kleinen Ding, das im Laufe der Berechnungen sogar gegen Null geht und also zu verschwinden hat, eine Bedrohung für die vertraute Geometrie – was wörtlich eine Weltvermessung ausspricht. Die Jesuiten meinten sogar, dass man versuchen müsse, ein Bollwerk gegen das Vordringen des unendlich Kleinen zu errichten, und sie hofften tatsächlich, dass dann, wenn das Infinitesimale aufgehalten und aus dem Reich der Mathematik verbannt werden könnte, auch der Protestantismus aus der Welt verschwinden und die katholische Kirche erneut ihre alte und ungebrochene Autorität gewinnen würde.

Verdammung des Kleinsten

1560 wurde ein entsprechendes Collegio Romano gegründet, in dem die Jesuiten das Kleinste verdammten, weil es ihren Traum zerstörte, in dem ihnen eine vollkommen rationale Welt mit strenger mathematischer Ordnung vorschwebte, die ihrerseits als Grundlage einer politischen und sozialen Ordnung dienen konnte.
Gottfried Wilhelm Leibniz und Isaac Newton
Gottfried Wilhelm Leibniz und Isaac Newton ©en.wikipedia.org 

Bewegungen von Objekten berechnen

Heute ist das Infinitesimale aus der Mathematik und überhaupt der modernen Welt nicht nur nicht mehr wegdenkbar. Es ist sogar konstitutiv für die Gegenwart, und ausgelöst haben diesen Siegeszug der Philosoph Leibniz und der Physiker Newton, die eine Infinitesimalrechnung entwarfen und sich mit ihrer Hilfe in der Lage zeigten, Bewegungen von Objekten genau berechnen zu können. Der Gag besteht dabei darin, dass das Kleinste selbst in Bewegung sein muss, weshalb man es auch nicht zu fassen bekommt. Nur wenn das Infinitesimale sich auf die Null zu bewegt und sich zum Verschwinden bringt, lässt sich nämlich die Welt mathematisch erfassen und verstehen. Seit den Tagen Luthers ist also die Welt in vieler Hinsicht in Bewegung. Dazu mussten die Menschen paradoxerweise am Allerkleinsten festhalten.



Weitere Artikel von Ernst Peter Fischer
  Im Grössten und mit dem Kleinsten.



Diesen Artikel:
Drucken | Merken | Feedback | Weiter empfehlen

Social Networks:
Twitter Facebook MySpace deli.cio.us Digg Google Bookmarks Windows Live Yahoo! Bookmarks