• Montag, 23.01.2017
Print

ALTERSTHEMEN

Im Angesicht des Sterbens ohne Selbstmitleid

Untertitel
Von Brigitte Boothe
Im Angesicht des Sterbens ohne Selbstmitleid
© XtravaganT - Fotolia.com
Theodor Fontane, geboren im Jahr 1819, schrieb seinen Roman „Der Stechlin“ (erschienen 1899) in der zweiten Hälfte seiner siebziger Lebensjahre. Erst als Sechzigjähriger begann er, Romane zu verfassen. „Der Stechlin“ ist sein letztes Romanwerk, sein Vermächtnis, bevor er 1898 starb. Für Fontane war das Alter ganz im modernen Verständnis eine Entwicklungsphase. Dubslav, der „Stechlin“, wird ernsthaft krank und muss sich mit existentiellen Anfechtungen auseinandersetzen. Es kommt zu der berühmten Szene:

„Engelke ging, und Dubslav war wieder allein. Er fühlte, dass es zu Ende gehe. ‚Das >Ich< ist nichts – damit muss man sich durchdringen. Ein ewig Gesetzliches vollzieht sich, weiter nichts, und dieser Vollzug, auch wenn er >Tod< heisst, darf uns nicht schrecken. In das Gesetzliche sich ruhig schicken, das macht den sittlichen Menschen und hebt ihn.‘ Er hing dem noch so nach und freute sich, alle Furcht überwunden zu haben. Aber dann kamen doch wieder Anfälle von Angst, und er seufzte: ‚Das Leben ist kurz, aber die Stunde ist lang’“. (Fontane 1899, S. 286.)

Das Gesetz des Lebens

Der Seufzer wurde zum geflügelten Wort. Der Blick auf das „Gesetzliche“ erlaubt dem Sterbenden eine heitere Selbstrelativierung. Doch wohl nur, so lange ihm seine mentale Verfassung solche Souveränität gestattet. Bald ist er wieder zurückgeworfen auf das Elend des Leibes, und es ist vorbei mit dem couragierten Faktenbezug ohne Selbstmitleid. Attackiert vom grossen Unbehagen beim Letzten Abschied stehen für Dubslav und eben für alle, denen es geht und gehen wird wie ihm, „Anfälle von Angst“ im Zentrum. Das Gehobensein als sittlicher Mensch ist an dieser Stelle nicht möglich. Aber einen Trost über die Verflüchtigung von Gelassenheit in der „Lebensnot“ kann der Autor Fontane seinem Dubslav doch noch in den Mund legen: „Ein ewig Gesetzliches vollzieht sich, weiter nichts, und dieser Vollzug, auch wenn er >Tod< heisst, darf uns nicht schrecken.“

Persönlicher Exkurs

Auch meine betagte Mutter – um hier ganz persönlich anzuschliessen – dachte ein wenig wie Dubslav, als sie sah, dass es bald zu Ende gehen würde. Eine Altersleukämie machte sie zunehmend müde, ein Darmkrebs kam hinzu und verstärkte die immer längeren Phasen extremer Müdigkeit. Sie litt keine Schmerzen, sie genoss gelegentlich Phasen des entspannten Liegens. Ihr Denken und ihr Gedächtnis waren intakt, sie war gern allein und dachte über ihr Leben nach. Nur andeutungsweise liess sie uns, ihre beiden Töchter, wissen, was sie beschäftigte, dass sie Zwiesprache mit sich selbst hielt, ohne rückblickende Verklärung, ohne Selbstverklärung. Verfehlte Hoffnungen, vermiedene Anstrengungen, Irrtümer und Fehlschläge - damit konfrontierte sie sich, ohne Selbstmitleid oder Selbstanklage. Es war Wahrheitsstolz, der sie leitete. Tröstungen jeglicher Art lehnte sie ab.

Mit einer gewissen Spottlust hätte sie äussern können: Gelaufen bin ich, aber ohne Ziel. Lange habe ich mich darüber getäuscht. Sie wollte nicht, dass man ihrer gedachte. Anonyme Stätten gibt es bekanntlich heute auf den Friedhöfen. Die Asche aus dem Krematorium kann man dort verstreuen. Ein letzter Weg führte Verwandte und Freunde nach ihrem Tod dann eben doch zur anonymen Stätte.

Entfernung von den Lebenden

Dass unsere Mutter so viel Entfernung zu ihren Töchtern am Ende des Lebens aufgebaut hatte, das entrückte sie uns zur Unzeit. Dass sie sich im Rückzug der tödlichen Krankheit einer Inspektion ihres Lebensweges aussetzte, in dem sie viele „Irrungen und Wirrungen“ erkannte, um noch einmal einen Roman von Theodor Fontane zu erwähnen, bewundere ich: Illusionsverzicht an der Grenze des Lebens. So erschien sie uns bei aller Mattigkeit des Leibes überhaupt nicht matt, nicht glanzlos; es war geradezu vitale Kühnheit und respektabler Eigensinn, der ihren unnachsichtigen Geist belebte. Und das war nicht nur Lebendigkeit an der Schwelle zum Tod, sondern auch Eigenregie im Lebensrückblick: Sie selbst ist Autorität in Bezug auf die Bewertung und Würdigung des eigenen Lebens, ist gleichsam Richterin und Gerichtete zugleich beim selbstbestimmten Jüngsten Gericht.

Vergessen fordern, statt vergessen zu werden

Dass unsere Mutter wünschte, ihren Tod als endgültige Auslöschung zu verstehen, dass Ihrer nicht gedacht werden sollte, das ist für uns, die wir ja gar nicht anders können, als Ihrer zu gedenken, ein harter Stoss. Doch auch hier beeindruckt sie uns durch die Übernahme der Sache in Eigenregie: Das Vergessen fordern, statt vergessen zu werden. Dass unsere Mutter sterben durfte, ohne Schmerzen zu leiden, ist ein kostbares Geschenk. Der Komfort der körperlichen Entspannung ging einher mit der Arbeit eines scharf sezierenden Urteilens. Das führte zwar nicht zu Milde und freundlicher Souveränität, doch gelegentlich zu leiser Ironie und Spottlust.

Wäre nur dies nicht geschehen: Die Wohnung der Mutter stand zur Weitervermietung an. Und wie es heute so ist, einige Fotos der Wohnung waren im Internet zu sehen. Doch handelte es sich nicht um Bilder der leeren Räume, sondern man sah das private Zuhause unserer Mutter mit einigen Möbeln, Gegenständen, Kleidungsstücken, aber bereits gestapelt oder entfernungsbereit verschoben. Restmüll. Kann weg. Wird gleich weg sein.

Der Ort, an dem sie gelebt, das Zuhause, das sie gestaltet hatte, das von ihrem Leben zeugte, diesen Ort hat es kurz nach ihrem Tod nicht mehr gegeben. Das war ihr recht. Die achtlosen Fotos hätte sie nicht geduldet. Sie wollte nicht jemand sein, dem man achtlos begegnet, ihr Ringen um ein Ende in Hellsichtigkeit forderte Respekt.

Zerbrechen

Zufällig fand ich eine Zeile, die zu ihr passt: „Der Himmel übt an Dir Zerbrechen“; dies ist der Anfang eines Gedichts von Nelly Sachs. In himmlischen Sphären wird geübt. Dem Ironievergnügen unserer Mutter hätte das gefallen. Wer übt? Die trotzige Sterbende? Der Himmel? Wer oder was zerbricht? Das Himmelsgewölbe? Der fragle Leib? Die trotzige Seele? Nelly Sachs lässt das zu stiller Besinnung offen.


Quellen:
  • Boothe, B. (2014). „….wenn ich auf das Ende sehe“ - Wie viel Zeit bleibt bis zum Tod? Dynamik der Veränderung als lebenslanges Geschehen. In Hierdeis, H. (Hrsg.). Wie hältst du’s mit dem Tod? Erfahrungen und Reflexionen in der Psychoanalyse (S. 223-247). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Fontane, T. (1899). Der Stechlin. Hrsg. von Klaus-Peter Möller. Berlin: Aufbauverlag 2001 (Grosse Brandenburger Ausgabe. Das erzählerische Werk. Bd. 17).


Weitere Artikel aus der Rubrik «ALTERSTHEMEN» (Auswahl):
  Im Angesicht des Sterbens ohne Selbstmitleid



Diesen Artikel:
Drucken | Merken | Feedback | Weiter empfehlen

Social Networks:
Twitter Facebook MySpace deli.cio.us Digg Google Bookmarks Windows Live Yahoo! Bookmarks