• Samstag, 18.11.2017
Print

PERSÖNLICHKEIT DES MONATS

Im Alter will ich unterwegs sein

Interview von Helmut Bachmaier  
Im Alter will ich unterwegs sein
© Angela Winkelmann
Angela Winkelmann, Mitglied der Geschäftsleitung der Helvetia Versicherungen Schweiz und Vizepräsidentin des Stiftungsrates der TERTIANUM-Stiftung, im Gespräch mit Helmut Bachmaier.

Frau Winkelmann, welche Position bekleiden Sie aktuell bei Helvetia, und können Sie uns einen kurzen Rückblick auf Ihre vorherigen Funktionen geben?

Angela Winkelmann: Ab Juli 1997 war ich Leiterin des Kundendienstes Einzelleben, bevor ich 2003 als Leiterin für das gesamte Einzellebengeschäft in die Geschäftsleitung berufen wurde. Seit Juli 2011 leite ich den Bereich Human Resources und Dienste. Unter Dienste versteht man die Bereiche Branding/Marketing, Logistik, d.h. die Einheit, die sich um die Bewirtschaftung unserer selbst genutzten Liegenschaften kümmert, sowie Recht und Compliance.

Warum haben Sie sich einst für ein Volkswirtschaftsstudium entschieden? Ist diese Disziplin seit der Finanzkrise nicht etwas angeschlagen?

Angela Winkelmann: Mich haben schon früh die grossen Zusammenhänge in der Wirtschaft, internationale Beziehungen, die Makroökonomie interessiert. Damals konnte man noch keine Finanzkrise von 2008 voraussehen. Vielleicht ist das der weibliche Touch, dass man keinen universellen Anspruch hat, alles vorhersehen und erklären zu können (sie lacht). Ich beziehe mich da gern auf Nassim Nicholas Taleb und seinen „Schwarzen Schwan“. Grosse Sprünge in geschichtlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen sind nicht vorhersehbar – also braucht man viel Bescheidenheit bei der Erstellung von Vorhersagen.

Welcher Schule oder Richtung der Volkswirtschaft stehen Sie trotzdem nahe?

Angela Winkelmann: Ich vertrete keine Schule. Die Welt verhält sich nicht wie ein Modell. Theorien und Modelle sind für mich Hilfsmittel, und da stelle ich mir stets die Frage: Ist es plausibel, was ein Modell vorgibt? Jeder, der mit Menschen zu tun hat, merkt, dass die Prognostizierbarkeit menschlichen Verhaltens schwierig ist. Die Realität hat noch viele andere Facetten, die mit Modellen nicht erfassbar sind. Hier ist auch der Erfahrungsschatz des Einzelnen von besonderer Bedeutung.

Wie können wir uns Ihre ausserberuflichen Interessen vorstellen?

Angela Winkelmann: Leider habe ich viel mehr private Interessen als Raum dafür da ist. Ausgeprägt ist meine Liebe zum Garten, sozusagen als Ausgleich zur Büroarbeit. Er ist für mich eine Oase des Privaten. Dann reise ich sehr gern, besuche dabei u. a. auch schöne Gärten. Gerade komme ich aus Peru zurück. Mich hat die Geschichte dieses südamerikanischen Landes sehr beeindruckt, auch die spannende politische Situation, die mich natürlich als Ökonomin interessiert. Es ist ein sehr musikalisches Land und eines, das seine lokale Kultur tatsächlich noch im Alltag mit seinen Ritualen lebt. Dennoch haben die einheimischen Fremdenführer dies nicht nur positiv bewertet, sondern auch als sehr eingrenzend.

Ich habe ein ambivalentes Verhältnis zu Ritualen: Ich persönlich geniesse Rituale wie ein gemeinsames Essen mit meinem Mann, mit Freunden oder der Familie. Geschätzte Rituale wie ein schönes Gastmahl oder Weihnachten sind entlastend und beruhigend. Geschäftlich bedingte Rituale haben oft einen zwanghaften Teil. Dennoch sind Rituale für mich und ebenso für eine Gesellschaft wichtig.

Je mehr die Rituale schwinden, desto grösser wird die Empfindung einer Unsicherheit. Werden Versicherungen in diesem Zusammenhang zu einer Art Institution einer Ersatzreligion?

Angela Winkelmann: Dass Versicherungen – oder vielmehr Sicherheit – den Charakter einer Ersatzreligion haben können, möchte ich nicht ausschliessen. Ich bin eine begeisterte Versicherungsfrau, aber Versicherungen sind nicht für alle Menschen das Wichtigste. Für manche ist eine Versicherung aber bestimmt nötig, um sich ungefährdet zu fühlen. Allerdings ist die Versicherung hierbei nur als kleiner Baustein zu betrachten. Sie kann für das Individuum und für die Volkswirtschaft wirksam werden, um zumindest die finanziellen Folgen von Ereignissen abzufedern oder um die finanzielle Vorsorge für das Alter zu gewährleisten.

Kehren wir zurück zu Ihren privaten Interessen.

Angela Winkelmann: Ich interessiere mich für Geschichte und Politik. Ausserdem lese ich gern, am liebsten Kriminalromane von guten Autoren wie Ingrid Noll, Donna Leon oder viele britische Autoren. Bildende Kunst beschäftigt mich, daher besuche ich gern Museen oder blättere auch zu Hause immer wieder in Kunstbänden. Mein Mann und ich gehen viel ins Theater und hören uns Jazz- oder klassische Konzerte an. Ganz neu habe ich übrigens Tai Chi entdeckt.

Was würden Sie auf die berühmte einsame Insel mitnehmen?

Angela Winkelmann: Dahin würde ich am liebsten meinen Mann mitnehmen.

Gibt es ein Lebensmotto, ein Symbol dafür?

Angela Winkelmann: Das ist ein Zitat von Laotse: „Nimm gegenüber Wandel und Beständigkeit die gleiche Haltung ein, und nichts wird deine Klarheit trüben.“

Man muss sich verändern, aber auch Zeit zur Konsolidierung und Stabilisierung haben. Danach kann man sich wieder verändern. Das gilt für mich für den Beruf wie auch für das Privatleben. Das Symbol, das mir hierzu einfällt, ist das Pendel – zwischen Wandel und Stabilität. Ein Ausgleich zwischen den beiden Polen ist erstrebenswert.

Seit einigen Jahren sind Sie Vize-Präsidentin des Stiftungsrates der TERTIANUM-Stiftung und werden ab 2015 das Amt der Präsidentin übernehmen. Welche Aufgaben sind für Sie sowohl in der einen als auch in der anderen Funktion vorrangig?

Angela Winkelmann: Die Zusammensetzung des Stiftungsrates der TERTIANUM-Stiftung ist vor allem hochschulakademisch geprägt. Als Delegierte der Helvetia im Stiftungsrat versuche ich, eine wirtschaftliche Komponente einzubringen. Hierbei möchte ich aktiv mit meinem ökonomischen Knowhow dazu beitragen, die Ziele der Stiftung zu erreichen. Als Präsidentin wird für mich eine wichtige Frage sein, wie wir die Stiftung in der Schweiz und im deutschsprachigen Raum zukünftig gestalten können: Deutschland und Österreich sind für die Stiftung eventuell auch interessant. Die Zukunft der Stiftung muss im Rahmen des Geschäftsmodells gestaltet und organisatorisch umgesetzt werden.

Welche Bedeutung hat die TERTIANUM-Stiftung für Sie und die Helvetia Versicherungen?

Angela Winkelmann: Helvetia kooperiert nun über zehn Jahre mit der TERTIANUM-Stiftung, zunächst als ein wichtiger Partner für das besondere Verständnis der Menschen im Alter 50plus. So wurde unser Konzept terzAvita entwickelt.

Nun aber hat die Stiftung für mich eine noch generellere Bedeutung, weil ihre Ideen, ihre Philosophie nicht mehr nur im Einzellebenbereich zum Tragen kommt, sondern auch im Branding. Ich empfange als Stiftungsrätin viele Impulse, die ich als wertvoll empfinde. Ich betrachte es als meine Aufgabe, den Blick für verschiedene gesellschaftliche, kulturelle und soziale Fragen zu öffnen. Die Corporate Responsibility spielt hierbei eine wichtige Rolle. Die Stiftung ermöglicht einen schärferen Blick auf die Gesellschaft und auf die Beziehung unter den Generationen.

Wie beurteilen Sie die Lage der älteren Menschen heute in der Schweiz?

Angela Winkelmann: Finanziell geht es den Älteren durchschnittlich besser als den Jüngeren. Solang sich die Rahmenbedingungen für die 2. Säule nicht verändern, wird das auch vorerst so bleiben. Positiv für ältere Menschen, die dennoch nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, ist das gut ausgebaute soziale Netz. Ich stehe voll und ganz hinter dem europäischen sozialen Modell, weil es eine positive Grundlage für das Zusammenleben schafft.

Es gibt sehr aktive ältere Menschen, die sich weiter entwickeln wollen, und in der Schweiz existieren gute Grundlagen für eine lebenslange Persönlichkeitsentwicklung. Ich frage mich jedoch, wie es mit der Wertschätzung der älteren Menschen durch die Gesellschaft aussieht? Alles wird doch an der Arbeit festgemacht. Der Pensionär wird meist nur noch als Konsument betrachtet, obwohl er viel Erfahrung und Wissen besitzt. Mir ist aufgefallen, dass gerade in Südamerika oder auch in südlicheren europäischen Ländern ältere Menschen eine andere Wertschätzung erfahren als bei uns.

Damit Erfahrung nicht verloren geht, deshalb unterstützt die TERTIANUM-Stiftung die Erhaltung und Nutzung von Erfahrungswissen. Gut untersucht worden ist hierbei das Lernen älterer Menschen: Die Lernmotivation lässt zwar nach, aber die Lernkompetenz ist nach wie vor vorhanden.

Angela Winkelmann: Es besteht m. E. ein Zusammenhang zwischen der Wertschätzung einer älteren Person und dem, wie diese Person motiviert ist, sich weiterhin zu bilden oder einzubringen. Ich bin der Meinung, dass ältere Mitarbeiter von ihrem Unternehmen motiviert werden sollten: Es sollte ihnen verdeutlicht werden, dass ihre Kompetenzen gefragt sind – und dass sie dringend gebraucht werden.

Was gehört zu einem „guten“ Alter?

Angela Winkelmann: Nach den Berufsjahren eine Vita activa zu führen, lernbereit zu sein, Erfahrung und Wissen weiter zu geben und seinen eigenen Rhythmus zu finden. Ein „gutes“ Alter ist für mich gleichbedeutend mit Selbstbestimmung und Verfügung über die eigene Zeit, im Sinne von „Ich nehme mir Zeit“. Dazu gehört die Möglichkeit, die alltäglichen Verpflichtungen der Berufsjahre abzulegen und selbst zu entscheiden, was man möchte.

Wie stellen Sie sich vor, wie Ihre späteren Jahre einmal aussehen könnten? Was sind Ihre Erwartungen, Hoffnungen und Ziele?

Angela Winkelmann: Im Jahr 1 nach meiner Berufstätigkeit möchte ich gar keine Verpflichtungen eingehen. Ich würde gern zusammen mit meinem Mann von heute auf morgen spontan entscheiden, was wir tun wollen. In diesem ersten Jahr werden sich bestimmte Präferenzen für später herausschälen. Gern würde ich mich intensiver und weiter gefächert mit Bildungsbereichen wie Philosophie, Geschichte, Architektur etc. befassen und mich auch austauschen, wobei ich nicht daran denke, mich an einer Universität einzuschreiben. Da wäre ich wieder zu eingebunden. Ich würde das Klavierspielen lernen wollen - das ist ein grosser Kindheitstraum von mir - und Zeit haben, meine Beziehungen zu pflegen sowie mich verstärkt in meinem Serviceclub für soziale Projekte zu engagieren. Wichtig wäre für mich nach wie vor das Reisen: Erfahrungen sammeln, Neues sehen, zu sich selbst unterwegs sein und immer wieder heimkehren wollen.



  Weitere Persönlichkeiten des Monats (Auswahl)  
 
 
       
 
Mail
Blog



Diesen Artikel:
Drucken | Merken | Feedback | Weiter empfehlen

Social Networks:
Twitter Facebook MySpace deli.cio.us Digg Google Bookmarks Windows Live Yahoo! Bookmarks