• Samstag, 18.11.2017
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GESUNDHEIT

Hörsysteme auf dem Prüfstand

Von Silvia Finke  
  Hörsysteme auf dem Prüfstand
© fotolia.de 
Schweizer Produkte sind toll – aber oft teuer. Gleichzeitig werden Herr und Frau Schweizer immer preissensibler. Das führt auch bei Hörsystemen unweigerlich zu einer Debatte über Preise, Qualitäten oder Funktionalitäten. Ist billiger wirklich genauso gut?


Generell ist es mit dem Hörverlust ja so eine Krux: Man gesteht es sich selbst erst spät und der Umwelt möglichst gar nicht ein. Es ist kein Thema für den Kaffeeklatsch, und ein Experte ist man auch nicht. Dann hört man immer wieder davon, dass gutes Hören sowie geistige und körperliche Gesundheit eng zusammenhängen. Und inzwischen gibt es Geräte auf dem Markt, die preiswert sind und gleichzeitig wahre Wunder vollbringen sollen. Folge: Die Verunsicherung wächst.

Nach Erkenntnissen des Max Planck Institutes in Leipzig benötigt das Gehirn die gleichen Ressourcen zum Hören, wie um Informationen im Kurzzeitgedächtnis zu speichern. Braucht das Gehirn zu viel davon fürs Hören, leidet das Gedächtnis. Am Johns Hopkins Spital in Baltimore (U.S.A.) wurde ein Zusammenhang zwischen Hördefiziten und Demenz nachgewiesen. Was Ursache, Auslöser und was die Folge ist, daran wird noch geforscht. Klar ist auf jeden Fall, dass Hörbeeinträchtigungen nicht nur Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben und letztlich auf die Lebensfreude haben, sondern auch verschiedene körperliche Symptome ebenfalls damit im Zusammenhang stehen.

Braucht ein Gehör Unterstützung, sollte man diese ihm gewähren. Doch was hat es auf sich mit preiswerten Geräten, die so gut sein sollen wie teure, oder mit teureren Geräten, die entscheidend die Natürlichkeit des Hörerlebnisses verbessern und mit der ganzen Technologie, die inzwischen in diesen kleinen Geräten verborgen ist? Was braucht man wirklich, was ist nicht notwendig? Lohnt sich eine High-Tech-Lösung, oder tut ein einfaches Gerät im Endeffekt den gleichen Dienst?


  Querschnitt durch das menschliche Ohr                                   Quelle: Wikipedia / Ohr  
  Querschnitt durch das menschliche Ohr  

Technologie in Hörsystemen ist kein Selbstzweck, sondern Notwendigkeit

„Technologie ist nicht als Selbstzweck in einem Hörsystem enthalten. Jede Automatik arbeitet nur dann für den Träger perfekt, wenn sie an seine individuellen Bedürfnisse, Wünsche und Präferenzen angepasst werden kann. Und wenn diese sich ändern, muss sich auch eine Einstellung ändern lassen“, erklärt Stefan Häberle, General Manager der Widex AG. Hördefizite haben viele Ursachen, vom „Nicht-mehr-hören-Können“ bestimmter Frequenzen über eine Hoch- oder Tiefton-Hörschwäche bis hin zu einer eher selteneren Mitteltonabsenkung.

Preiswerte Geräte sind oft reine Verstärker– und bringen eben keine Verbesserung der Hörsituation, wenn das Hördefizit nicht zufällig auf der „Lautstärke“ beruht. Häufig bieten diese Geräte zwar die Möglichkeit, bestimmte Umgebungssituationen zu simulieren, es ist aber nicht möglich, das Gerät dann noch auf die eigenen Bedürfnisse und Vorlieben anzupassen. So kann es sein, dass in preiswerten Geräten Richtmikrofone eingebaut sind, die starr nach vorn ausgerichtet sind und deshalb weder ein Richtungshören ermöglichen, noch einen – vielleicht eher seitlich stehenden – Gesprächspartner verstehen lassen. Oft ist die Störgeräusch-Unterdrückung fix eingestellt. Manch leises Geräusch aus der Umgebung verschwindet da schon einmal.

Das Handling sollte diskret sein

Auch beim Handling gibt es Unterschiede: Bei preiswerten Geräten müssen notwendige Umstellungen, z.B. bei Änderung der Hörsituation, häufig von Hand vorgenommen werden. Das ist nicht nur unhandlich und lästig, es kann oft auch nicht diskret erledigt werden. Höherwertige Geräte sind mit Technologien ausgestattet, die veränderte Hörsituationen selbstständig erkennen und sich darauf einstellen. Die standardmässig vorhandene Funktechnologie zur selbstständigen Kommunikation der Geräte untereinander und auch die Kommunikation der Geräte mit externen Schnittstellen über Bluetooth machen sich gerade in akustisch schwierigen Situationen positiv bemerkbar. Zudem können eigene Hörgewohnheiten oder Vorlieben durch Feinjustierungen abgebildet werden. „Jeder Hörverlust und jeder Betroffene ist individuell. Eine Spezialversorgung kann nötig werden. Das geht nur mit Geräten, die sich optimal einstellen lassen und Fachpersonen, die die nötigen Kenntnisse besitzen“ erklärt Dr. Luca Mastroberardino, Managing Director Phonak Schweiz.


  Fernsehsendung  
 
Das Ohr erträgt einiges - bis es
zu spät ist
Aus «Puls»
vom 24.09.2012
10:02 Uhr
SenLine: Das Ohr erträgt einiges - bis es zu spät ist. Quelle: SRF - Schweizer Radio und Ferndehen
Das Ohr erträgt einiges - bis es zu spät ist.
 


Ein Spezialist kennt alle Parameter

Bei so vielen unterschiedlichen Parametern liegt es eigentlich auf der Hand, die Hilfe eines Spezialisten in Anspruch zu nehmen. Wie sonst soll man unter den unterschiedlichen Geräten und Baureihen genau jene Kombination finden, die eigene Hörschwächen optimal ausgleicht? Jeder Mensch sucht bei einer ernsthaften Erkrankung einen Spezialisten auf, der weiss, wonach er suchen muss. Auch Hördefizite und individuelle Dispositionen müssen genau analysiert werden, um alle Parameter möglichst optimal zu verbinden. Nicht umsonst lernt ein Akustiker mindestens 3 Jahre, nicht umsonst benutzt er z. T. die gleichen Geräte wie ein ORL/HNO-Arzt.

Systeme, die im Ohr platziert werden, bedürfen einer otoplastischen Anpassung. Jeder Gehörgang ist anders - da ist es nachvollziehbar, dass ein individuell angepasstes Gerät immer bequemer zu tragen ist als eine vorgefertigte Lösung.

Die Anpassung der Geräte ist ein wiederkehrender Prozess

Die Anpassung der Geräte an das eigene Hörempfinden ist ein iterativer Prozess, bei dem auch die zunehmende Gewöhnung an die Systeme beteiligt ist. Es kann einige Zeit dauern, bis das Gehirn wieder gelernt hat, alle ankommenden Signale zu verarbeiten, oder bis man z. B. die hohen oder tiefen Töne wieder so wahrnimmt, wie man es gewohnt ist. Der Lohn der Mühe ist dann ein erfreulicher Tragekomfort und ein möglichst natürlicher Hörgenuss, der im besten Fall vergessen lässt, dass man ein kleines Hilfsmittel benutzt.

Fazit

Zusammenfassend kann man sagen: Wenn man genau den Hörverlust hat, den die voreingestellten Geräte bedienen, sind diese sicher eine gute Wahl. Die Chance hierfür ist aber relativ klein. In allen andern Fällen bringt eine genaue Bestimmung der individuellen Situation und die Anpassung eines Systems, das genau darauf eingehen kann, die wesentlich besseren Ergebnisse. Jeder weiss aus dem täglichen Leben, dass es viele Dinge in „preiswert“ und „teurer“ gibt und dass „teurer“ nicht zwingend eine höhere Marge des Verkäufers bedeutet, sondern mehrheitlich eine besser Qualität. Die grosse Auswahl an unterschiedlichen Systemen bietet für jede Gesamtsituation eine passende Lösung – und eine kompetente Beratung hilft bei der richtigen Wahl.


Neuroth AG
       
 
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