• Montag, 20.11.2017
Print

PERSPEKTIVEN

Herrschaftsfeier mit Kunstornament.

Aus der mittelalterlichen Geschichte der Festlichkeiten
Von Helmut Weidhase
Herrschaftsfeier mit Kunstornament - Aus der mittelalterlichen Geschichte der Festlichkeiten.
© de.wikimedia.org
Sängerkrieg auf der Wartburg (14. Jhd.) – Codex Manesse (Universität Heidelberg). Sängerkrieg auf der Wartburg (14. Jhd.) – Codex Manesse (Universität Heidelberg).
Solche Festbestimmung gilt vorzüglich für das bürgerliche Individualzeitalter. Das Mittelalter, aus dem sich viele Feste kalendarisch erhalten haben, bot für alles Feiertägliche viel stärker ritualisierte Ereignisse, ein verbindliches Zeremonialhandeln. An einige Feste aus alter Feudalität mag hier erinnert werden, mit Bevorzugung artifizieller Dramaturgien, in denen Macht und Kultur, Fest und Kunst, Nobilität und Poesie zu vielfältigen Hoch-Zeiten zusammenfanden.

Das Fürsten- und Herrscherfest

Das Fürsten- und Herrscherfest erfüllte politische Funktionen. „Herrscher-Adventus“ hiess die Ankunftsfeier zwecks Machtbestätigung. Zum Ritual gehörten Auftritt, Applaus, Bitte um „consilium et auxilium“. Davon ist die Rechtsformel „Rat und Tat“ abgeleitet und blieb dem Sprachschatz erhalten. Hohes Rittertum im höfischen Epos suchte solche Legitimationen. Aus dem „adventus“ wurde die „aventiure“, das Abenteuer. Herrscherankunft in politischer Wirklichkeit und Ritterbewährung in poetischer Erfindung fliessen aus demselben festlichen Quell. Festlichkeiten konnten still und demütig inszeniert werden – wie 1199 die Magdeburger Weihnacht König Philipps, von dem Walther von der Vogelweide dichtete, er habe „ganz leise, ohne Hast und Eile“ den Dom durchschritten.

Laut, ja lärmend feierte Philipps Vater, der Kaiser Barbarossa, 1184 zu Mainz den Ritterschlag seiner Söhne. Hoch zu Ross nahten über 70 Fürsten samt 40'000 Ritter. Zeltquartiere entstanden, Rheinschiffe brachten zahllose Fässer, und die Kunst hatte Konjunktur für Vaganten, Gaukler, Sänger, Erzähler. Kunst gehörte zum Staatsakt. Dichter galten als Botschafter des Ruhms. Heinrich von Veldeke, der erste deutsche Epiker, verewigte diesen Hoftag. Als in seinem Epos nach 13'000 Versen endlich Aeneas seine Lavinia heiratet, verbindet der Poet Antike und Stauferzeit, Hochzeit und Schwertleite, Rom und Mainz:
Schwertleite Rolands Schwertleite Rolands
Das war ein weitberühmtes Fest,
das alles sonst vergessen lässt.
Wie des Aeneas Fest war keins –
nur eins war grösser, das von Mainz.
Da möge man nicht weiter fragen,
denn das kann keiner vollends sagen,
wie unermesslich dies gelang
dem Kaiser Friedrich tagelang.
Zwei Söhne leitet er zum Schwert –
und manche tausend Mark an Wert
ward da verschenkt, vergabt, verzehrt...

Dichter- und Ritterfeste

Die bunt geschilderten Dichter- und Ritterfeste suchten, den höfischen Alltag zu verdrängen. Wir können kaum ermessen, wie ungemütlich naturbelassen das hochhöfische Leben war – und wie dringend es poetischer Entlastung bedurfte, z. B. durch hochrangiges Namensdefilee, das kein Denken bewegte, dafür unterhaltsam wirkte wie heute ein VIP-Gotha in der Regenbogenpresse. Hartmann von Aue feiert solch sprachliches Prominentenfest um 1185. Der Ritter Erec erringt im Turnier Enite, beim Hochzeitsfest wird ein Sprachmenü mit 140 Nobilitäten, alle namentlich aufgezählt, serviert.

Da drückte keinen Hörer mehr die Last des Semantischen oder gar Allegorischen. Höhepunkt eines episch ästhetisierten Daseins bietet Gottfried von Strassburg. Er führt den jungen „Tristan“ zur Schwertleite. Seine Hörerschaft wartet vergeblich auf eine opulente Festbeschreibung. Statt dessen entführt Gottfried sein Publikum zu einem Lustort der Musen und dienstbaren Poeten.

Hartmann (von Aue) gärtnert eine zauberhafte „Aue“, auf der ein wildgewordener Hase Haken schlägt (das geht gegen Wolfram), da ist ein antikisierender Harfenspieler, dort der feine Blumenzüchter Veldeke, dazu singen die Nachtigallen Reinmar und von der Vogelweide. Es ist ein Fest der Dichtung, eine offene Poesielandschaft, keine zugeriegelte Gesellschaft für individuellen Geschenketausch.

Derbe Bauernfeste

Neben aller Standesartistik gibt es die derben Bauernfeste. Sie suchen in reimreicher Anstrengung, etwa im „Bauernhochzeitsschwank“ oder dem Epos „Der Ring“ des aus der Schweiz stammenden Konstanzer Juristen Heinrich Wittenwiler, sich höfischer Kunst zu nähern. Diese Bauern-Epik liebt Namenslisten mit den Herren Besenstiel, Ochsenschwanz, Backenstoss, Schweineschnauz etc., schildert zur Massenschlägerei sich steigernde „Turniere“, lädt zu überbordenden Fress- und Sauforgien ein, vergisst nicht die Hochzeitsgeschenke:
Ein ganz paar Pfennige gab einer,
und andre schenkten grösser, kleiner,
ein jeglicher nach Ehr und Hab.
Der Koch tat einen Glückwunsch wählen...

Der Koch als Topf- und Pfannenästhet wählt eine ebenso poetische wie preiswerte Gabe, den guten Wunsch fürs Fest. Der ist hier wahrlich vonnöten, weil diese Rustikal-Orgie wie manches Fest ein starkes Katastrophen-Potential besitzt und verwirklicht. Doch auch diese inhaltlichen Bedrohlichkeiten erscheinen mit Reim und Redeornat, ja mit Märchenphantasie. Feier-Artistik, Feste, mit ästhetischen Formen und Farben geschmückt und gebändigt, ist Mittelaltererbe. Mag es längst überwunden, verspielt und in Einzelbesitz übergegangen sein, die Erinnerung daran bleibt möglich und ergötzlich.


Weitere Artikel aus der Rubrik «PERSPEKTIVEN» (Auswahl)
  Herrschaftsfeier mit Kunstornament - Aus der mittelalterlichen Geschichte der Festlichkeiten.
Die Bauernhochzeit
Pieter Bruegel d.A. (1568)



Diesen Artikel:
Drucken | Merken | Feedback | Weiter empfehlen

Social Networks:
Twitter Facebook MySpace deli.cio.us Digg Google Bookmarks Windows Live Yahoo! Bookmarks