• Montag, 22.01.2018
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PERSÖNLICHKEIT DES MONATS

„Gnädigste sind aber nicht von hier!“

Untertitel
Interview von Helmut Bachmaier
„Gnädigste sind aber nicht von hier!“
 
Liebe Frau Dr. Louis, wir unterhalten uns hier in der exklusiven Parkresidenz Meilen, im Restaurant...
Lorle Louis: Ja, im „Flosculum“. Das nenne ich so, weil hier eher selten tiefer gehende Gespräche stattfinden, meist sind es nette Floskeln, die ich höre.

Aber auch im Wiener Kaffeehaus bewegt man selten die Welt, vielmehr pflegt man dort die Legenden und erlebt nur das, was dem eigenen Narzissmus zuträglich ist. Was waren für Sie die prägenden Erlebnisse?

Lorle Louis: Es war im Jahr 1938, ich war 17 Jahre alt, Österreich wurde annektiert. Meine Grossmutter war Jüdin, und einer von der Gestapo sagte mir, dass ich daher „in die Gaskammer gehöre“. So etwas vergisst man nie. Es gab in meiner Umgebung Menschen, die einfach verschwanden oder sich umbrachten – Freunde waren plötzlich nicht mehr da. Wir sind fünf Monate nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Wien, Stichwort „Heldenplatz“, in die Emigration gegangen. Mein Vater war Bankier gewesen und als Freimaurer in jeder Hinsicht gefährdet. Wir mussten alles zurücklassen. Gottlob hatte ich gerade das Gymnasium beendet.

War nicht Zürich Ihre erste Station?

Lorle Louis: Ja, da hatten wir zuerst für vier oder fünf Wochen Halt gemacht. Ich hatte gute Erinnerungen an die Schweiz, weil ich als 4jährige mit dem Kindermädchen in der Schweiz angenehme Ferien verbracht hatte und zufällig die Familie Louis mit ihrem 14jährigen Sohn kennen lernte. Wir beide sollten uns in Zukunft nie ganz aus den Augen verlieren. Dann folgte Paris für ca. ein Jahr mit Studium und vielen eindrücklichen Theaterbesuchen. Von dort ging es nach England, für fünf Kriegsjahre nach London, schliesslich durch Heirat für acht Jahre nach Holland, und jetzt bin ich schon über 20 Jahre in der Parkresidenz Meilen, nachdem ich verwitwet, in zweiter Ehe meinen Schweizer Jugendfreund geheiratet hatte und somit „Schweizerin“ wurde.

Was haben Sie in den fünf Jahren in London gemacht?

Lorle Louis: Ich wurde dort offiziell zuerst, des nahenden Krieges wegen, für eine „feindliche Ausländerin“ gehalten. Dann habe ich aber bei Arbeiten von „nationaler Wichtigkeit“ mitgewirkt, bei der BCC. Die BBC hatte eine österreichische Abteilung, in der ich Koordinationsaufgaben hatte, Skripte korrigieren und übersetzen oder sehen musste, dass alles klappte. Wir hatten fünf bis sechs Sendungen am Tag. In dieser Zeit hatte ich auch meinen ersten Mann, Holländer und ebenfalls Emigrant, kennengelernt und später geheiratet.

Und wie sah Ihr Leben in Holland aus?

Lorle Louis: Berufstätig war ich dort kurz in einem Import- und Export-Geschäft als Dolmetscherin für Deutsch, Französisch und Englisch. Dann kam unsere Tochter zur Welt. Nach sieben Jahren verstarb mein Mann. Ich habe das Haus verkauft und bin zu meinen Eltern nach London gezogen; die Tochter kam in ein Internat, denn ich musste Geld verdienen. Später verlor auch mein Schweizer Jugendfreund, inzwischen Arzt in Zürich, seine Frau, und wir beschlossen zu heiraten. Er stammte aus einem französischen Adelsgeschlecht, aus einer Hugenottenfamilie (Chedell de Bayard), die ebenfalls erfahren war in Flucht und Vertreibung. Wir hatten also viele Gemeinsamkeiten. Wir lebten dann in Küsnacht, und nach seinem Tod kam die Entscheidung für die Parkresidenz Meilen.

Wie ist Ihre weitere berufliche Karriere verlaufen?

Lorle Louis: Seit meinem Studium hatte ich vor allem grosses Interesse an Psychologie, hier insbesondere an der Individualpsychologie Alfred Adlers. In meiner Praxis – 30 Jahre Psychotherapie – und als Dozentin für Individualpsychologie am Alfred-Adler-Institut war es für mich wichtig, Menschen zu ermutigen, sie in der Kunst, sich selbst anzunehmen, zu fördern. Also die Ermunterung, das eigene Leben wirklich zu leben. Ich wurde Mitbegründerin des Alfred-Adler-Instituts und bin dort bis heute Ehrenmitglied.

Sonst ist die Oper meine Leidenschaft, die heutzutage aber oft gebremst wird durch allzu verfremdende Regiearbeiten, und ich freue mich sehr, meine Fremdsprachen dank der ausländischen Angestellten in der Parkresidenz brauchen zu können. Und doch vermisse ich meine Muttersprache sehr – von meiner Familie höre ich gar nichts: Das tut weh.

Lassen sich Ihre Lebenserfahrungen in einigen Grundsätzen zusammenfassen?

Lorle Louis: Ja, aber diese gelten nur für mich. Etwa: Ich bin und empfinde mich als ewige Fremde, quasi eine „Blume ohne Stiel“. Aber damit muss ich leben. Oder: Ich bin seit meinem 17. Lebensjahr in Fremdsprachen zu Hause. Was ist das für eine Identität, wenn man nicht gebraucht wird? Ich bastle an meiner Identität, indem ich mich hinterfrage und mich pflege. Mein Lebensmotto: Ich versuche, Ich zu sein und einen Sinn in meinem Leben zu sehen. Natürlich fühle ich mich als Aussenseiterin. Leider sind einige ausländische Gäste der Parkresidenz, mit denen ich gemeinsame Interessen hatte, gestorben, andere Freunde gibt es jetzt sehr wenige, das ist der Preis des Alters.

Religion kommt in diesen Grundsätzen nicht vor?

Lorle Louis: Wenn ich an etwas glaube, dann an einen Schöpfer und an die Wiedergeburt. Als ich einmal in einem griechischen Kloster auf Zypern war, wusste ich mit aller Sicherheit, dass ich an diesem Ort schon einmal gelebt hatte – nur nicht wie oder wann oder als was. Es geht darum, mit einem Gefühl des Fremdseins, seelisch und sprachlich, zu leben und die Chancen darin zu entdecken. Es ist ein Unbehaust-Sein, wie Rilke es nannte, und die Kunst, damit umgehen zu können.

Was bedeutet für Sie dieser Wechsel in eine Residenz?

Lorle Louis: Obgleich ich hier seit 20 Jahren gut leben kann, gut versorgt werde, war es für mich immer klar, dass ein Leben im Kollektiv nicht ganz einfach ist, besonders wenn man ein Einzelkind war. Mit anderen Worten – ich bin hier sozusagen „daheim“ – aber nicht „zuhause“!

Sie können mit 94 Jahren auf ein ereignisreiches, erfülltes, vielleicht auch versöhnlich stimmendes Leben zurückschauen. Fehlt noch etwas, haben sie etwas versäumt?

Lorle Louis: Ja, ich habe die Demenz versäumt (lacht) – aber was mir sehr fehlt, das ist die innere Zugehörigkeit – ein Heimatgefühl: Jemand, zu dem ich sagen kann: „Weisst du noch?“



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