• Dienstag, 17.10.2017
Print

BILDUNG

Geragogik – ein irreführendes Konzept?

Untertitel
Von François Höpflinger
Geragogik – ein irreführendes Konzept?
© sveta - fotolia.com
Das Wort „Geragogik“ ist in Anlehnung an Pädagogik (Anleitung/Bildung von Kindern) konzipiert – und genau diese Analogiebildung ist meiner Ansicht nach fragwürdig: Bei der körperlichen und hirnorganischen Entwicklung von Kindern ergeben sich eindeutige altersbezogene Veränderungen, wenn auch mit deutlichen Zeitvariationen. Ein vierjähriges Kind kann und muss andere Lernaufgaben verstehen und bewältigen als ein zweijähriges Kind, und Bildungsprogramme für Kinder sind altersgerecht zu gestalten.

Auch im Alterungsprozess ergeben sich körperliche und hirnorganische Veränderungen, aber diese Veränderungen sind weitaus vielfältiger, weniger linear und stärker von nicht-biologischen Faktoren abhängig als bei Kindern. Bildungs- und Lernprozesse im Alter sind nur sehr bedingt mit dem chronologischen Alter assoziiert. Weitaus bedeutsamer sind – wie bei jüngeren Erwachsenen – die bisherige Lernbiographie, die aktuelle Lebenslage und die Lernmotivation. Der Begriff „Geragogik“ weist auf altersbezogene Besonderheiten hin, die kaum existieren. Und die für die ersten geragogischen Studien zentrale Tatsache, dass auch ältere und alte Menschen lernfähig sind, ist inzwischen selbstverständlich.

Es ist Erwachsenenbildung

Lernen und Bildung im Alter ist und bleibt grundsätzlich Erwachsenenbildung, und es gelten damit auch für ältere und alte Menschen die zentralen Prinzipien der Erwachsenenbildung (Umgang mit ausgewachsenen Persönlichkeiten, Bedeutung der bisherigen Lernbiografie, Wichtigkeit der jeweiligen Lebenslage, Lebensinteressen und Lernbedürfnisse usw.).

Diskriminierend?

Geragogische Konzepte wirken heute immer stärker altersdiskriminierend: Alte Menschen brauchen spezifische Lehr- und Lernkonzepte, weil es sich nicht bzw. nicht mehr um ‚normale Erwachsene‘ handelt. Faktisch braucht es spezifische Lehr- und Lernkonzepte im Alter nur für sehr spezifische Gruppen alter Menschen (demenzerkrankte Personen, Personen mit leichten Wortfindungsproblemen oder alte Menschen mit sensorischen Einschränkungen). Für gesunde, aktive und kognitiv kompetente ältere und alte Menschen wirken geragogische Lehrkonzepte diskriminierend, weil man sie nicht als normale Erwachsene behandelt.

Kurz und gut: Lernen und Bildung im Alter ist – mit Ausnahme weniger spezifischer Gruppen alter Menschen – Erwachsenenbildung und dazu benötigt man keine Geragogik. Konzepte von Geragogik schliessen aus und nicht ein, und sie verstärken veraltete Vorstellungen biologisch deterministischer Alternsverläufe.1


 
  1. 1 Deshalb kommt in der neuen Fassung der Publikation ‚Angewandte Gerontologie. Interventionen für ein gutes Altern in 100 Schlüsselbegriffen“ (Hrsg. Hans-Werner Wahl u.a.), Stuttgart 2012, der Begriff ‚Geragogik‘ nicht mehr vor.


Video zum Thema



Weitere Artikel von François Höpflinger (Auswahl)
  Geragogik – ein irreführendes Konzept?



Diesen Artikel:
Drucken | Merken | Feedback | Weiter empfehlen

Social Networks:
Twitter Facebook MySpace deli.cio.us Digg Google Bookmarks Windows Live Yahoo! Bookmarks