• Donnerstag, 24.08.2017
Print

ALTERSTHEMEN

Führerschein für ältere Personen?

Ein Vorschlag gegen Diskriminierung
Von Helmut Bachmaier
Führerschein für ältere Personen?
© lachschon.de
Moderne Gesellschaften sind mobile Gesellschaften. Die Trennung der Räume (Arbeit, Wohnen, Freizeit, Erholung in der Natur etc.) und die Organisation der Zeit erfordern in hohem Masse Beweglichkeit von allen Generationen. Dazu kommt die Vorstellung, dass Mobilität ein Zeichen von Freiheit und Autonomie darstelle. Dies wurde bereits am Beginn des vorigen Jahrhunderts von dem Schriftsteller und Kabarettisten Otto Julius Bierbaum in seinem Bericht „Eine empfindsame Reise im Automobil“ (1903) propagiert. Unterwegssein, Reisen, auf der Achse sein wird mit positiver Aktivität assoziiert.

Unterwegs im Alter

Man geht davon aus, dass jede ältere Person im Jahr rund 500 Stunden unterwegs ist und dabei etwa 10'000 Kilometer zurücklegt. Mehr als die Hälfte der Strecken wird mit dem privaten Auto gefahren. Entsprechend häufig hat dieser Personenkreis (zwischen 80 und 90%) einen Führerschein.

Heftig umstritten sind Regelungen, die vorsehen, dass private Fahrzeuglenker ab einem bestimmten Alter ihre Führerscheinprüfung in Abständen wiederholen sollen. Problematisch ist auf den ersten Blick eine fixe Altersgrenze, denn das kalendarische Alter gibt nur unzureichend Auskunft über Kompetenzen oder praktische Fertigkeiten. Bei Vorschlägen, die Verkehrssicherheit durch Tests oder Prüfungen bei älteren Personen zu erhöhen, kommt fast zwangsläufig die Unterstellung, es handle sich dabei um eine Diskriminierung. Zunächst einige Fakten.

Tote im Strassenverkehr in Deutschland

2012 starben in Deutschland im Strassenverkehr 3.606 Menschen. Im Juli 2012 waren es 369, im Juli 2013 ähnlich 367 Personen. In den Wintermonaten Januar 2013 (209) und Februar 2013 (181 Verkehrstote) sind es erheblich weniger gewesen (Bundesamt für Statistik, Wiesbaden). Für das Jahr 2011 liegen Daten für die Schwerverletzten vor: 68.985 und für die Leichtverletzten: 323.380. In diesem Jahr gab es über 2 Mio. polizeilich erfasst Unfälle. Die volkswirtschaftlichen Kosten lagen 2008 bereits weit über 30 Mrd. Euro.
Strassenverkehrsunfälle 2015
  Anzahl Unfälle Veränderung
zum Vorjahr
Polizeilich erfasste Unfälle 2'516'831 +4.6%
mit ausschl. Sachschaden 2'211'172 +5.1%
mit Personenschaden 305'659 +1.1%
Verunglückte 396'891 +1.0%
Verkehrstote 3'459 +2.4%
Schwerverletzte 67'706 -0.03%
Leichtverletzte 325'726 +1.0%
Quelle: Statistisches Bundesamt, Wiesbaden
Bei Strassenverkehrsunfällen Verunglückte ab 65 Jahre
Unfallzahlen 2015
Verunfallt Gesamt Leicht-
verletzte
Schwer-
verletzte
Getötete
zu Fuss 6'949 4'211 2'475 281
mit dem Rad 13'685 9'674 3'813 198
mit Krafträdern 3'003 1'946 988 69
mit dem PKW 22'675 17'553 4'692 430
Quelle: Statistisches Bundesamt, Wiesbaden
Beteiligte und Verunglückte - Getötete bei Verkehrsunfällen
Alter 2012 2013 2014 2015
unter 15 73 58 71 84
15 bis 17 113 89 91 72
18 bis 24 611 493 496 473
25 bis 64 1'809 1'698 1'732 1'804
65 und mehr 994 999 987 1'024
Quelle: Statistisches Bundesamt, Wiesbaden


Der Strassenverkehr im Jahr 2014 hat durchschnittlich neun Menschen pro Tag das Leben gekostet. Dabei ist die Altersgruppe der Menschen ab 65 Jahre am stärksten betroffen: 29,2 Prozent aller Verkehrstoten im Jahr 2014 waren älter als 64 Jahre. Zwar sterben ältere Menschen verhältnismässig oft bei Unfällen, sie verursachen aber nur relativ wenige: Eine Auswertung der Hauptverursacher aller Unfälle mit Personenschaden ergab, dass die Autofahrer ab 65 Jahre nur 10,4 Prozent davon verschulden. Die meisten Unfälle mit Personenschaden passieren jungen Pkw-Fahrern im Alter zwischen 18 und 24 Jahren. Die Erhebung des Statistischen Bundesamtes über Verkehrsunfälle 2014 in Deutschland besagt aber ausserdem: Die Fahrqualität lässt besonders im hohen Alter stark nach: Drei Viertel (74,9 Prozent) der Pkw-Fahrer über 75 Jahre trugen die Hauptschuld an dem Unfall, in den sie verwickelt waren.

In der Schweiz

„Autofahrer über 80 Jahre verfügen über das höchste Unfallrisiko. Sie verursachen bis zu dreimal mehr Verkehrsunfälle mit Sachschaden als jüngere Autofahrer. Dies zeigt eine Studie der Universität Zürich. Am zweitgefährlichsten sind gemäss Studie die 75- bis 80jährigen auf den Strassen unterwegs. Erst an dritter Stelle kommen die Junglenker im Alter zwischen 18 und 24 Jahren, die nach wie vor den Ruf der besonders risikoreichen Verkehrsteilnehmer innehaben.“ (SRF, 12.4.2013.)

Auf Schweizer Strassen ereigneten sich vorletzten Jahres 17'803 Unfälle mit Personenschaden. Dabei wurden 243 Personen getötet, 4043 schwer und 17'478 leicht verletzt. Die Zahl der Verkehrstoten sank um zehn Prozent gegenüber 2013 und um 24 Prozent im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 2009 bis 2013. „Das eigentliche Problem ist aber, dass die Zahl der Unfälle und Verkehrsopfer von über 70-Jährigen ständig steigt. Seit 2011 provozierten sie 13 Prozent mehr schwere Unfälle. Bereits 2010 hat der Verkehrsclub der Schweiz (VCS) festgestellt, dass das Unfallrisiko bei Ü-80-Lenkern vierzehnmal höher lag als bei den 45- bis 65-Jährigen. Die neuen Zahlen deuten darauf hin, dass sich die Situation noch verschlimmert hat“. (Sonntagszeitung 3.5.2015.)

Und aktuell: Im 1. Halbjahr 2016 kamen in der Schweiz 85 Menschen im Strassenverkehr ums Leben (27% weniger als im Vorjahr), 1671 wurden schwer verletzt (Provisorische Mitteilung vom Bundesamt für Strassen, ASTRA).

Diese Zahlen zeigen, dass wir hier mit privatistischen Argumenten nicht weiter kommen. Bei Rasern müsste es selbstverständlich sein, dass sie ein Datenaufzeichnungsgerät (Blackbox) installieren müssen, wenn sie ihren Fahrausweis zurück erhalten wollen. Notorische Alkoholsünder am Steuer müssen mit Wegfahrsperren rechnen. Bei wiederholtem Verursachen eines Unfalls sollte der dauerhafte Führerscheinentzug leichter möglich sein.

Eigeninteresse

Wirkliche oder selbst ernannte Interessenvertreter der ältern Autofahrer lehnen Vorschriften ab, die nach ihrer Meinung die Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger stark beschneiden, so etwa, dass Lenker ab 50 Jahren Sehtests absolvieren müssen, um den Fahrausweis verlängern zu können. Es wird bemängelt, dass keine statistischen Zahlen vorlägen, die ausweisen, welche Unfälle auf Sehschwäche zurückzuführen seien.

Die Statistik wird manchmal missbraucht. Bei den absoluten Unfallzahlen kommen die Älteren ganz gut weg. Wenn aber in die Untersuchung die Unfälle in der Rush Hour oder bei winterlichen Strassenverhältnissen mit berücksichtigt werden, dann fällt das Resultat anders aus. Ältere fahren eben nicht in den unfallgefährdeten Zeiten und bei schwierigen Wetterverhältnissen, weil sie nicht müssen – aber jüngere Erwerbstätige müssen zur Arbeit, ob es regnet, schneit oder die Sonne scheint. Auch wird gesagt, die Abklärung liege im Eigeninteresse und in der Eigenverantwortung der betroffenen Personen. Es wird ausserdem keine regelmässige obligatorische Weiterbildung für alle Fahrzeug-Lenkerinnen und -Lenker gefordert.

Selbstüberschätzung

Sicher ist, dass mit zunehmendem Alter die Reaktionsgeschwindigkeit allmählich abnimmt, dass die Konzentrationsfähigkeit nachlässt oder das Sichtfeld sich verengt. In vielen Fällen können diese Mängel durch lange Fahrpraxis kompensiert werden, aber eben nicht in allen. Ein Auto im Strassenverkehr ist keine Privatsache, sondern betrifft alle Verkehrsteilnehmer. Jüngere und ältere Unfallverursacher haben eines gemeinsam: Sie überschätzen sich. Die Jüngeren, weil sie glauben, dass sie es schon können, und die Älteren, weil sie glauben, es immer noch zu können.

Vorschlag: Prüfung alle 20 Jahre

Ein Vorschlag der EU-Kommission könnte eine Lösung sein, nämlich im Abstand von 15 Jahren die Fahrtüchtigkeit und Kenntnisse von Verkehrsregeln zu überprüfen. Leicht abgewandelt, könnte die Regelung heissen, dass man mit ca. 18-20 Jahren die erste, mit 40 die nächste, mit 60 eine weitere und mit 80 die letzte Fahrprüfung ablegt. Dann wäre auch der Vorwurf der Altersdiskriminierung passé. Denn diskriminierend ist nicht, dass man Älteren eine Prüfung zumutet, sondern dass man glaubt, sie könnten eine solche Prüfung nicht bestehen. Schliesslich geht es darum, die Unfälle zu senken – im Interesse aller Generationen. Hat man die Gewissheit, dass man auf der Strasse noch vollständig die Herrschaft über sein Fahrzeug in schwierigen Situationen hat, dann gibt dies ein gutes Fahr- und Sicherheitsgefühl. Und das ist doch der Wunsch auch älterer Fahrzeuglenkerinnen und –lenker.


Literatur
  • Verkehrsunfälle. Unfälle von Senioren im Strassenverkehr 2015. Hrsg. v. Statistischen Bundesamt, Wiesbaden, August 2016.


Video zum Thema





Leserbrief
23.10.2016, von René Menotti
lch bin 83 und fahre regelmässig meine 10'000 Kilometer pro Jahr, habe also relativ viel Routine. Trotzdem würde ich unterstützen, dass man ab einem gewissen Alter alle 2 Jahre nicht nur den Gesundheitstest machen müsste, sondern noch mit einem spezialisierten Fahrlehrer eine Stunde fahren müsste. Das würde Wunder bewirken.



Weitere Artikel aus der Rubrik «ALTERSTHEMEN» (Auswahl)
  Führerschein für ältere Personen?



Diesen Artikel:
Drucken | Merken | Feedback | Weiter empfehlen

Social Networks:
Twitter Facebook MySpace deli.cio.us Digg Google Bookmarks Windows Live Yahoo! Bookmarks