• Dienstag, 26.09.2017
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FINANZPLATZ

Fehlt uns die Zeit zum Nachdenken?

Von Willy Burgermeister  
  Es braut sich einiges zusammen...
Aus: The Epoch Times. Foto: Teh Eng Koon/AFP/Getty Images
Niemand kennt sich mehr aus. E-Mails, SMS, Schwimmen in sozialen Netzwerken, lautes Gezwitscher und Geschnatter im Internet oder über Handys – wir leben unser Leben in einem Geschwindigkeitsrausch, mit dem unser Gehirn kaum mehr zurechtkommt.


Immer mehr werden wir im Zeitstrudel fortgerissen. Der rote Faden entwischt uns. Wie sonst erklären wir uns die himmelhoch jauchzenden Aktienmärkte der letzten Monate im Kielwasser eines lahmenden, weltwirtschaftlichen Wachstums?

Orientierungslos

Statt Vertrauen zu schaffen, richten sich die EU-Politiker im Irrglauben ein, die Krise endgültig überwunden zu haben. Um die aufkeimende Rezession scheinen sie sich wenig zu kümmern. Die Rekordarbeitslosigkeit nehmen sie hin. Sie sehen sich zwar nicht in der Lage, der Realwirtschaft kräftigen Schwung einzuhauchen, glauben aber, die Finanzmärkte überzeugt zu haben, dass sie es schon irgendwie packen werden. Ein fataler Trugschluss! Wir hören und sagen es zwar nicht gerne, doch lässt es sich kaum bestreiten: Egal ob Ökonomen, Soziologen, Psychologen oder gar Geistliche, wir verstehen unsere Welt immer weniger. Wie Hamster im Rad laufen wir immer schneller – wir treten kraftvoll auf der Stelle. Das Gefühl, überfordert zu sein, und die Angst, den Überblick und die Orientierung zu verlieren, begleiten unsere euphorische Bewunderung von Beschleunigung und Fortschritt.

Technologie und Zeitwettbewerb, Globalisierung und verkürzte Produktlebe-Zyklen werfen immer wieder die gleiche Frage auf: Wie können Organisationen mit dieser Beschleunigung mithalten? Mit den Strukturen von gestern? Den Methoden von heute? Können wir so die Aufgaben von morgen meistern? Die immer noch auf Hochtouren laufenden Notenpressen der führenden Zentralbanken werden da wohl wenig ausrichten können. Sie kaufen weiter Zeit, während die Regierungen weiter auf Zeit spielen. In der Konsequenz werden die Risiken entweder ignoriert oder verschleiert. Uns läuft es kalt den Rücken hinunter: Nach den Erkenntnissen des Ökonomen Klaus W. Wellershoff gibt es praktisch keinen privaten Markt mehr für US-Staatsanleihen. 90 % aller Neuemissionen werden von der amerikanischen Notenbank übernommen.

Fatale Geldpolitik

Wo finden wir die mutigen Währungshüter, die unser Geldsystem retten? Die Finanzmärkte verfallen mehr und mehr dem süssen Gift des billigen Geldes. Dies schürt unbändige Risikofreudigkeit. Wir rennen und werfen mit Geld nur so um uns – doch wenig, wenn überhaupt, tut sich in der Realwirtschaft. Sorgen wir uns eigentlich, dass sich führende Industrienationen und Schwellenländer gegenseitig Manipulationen ihrer Wechselkurse vorwerfen? Sie alle versuchen fieberhaft, sich über den Export aus dem Sumpf zu ziehen. Das könnte Exportnationen wie der Schweiz und Deutschland teuer zu stehen kommen. Überall setzt sich das Motto „Rette sich, wer kann“ durch. Irgendwann muss es uns doch dämmern, dass die Rechnung dieser extremen Geldpolitik nicht aufgehen kann.

Sind wir uns eigentlich noch bewusst, dass die meisten Vermögenswerte am Tropf niedriger Zinsen hängen? Doch mit den Zinsen bereits tief im Keller, könnten den Finanzmärkten in den kommenden Wochen und Monaten die nötigen Impulse fehlen. Statt auf risikolose Renditen bei Staatsanleihen starren wir auf renditelose Risiken. Mit immer neuen Schulden werden alte beglichen – ein waghalsiger Ponzi-Trick, eine gebräuchliche Bezeichnung für Schneeballsysteme. Unter der Geldschwemme gären die Probleme weiter.

Die masslosen Interventionen der Notenbanken verzerren das „heile“ Bild der weltweiten Marktentwicklung. Die Geldwertstabilität spielt offenbar nur noch eine untergeordnete Rolle, und der Präsident der Deutschen Bundesbank sieht die „Unabhängigkeit der Notenbank in Gefahr“. Erschreckend – den Schwüren von Politikern wird mehr Gewicht beigemessen als fundamentalen, makroökonomischen Analysen.

Japan als Exempel

Nun fragen wir uns: Wo lodern die nächsten Brände? Immer noch in Europa? In der Überschuldung der USA? Oder vielleicht in einer berstenden Blase in China? Die beiden Ökonomen Claus Vistesen und Edward Hugh lenken in ihrem bemerkenswerten Artikel „Game Over“ der letzten Ausgabe des Wissensmagazins „GDI Impuls“ unsere Aufmerksamkeit auf Japan: Die brisante Mischung aus alternder Gesellschaft und überbordender Staatsschulden zwingt das Land als erstes Opfer in jenen Schock, den die Demographie auch für die anderen OECD-Staaten bereit hält – und für ihre Ersparnisse. Darüber wird wenig, wenn überhaupt, diskutiert. Wie kann es ein Land verkraften, nicht mehr zu wachsen, sondern (in Würde) zu altern und zu schrumpfen?

Wenn hier der Kern des Problems der japanischen Volkswirtschaft steckt (und nicht nur der japanischen), so folgern die Autoren, dann ringen wir hier mit einer grossen strukturellen Herausforderung, die nicht durch irgendeine Art von „Kick-Start“ oder ökonomischem Anreiz, egal wie gross, aufgefangen werden kann.

Die demographische Entwicklung lässt sich nicht mehr länger verschweigen: Bürger und Staaten müssen mehr und nicht weniger sparen, wenn sie nicht den kommenden Generationen eine noch schwerere Bürde als ohnehin schon hinterlassen wollen.



 
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