• Montag, 20.11.2017
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PERSPEKTIVEN

Falsch programmiert

Leben als Programm?  
Von Ernst Peter Fischer  
Falsch programmiert. Leben als Progamm?
© fragilex.org
In den Gesprächen, in denen der Philosoph Raymond Klibansky seine „Erinnerung an ein Jahrhundert“ schildert, kritisiert er die Soziologen, die nach Max Weber kamen. Sie versuchten, „die Geschichte im Lichte bestimmter Begriffe zu bemeistern“. Wenn einer von ihnen „einen bestimmten Begriff benennen konnte, der die Phänomene zu erfassen schien, glaubte [die Zunft] schon, sie zu begreifen.“


Was Klibansky für die Soziologen des 20. Jahrhunderts feststellt, lässt sich leicht auf die Biologen des 21. Jahrhunderts übertragen. Wenn sie einen Begriff zur Verfügung haben, der nicht ganz an den Phänomenen vorbei geht, glauben sie schon, etwas von der Sache des Lebens verstanden zu haben. Als Beispiel soll der Begriff des genetischen Programms dienen, ohne den scheinbar nicht verstanden werden kann, wie sich das Leben entwickelt.

Das Programm hatte vor einigen Jahren Hochkonjunktur, als Mediziner ankündigten, einen Menschen klonieren zu wollen. Da war dann nicht nur von einem Entwicklungsprogramm im Embryo die Rede, das bis zur Geburt abläuft. Da wurde sogar vom „vollen Programm der Menschwerdung“ gesprochen, dem wir unser Leben verdanken. Das Programm ist jetzt wieder in aller Munde, da die Möglichkeit besteht, auf unbedenkliche Weise Stammzellen zu gewinnen, die sich zu therapeutischen Zwecken nutzen lassen.

Neu-, um- und reprogrammieren

Erinnern wir uns zuerst an das Klonen: Wenn immer sich damals jemand sachlich gegen das (moralisch verwerfliche) Vorhaben äusserte, griff er zu dem Begriff des Programms. Ian Wilmut, der Vater des Klonschafes Dolly, warnte deshalb davor, seine Methode auf den Menschen auszudehnen, weil in einem klonierten Embryo „die Neuprogrammierung des übertragenen Zellkerns“ anders vor sich geht als bei der normalen Befruchtung, wie er 2001 in dem Fachblatt „Science“ schrieb. Zwar habe man die „Zellprogrammierung“ in einem Embryo noch nicht verstanden, aber bei der „Reprogrammierung seiner Gene“ könnten sich Fehler einschleichen.


 
Ian Wilmut mit Klon-Schaf Dolly.
Ian Wilmut mit Klon-Schaf Dolly. © The Roslin Institute (University of Edinburgh).
 

In diesen Tagen geht es weniger um den ganzen Menschen und mehr um ein paar Stammzellen, und zwar um künstlich hergestellte. Man kann zum Beispiel aus Hautzellen die potenten Stammzellen gewinnen, aber wer dies unternehmen will, muss seinem Ausgangsmaterial die Spezialisierung nehmen, die es im Laufe der Entwicklung erreicht hat. Und diesen Schritt beschreiben die Forscher unisono als „Reprogrammierung“, also mit einem Wort, das Wilmut in die Debatte geworfen hat. Ob das Leben solch eine Reset-Taste hat und der Neustart des genetischen Programms funktioniert, wissen die Biologen aber nicht. Niemand hat erforscht, ob es in Zellen Programme der Art gibt, wie wir sie von den Computern gewohnt sind, deren Aufkommen in den 1960er Jahren wir die Vokabel vom genetischen Programm überhaupt verdanken.

Das kleine genetische Programm

Tatsächlich gibt es so etwas wie ein genetisches Programm, das von Beginn des Lebens an funktioniert und im Laufe der Entwicklung dauernd erneuert wird, eindeutig nicht. Statt sich zu bemühen, zwischen verschiedenen Ordnungsmechanismen Unterschiede zu erkennen, decken die Genetiker alles Geschehen mit dem einen Begriff der Programmierung zu und verstehen den Menschen in einem Maschinenbild.

Von einem programmatischen Geschehen kann man nur reden, wenn es neben dem anvisierten Geschehen noch ein zweites Ding gibt, das dazu genau passt (das dazu isomorph ist) und es zeitlich regelt – eben das Programm. Wer nun mit dieser Vorgabe das Leben einer Zelle (bzw. unsere Kenntnis davon) betrachtet, wird tatsächlich einen Ablauf erkennen, der programmatisch vor sich geht. Gemeint ist der erste Schritt bei der Herstellung der Genprodukte, die als Proteine bekannt sind und die letztlich die ganze biochemische Arbeit in einer Zelle verrichten. Die Synthese der Proteine beginnt mit der Umwandlung einer Gensequenz in die Folge der Bausteine, aus der das Protein besteht. In der Fachsprache spricht man dabei von ihrer Primärstruktur, und man sagt, dass die Reihenfolge der Genbausteine in die Reihenfolge der Proteinbausteine übertragen wird. Dieser Schritt ist zwar offenkundig programmatisch, aber danach ist Schluss für diese Vokabel. Mit der Primärstruktur der Proteine endet das Programm in der Zelle, die sich nun auf andere Formen der Naturgesetzlichkeit einlässt, die auf ihre phantasievollen Entdecker wartet.

Mit ihrer Primärstruktur allein können die Proteine noch nicht aktiv werden. Dazu müssen sie sich noch raffiniert entfalten und Strukturen annehmen, die weit über die programmierte Kettenform hinausgehen. Die Faltung erfolgt nicht nach den Vorgaben von Genen, sondern in Abhängigkeit von dem Milieu, in dem sich das Genprodukt befindet. Dieser Vorgang verläuft höchst regelmässig und naturgesetzlich, aber hinter ihm steckt auf keinen Fall ein Programm.

Mit anderen Worten: Ein genetisches Programm spielt die kleinste Rolle, wenn das Leben seine Form sucht, wenn ein Embryo sich entwickelt oder eine Stammzelle sich auf den Weg ihrer Spezialisierung macht. Wie die dabei zutage tretende Zuverlässigkeit des biologischen Geschehens von der Natur garantiert wird, bleibt bislang verborgen – und dies wird umso länger der Fall sein, je mehr von den Programmen geredet wird, die hier ablaufen sollen.

Kreatives Leben

Es ist grundsätzlich keine gute Idee, bei der Entstehung des Lebens Plan und Ausführung so zu trennen wie Hardware und Software in einer Maschine. Die Gene und ihre Auswirkungen gehören tatsächlich so eng zusammen, dass man geneigt sein könnte, an Stelle des Maschinenbildes eines zu benutzen, das schöner ist und unserem Leben gerechter wird. Es läuft kein Programm ab, wenn Menschen entstehen. Es läuft vielmehr so etwas wie ein Schöpfungsvorgang ab, wobei nicht die Kreativität eines Gottes, sondern die eines Künstlers gemeint ist. Vielleicht entstehen wir (und andere Lebensformen) so wie die Werke eines Malers. Beim Malen fängt der Prozess mit einer Vorstellung im Kopf des Künstlers an, und seine Fortführung hängt von den Ergebnissen ab, die im Laufe der Bildentstehung auf der Leinwand sichtbar werden. Und bei der Embryonalentwicklung fängt der Prozess im Kern der Zelle an, und seine Fortführung hängt von den Bildungen ab, die im Laufe der Zeit entstehen und von der Umwelt registriert werden.

Wer die Entstehung eines Bildes beschreibt und dabei den Macher vom Gemachten trennt, geht an der Sache vorbei. Dies gilt auch für die Entwicklung des Lebens. Bei ihrer Beschreibung sollte man nicht versuchen, das Bildende von dem Gebildeten zu trennen, weil die Gene und ihre Produkte durchgehend in Wechselwirkung stehen. Es ist dieses Zusammenspiel, das empfindlich gestört wird, wenn es ans Klonieren geht und wenn wir spezialisierte Zellen dazu bringen wollen, noch einmal von vorne zu beginnen. Sowohl der Menschenklon als auch die künstlich erzeugte Stammzelle müssen ohne all die Kreativität auskommen, die das Leben im Verlauf der Evolution erworben hat, um sich selbst hervorzubringen. Wir dürfen mit den neuen Möglichkeiten nicht hinter die Geschichte des Lebens zurückfallen. Sie ist zwar alt, aber gut verlaufen.



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