• Montag, 29.08.2016
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PERSPEKTIVEN

Es singen die Maschinen

Autonome Autos sind keine Science-Fiction mehr.
Von Oliver Bendel
Es singen die Maschinen
© Oliver Bendel

Version mit 700 PS

Ich sitze Anfang 2016 im Model S von Tesla, in der Version mit 700 PS. Ein ehemaliger Student hat mir die Probefahrt vermittelt. Von aussen war ich angetan, nicht überwältigt. Das Auto hat zu wenig Charakter. Ein Maserati, ein Lamborghini, ein Porsche Carrera, sie alle drücken etwas aus. Sie sind kraftvoll, protzig, elegant. Der Tesla ist gefällig. Es fühlt sich merkwürdig für mich an, so etwas zu schreiben. Ich habe mir nie etwas aus Autos gemacht. Erst vor ein paar Jahren bin ich auf dieses Thema gekommen, und zwar aus der Richtung der Ethik. Das muss ich noch erklären.

Es singen die Maschinen … Die Maschinen singen in der Tat, und für die einen ist das Lärm, für die anderen Musik. Im Tesla ist es still, auch als er aktiviert ist. Es ist ein Elektroauto. Eines, das aussieht wie ein Sportwagen. Und womöglich ein Rennwagen ist. "Hier und da Komplikationen,/mal beim Bremsen, mal beim Start./Und viele Irritationen/verschwinden dann während der Fahrt."

In Aufbruchstimmung

Der Start verläuft problemlos. Der Tesla setzt sich geräuschlos in Bewegung. Erst ab 30 km/h hört man die Räder in der weiteren Umgebung, erklärt mein Begleiter, ein studierter, technologiebegeisterter Autoverkäufer. Auf der Landstrasse, als niemand hinter uns ist, lasse ich den Wagen ausrollen. Und dann beschleunige ich. Ich fühle mich wie in einer Rakete. In 3 Sekunden auf 100. Wir kurven bei Bern durch die Gegend. Der erste Halt fällt abrupt aus. Die Bremsen sind sehr hart eingestellt. Nach einer Viertelstunde hat man sich an alles gewöhnt. Auch an den riesigen Touchscreen im Cockpit. Darauf erscheint die Strecke nach Leipzig, die der Beifahrer testweise abgerufen hat, mit den drei notwendigen Stopps zum Aufladen.
Tesla Modell S
Tesla Model S © en.wikipedia.org
Die Maschinen singen auch, weil sie in Aufbruchstimmung sind. Sie werden teilautonom oder autonom, und als selbständig fahrende Autos erobern sie die Strassen. Mein Model S hat immerhin einen Autopiloten. Auf der Autobahn schalte ich ihn an. Die Spur wird perfekt gehalten. Ich blinke, berühre das Lenkrad, ohne seine Position zu verändern – der Tesla zieht auf die andere Fahrbahn, sobald eine Lücke frei ist. Er kontrolliert auch den Abstand zum Standstreifen, beobachtet den Verkehr vor und hinter ihm.

Der Refrain: "Jemand fährt,/nicht du./Du denkst, du fährst,/doch du schaust zu./Jemand fährt/immer vor dir./Du denkst, du überholst,/doch du bist hier." Mein Beifahrer hat auf der Landstrasse angemerkt, dass das Auto für ein Reh bremsen würde. Ich habe nachgefragt, ob es Grössen unterscheidet, den Hirsch, das Schwein, den Igel erkennt. Ich lehne es ab, dass eine Maschine dieser Art über Leben und Tod von Menschen entscheidet. Aber ich denke mir Systeme aus, die Tiere identifizieren, ihr Leiden vermeiden und ihr Leben schonen. Davon profitieren nebenbei Wagen und Mensch. So weit ist der Tesla noch nicht, dass er den letzten Frosch seiner Art retten könnte. Ich selbst bin ein Beifahrer, fällt mir ein, und es gefällt mir, die Landschaft vorübergleiten zu sehen, meinen Blick auf Hügeln und Bergen ruhen lassen zu können.

In die Zukunft gefahren

Der Sound ist beeindruckend. Man steuert die Wiedergabe der Musik über den Touchscreen. Jetzt könnte man "Jemand fährt" auflegen. Wer fährt, das ist die grosse Frage. Wer haftet, muss geklärt werden. Aus der Maschinenethik heraus versuchen wir, moralische Maschinen zu bauen oder zumindest solche Maschinen, die moralisch adäquat agieren und reagieren. Roboterautos werden, wenn die Bremsen versagen oder wenn man eine Kollision nicht vermeiden kann, Lebewesen töten. Und sie werden sich zwischen verschiedenen Lebewesen entscheiden. Das Trolley-Problem, das damit verwandte Fetter-Mann-Problem, die Geschichte um Buridans Esel, das Brett des Karneades – es existieren etliche Dilemmata, die man in der Diskussion bemühen kann. Ich habe sie umbenannt, in Roboterauto-Problem, Buridans Robot und Parkbucht des Karneades.

Den Tesla werde ich mir nicht kaufen, nicht in den nächsten ein, zwei Jahren. Wenn man weniger und weniger lange Stopps zum Aufladen einlegen muss, wenn er mehr Charakter hat – dann könnte er etwas für mich sein. Als ich aussteige, habe ich das Gefühl, ich bin in die Zukunft gefahren. Mein PKW bringt mich in die Gegenwart zurück. Dabei verfügt er über diverse Assistenzsysteme. Und über eine Steckdose. Damit könnte man den Tesla vielleicht versorgen, allerdings nur mit einem Adapter und während der Fahrt. Nach eineinhalb Stunden bin ich in Zürich. In Bern war alles so schnell. "Du denkst, du überholst,/doch du bist hier."


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