• Montag, 20.11.2017
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PERSPEKTIVEN

Einmal Zeit haben...

Von Helmut Bachmaier  
  Einmal Zeit haben...
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Zum Jahreswechsel werden sich viele Gedanken machen, wie sie mit der Zeit im vergangenen Jahr ausgekommen sind, wann ihnen die Zeit davongelaufen ist oder wann sie im Einklang mit dem Zeitrhythmus lebten.


Wir können aus allem aussteigen, nur nicht aus der Zeit. Wir können unser Land, unsere Sprache, unseren Beruf verlassen, in der Zeit bleiben wir jedoch verhaftet. Sie ist fundamental und etwas Unhintergehbares. Zeit ist auch uneinholbar, wenn an die Zeit der Vergangenheit oder an die Zeit vor dem Anfang der Zeit gedacht wird. Wir feiern jährlich unseren Geburtstag als den Tag, an dem wir in die Zeit eingetreten sind.

Die Schwierigkeit, Zeit zu fassen, liegt in ihrem ambivalenten Charakter. Die Zeit ist in Augenblicken stets präsent; „jetzt“ ist aber der Augenblick bereits wieder verschwunden, er hat sich verflüchtigt, und ein anderer Augenblick tritt an seine Stelle. Dadurch wird die Zeit uns entzogen. Präsenz und Entzogenheit der Zeit machen es, dass jedes Nach-Denken über die Zeit dieser hinterher geht: Die fliehende Zeit ist reflexiv, gedanklich nicht einholbar. Erst im Nachgang, nachträglich, ist über die Erinnerung ein Weg zu der Zeit offen.

Undefinierbar und unhintergehbar

Nachdenken über die Zeit führt häufig zu dem Paradoxon, das Augustinus in den „Confessiones“ (Buch XI, XIV.17) so formuliert hat: „Was also ist die Zeit? Wenn niemand mich danach fragt, weiss ich es; wenn ich es jemandem auf seine Frage hin erklären will, weiss ich es nicht.“ Ausser ihrer Undefinierbarkeit ist die Zeit auch unhintergehbar, sie ist ein Faktum unserer Existenz, das nicht auf etwas anderes zurückführbar ist. „Des Menschen Engel ist die Zeit“, heisst es in SchillersWallenstein“ („Wallensteins Tod, V,11, v. 3797).

Kant hat in der „Kritik der reinen Vernunft“ (Transzendentale Ästhetik, Von der Zeit, §§ 4-7) die Zeit als reine Anschauungsform bestimmt – gleich wie den Raum. Die Zeit ist danach nicht objektiv ausser uns als etwas vorhanden, sondern sie wird im Subjekt verankert, und zwar als die Art und Weise, die sich aus dem Nacheinander der Anschauung ergibt.

Uneinholbar und unverfügbar

Auf einen Anfang der Zeit bezogen, kann gefragt werden, was vor diesem Anfang war. War er zeitlos, oder hatte er auch seine Zeit? Gab es eine Zeit vor dem Anfang der Zeit? Entsprechendes gilt auch für das Ende der Zeit – kommt danach eine andere Zeit? Anfang und Ende sind nicht einholbar, und Ursprungs- wie teleologische Spekulationen versuchen, hinter dieses Geheimnis zu kommen. Nach Auffassung von Hans Blumenberg („Höhlenausgänge“, Frankfurt a. M. 1996) sind in den Metaphern des Anfangs und des Endes (Höhlenmetaphern: Mutterleib und Grab) Aufschlüsse darüber zu gewinnen.

Die Zeit ist nicht verfügbar. Oft haben wir keine Zeit, sondern die Zeit hat uns. Weil Zeit unverfügbar ist, ist Zeit auch nicht Geld, wie oft dahergeredet wird. Geld ist verfügbar, und Ökonomie und Banken sind Institutionen der Verfügung über die universale Ware Geld. In Rainer Maria Rilkes Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ gibt es eine aberwitzige Figur, nämlich Nikolaj Kusmitsch, die eine Zeitbank einrichten will, um Zeit „einzuzahlen“ oder „abzuheben“, so wie sie es gerade braucht.

Innere Zeit

Un-einholbar, un-verfügbar, un-hintergehbar, un-definierbar: Stets wird Zeit also durch Negationen bestimmt. Neben der physikalischen, messbaren, objektiven Zeit gibt es das individuelle Zeitgefühl. Letzteres tritt am deutlichsten bei der Langeweile und Kurzweile zutage. Hier fallen objektive und subjektive Zeit auseinander: Zeitdehnung und Zeitraffung bewirken die Abweichung vom Massstab der Uhr. Die Langeweile, eine Grunderfahrung der Moderne (Kierkegaard nannte sie in „Entweder – Oder“: die „Kontinuität im Nichts“), entsteht aus der Wiederholung von Lebenssituationen und aus der Einschränkung von Erfahrungs- und Erlebnismöglichkeiten. Thomas Mann hat im „Zauberberg“ (Kapitel: Exkurs über den Zeitsinn) die Langeweile als allmähliches Sterben beschrieben, denn in einem Moment wird alles erlebt, so dass die nachfolgenden Momente nur Wiederholung sind.

Die innere Zeit verweist auf den Biorhythmus, auf die innere Uhr des Menschen. Da jedes Organ, jede Zelle gewissermassen ihr eigenes Uhrwerk besitzt, ist unser Körper eine riesige Ansammlung von Uhren. Die Chronobiologie ist die Wissenschaft, die sich der Erforschung der inneren Uhren und der anderen Zeitphänomene des Körpers widmet.

Geschichtlichkeit der Zeit

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Unsere Zeitauffassungen sind selbst der Zeit unterworfen, sind historisch. Die Zeit ändert sich mit der Zeit: Jede Zeit hat ihre eigenen Zeitvorstellungen. In der Antike gab es zumindest drei verschiedene Typen der Zeit: die chronologische, lineare Zeit, benannt nach dem Zeitgott Chronos; die kairologische Zeit, benannt nach dem griechischen Wort (Kairos) für Augenblick, und die epochale Zeit, die Zeiträume. Die Sonnen- und Monduhren legen Zeugnis ab von zyklischen Zeitvorstellungen; die Sanduhren demonstrieren eindrücklich das langsame Verrinnen der Zeit. Die Kirchturmuhren, Anzeiger der liturgischen Zeit, wurden spätestens im 19. Jahr­hundert durch unsere heutigen Zeitmesser und durch unser heutiges Zeitverständnis, die Normalzeit, abgelöst.

Unsere Zeiteinteilung stammt aus der Epoche der frühen Industrialisierung und der modernen Verkehrstechnik: Die Normalzeit ist die Eisenbahnzeit und ist deshalb erst ca. 160 Jahre alt. Mit dem Fabrikwesen und der Einführung der Eisenbahn bedurfte es einheitlicher Zeiten, um beispielsweise einen Fahrplan erstellen zu können. Wir sagen heute noch: „Es ist höchste Eisenbahn“ und verweisen damit auf die Herkunft unserer Zeitparameter (vgl. Wolfgang Schivelbusch, „Geschichte der Eisenbahnreise“, Frankfurt a. M. u.a. 1979).


   

Eigen-Zeit oder ein neues Zeitgefühl

Es drängt sich die Frage auf: Wir leben heute nicht mehr am Beginn der Industrialisierung, sondern am Beginn des Informationszeitalters, und brauchen wir deshalb nicht eine neue Zeit? Wir brauchen wohl für die Zukunft, für die Informationsgesellschaft eine neue Zeit, und diese neue Zeit ist die Eigen-Zeit.

Was ist das Besondere an der Eigen-Zeit? In der Eigen-Zeit sollen alle ihre Zeiteinteilung selbst vornehmen. Alle arbeiten nach ihrem Zeitmass, lernen nach ihrem Zeitgefühl, erleben in ihrem eigenen Zeitraum. Diese Einteilung ordnet unser Leben neu. Es wird dabei deutlich, was uns wichtig und wertvoll ist und was nicht. Daraus folgen ein klares Wertempfinden und Orientierungssicherheit. Zeit-Einteilungen in der Eigen-Zeit ermöglichen also eine neue Ethik und eine neue Daseinsorientierung.

Individualisierung

Eigen-Zeit bedeutet eine Individualisierung der Zeit und steht im Gegensatz zu den globalen Zeitentwürfen wie etwa der Internet-Zeit, die eine universelle Gleichzeitigkeit voraussetzt. In vier Phasen vollzieht sich die Herauskristallisierung der Eigen-Zeit:
  1. Selbstbeobachtung (Wann mache ich was am besten?)
  2. Neue Zeiteinteilung (Prioritäten setzen, Einteilen nach dem, was einem wertvoll und wichtig ist.)
  3. Wertentscheidung (Zeiteinteilungen sind Wertentscheidungen.)
  4. Handlungsorientierung (Ich weiss, was ich jetzt am besten mache.).
Wichtig ist dabei zu lernen, wie ich selbst meine eigene Zeit einteilen und über sie verfügen kann. Freiheit ist die Basis dieses Zeit-Konzepts und ihrer Umsetzung in Handlungen.

Arbeitswelt und Teambildung

Für die Arbeitswelt bedeutet Eigen-Zeit eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeit mit Vorteilen für Betriebe wie für die Mitarbeitenden. Für den Arbeitsprozess sind deren kreative Phasen wichtiger als das Absitzen der Regelarbeitszeit. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden durch das neue Zeitmanagement in relativ Selbständige verwandelt. Wenn alle in der Arbeitswelt sich dem Eigen-Zeit-Konzept verschreiben, dann bedarf es neuartiger Formen der Konsensbildung und der Kommunikation, sonst würden alle isoliert vor sich hinarbeiten. In der Informationsgesellschaft der Zukunft wird es möglich sein, durch Vernetzung und Telekommunikation die Arbeit effizienter und erfolgreicher zu organisieren.

Eigen-Zeit ist ein wichtiger Faktor bei der Teambildung. Neben fachlicher und sozialer bzw. kommunikativer Kompetenz ist bei den Mitgliedern eines Teams auch ihre übereinstimmende Eigen-Zeit für den Erfolg ausschlaggebend.

Gesundheit und Alter

Internetzeit 11:37 MEZ
entsprechen 484 Beats
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Im Gesundheitsbereich ermöglicht die Eigen-Zeit, dass für Patienten ein spezifisches Zeitmanagement entwickelt wird, das ihnen und ihrem Wohlergehen angemessen ist. Lebensrhythmus und Tätigkeiten sollen sich nach diesem persönlichen Zeitmesser richten: Jeder Patient erhält gewissermassen seine eigene Uhr mit einem auf ihn zugeschnittenen Uhrwerk. Da wir von der Eigenzeit eines Organs oder einer Zelle sprechen, können zum Beispiel Alterungs- und Krankheitsprozesse über das Eigen-Zeit-Modell erklärt werden. Wenn ein Organ schneller altert, sich schneller abnutzt als ein anderes, so kann es an dessen besonderer Eigen-Zeit liegen. Gesundheit lässt sich in diesem Kontext positiv definieren als die Synchronizität aller Organuhren. Gesund leben heisst: in der Eigen-Zeit leben.

Schliesslich hat das Alter sein eigenes Tempo, seine Eigen-Zeit, wie überhaupt alle Generationen durch ein eigenes Zeitgefühl geprägt sind. Für Personen, die ins Rentenalter kommen, wird der Lebensabschnitt nach der Berufstätigkeit dadurch sinnvoll, dass sie bereits rechtzeitig die richtige und zu ihnen passende Zeit-Einteilung gefunden haben. Gerade für die Altersarbeit ist das Konzept der Eigen-Zeit besonders erfolgversprechend, kommt es doch den Arbeitsabläufen und den unterschiedlichen Bedürfnissen der Generationen (im Heim: jüngere Mitarbeitende – ältere Bewohner) entgegen. 

Geschwindigkeit - Langsamkeit

Gegenwärtig sind unsere bisherigen Zeitauffassungen fragwürdig geworden. Tempo, Beschleunigung und Turbulenzen führen zu einem Verlust der Wirklichkeit, zu einem Schwinden der Werte und der Orientierungsmöglichkeiten. Offensichtlich bedarf die Gegenwart eines neuen Zeitbewusstseins und eines neuen Zeitgefühls. Es ist die Eigen-Zeit, die dem Bedürfnis nach Langsamkeit und Entschleunigung entgegenkommt, und zwar dann, wenn – wie auf den Datenautobahnen – alles schneller wird. Die Individualisierung der Zeit setzt Kräfte und Kreativität frei, die wir für die Zukunft brauchen werden.


Literatur

  • Helga Nowotny, Eigenzeit. Entstehung und Strukturierung eines Zeitgefühls, Frankfurt a.M. 1993
  • Martin Held (Hrsg.), Von Rhythmen und Eigenzeiten, Stuttgart 1995
  • Karlheinz A. Geissler, Zeit – verweile doch... Lebensformen gegen die Hast, Freiburg 2000.
     
       
 
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