• Dienstag, 26.09.2017
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FINANZPLATZ

Ein marktgerechter Zins lässt auf sich warten…

Von Willy Burgermeister  
Ein marktgerechter Zins lässt auf sich warten…
© Sujaimages - Fotolia.com
Mit ihrer uferlosen Geldpolitik schüren die Notenbanken ein verantwortungsloses Verhalten der Kapitalanleger.


Die Weltwirtschaft und deren Finanzmärkte tasten sich auf einem schmalen Grat vorwärts. Kapital wird fehlgeleitet und tiefe Zinsen übertünchen zukünftige Kosten. Wir verfangen uns, so der Finanzexperte Marc Faber, in einer beispiellosen Finanzökonomie, in der die Verschuldung zusammen mit den Kapitalmärkten den Wert der realen Wirtschaft um ein Vielfaches übertrifft.

In dieser Situation spiegelt der Besitz von Aktien und Obligationen eine waghalsige Wette auf geldpolitisch verzerrte Märkte. Je verführerischer diese jedoch locken, desto eher erliegen wir ihrem Zauber, obwohl wir doch längst ahnen, dass die Industriestaaten seit Längerem nicht mehr das erwirtschaften, was unsere Lebensart kostet. Die Politik aber glaubt, die Schuldenkrise sei besiegt. Ein Trugschluss, denn niemand wagt es, endlich eine grundlegende Debatte über die drängenden politischen und wirtschaftlichen Ziele unserer Gesellschaft anzustossen.

Minizinsen

Im Widerstand gegen Deflation oder gar Depression gerieten die Zentralbanken völlig ausser sich. Zusammen mit ihren Regierungen versuchen sie fieberhaft, unser Geld mit Minizinsen zu schinden, um uns zu zwingen, mehr auszugeben anstatt zu sparen, um die Wirtschaft mit neuen Impulsen in Schwung zu bringen.

Ein fairer, marktgerechter Zins wird uns seit Jahren vorenthalten, während die Schuldner ihre Schulden leichter bedienen und schultern können – ein unverdientes Geschenk. Wir Sparer fühlen uns als willfährige Versuchskaninchen in einem seltsamen, geldpolitischen Experiment, das offenbar nur dazu dient, leichtsinnige Kreditnehmer aufzufangen oder zu belohnen.

Dies alles missfällt uns zwar gehörig, doch, wenn die Politik bohrende Kreditausfälle vermeiden will, führt kein Weg an einer solchen Geldpolitik vorbei. Finanzinstitute, ja ganze Staaten überleben nur noch dank des billigen Geldes der Notenbanken – und diese werden vorerst niemanden mit strafferen Zinsen abschrecken wollen, obwohl vielerorts Mieten und Lebensmittelpreise steigen. Am langen Ende der Zinskurve beginnt sich das langsam abzuzeichnen.

William McChesney Martin, ehemaliger Vorsitzender der amerikanischen Notenbank, gestand einmal freimütig, die heikle Aufgabe einer Zentralbank sei es, vor der Party den Alkohol zu verstecken. Heute jedoch quillt er aus allen Rinnen und lädt die Trinker zum Sprung in den Pool ein. Eines Tages aber wird sich das wilde Gelage um Gratisgeld und hemmungsloses Gelddrucken auflösen. Die Kapitalanleger werden sich mit einem fürchterlichen Kater zurückziehen.

Zurück zur Normalität

Behutsam, ja fast ängstlich, macht sich die amerikanische Notenbank auf, ihre Wertschriftenkäufe etwas zu drosseln. In einem von schleppendem Wachstum und zwingendem Schuldenabbau gekennzeichneten Umfeld stehen die Zentralbanken vor der kniffligen Aufgabe, zurück zur Normalität zu finden. Nach Jahren der Exzesse fällt der Entzug nicht leicht.

Ein genauer Blick auf die Finanzlage der Staaten offenbart, dass neben der offiziell ausgewiesenen Verschuldung auch in den Sozialsystemen erhebliche versteckte Verpflichtungen schlummern. Viele Staaten, aber auch private Haushalte, stossen unwiderruflich an die Grenze ihrer Zahlungsfähigkeit. Wachstum, Fortschritt und Wohlstand über die Geldpresse anzutreiben, das wird sich früher oder später als Illusion entlarven. Doch, das Spiel kennt kein Ende, denn alle glauben, es koste ja nichts.

Kollateralschäden der Zinsentwicklung

Immer wieder mahnen uns verantwortungsbewusste Zentralbanker, dass ihre Optionen, die Untätigkeit und Sorglosigkeit anderer wettzumachen, Risiken bergen und sich nicht endlos dahin ziehen dürfen. Sie wissen, dass sie mit unerprobten, unvollkommenen Werkzeugen die Lage beherrschbar machen wollen. Und sie wiesen wiederholt auf die zunehmende Gefahr hin, dass ihr Wirken mit wachsenden Kollateralschäden und unbeabsichtigten Folgen verknüpft sein wird, je länger sie in ihrer gegenwärtigen Position ausharren. Dies alles aber scheint die Kapitalanleger nicht sonderlich zu beeindrucken. Ihre Risikobereitschaft sprengt jeglichen, durch die fundamentalen Gegebenheiten gerechtfertigten Rahmen.

Minus-Zinsen

Lawrence H. Summers, ehemaliger Chefökonom der Weltbank, lenkt unsere Aufmerksamkeit auf ein weiteres Problem. Er vermutet, dass der Zinssatz, der den USA Vollbeschäftigung beschert hat, irgendwann im letzten Jahrzehnt unter die Null abgerutscht sei und sich heute bei minus 2 % oder gar minus 3 % eingependelt habe. Die Frage sei nun, wie man eine Volkswirtschaft steuere, in der ein nominaler Zins von Null nicht zu verkraften sei und somit der Wirtschaft verwehre, ihr Potential auszuschöpfen.

Vielleicht, unkt der US-Volkswirtschaftler Paul Krugman, finden wir uns in einer Ökonomie wieder, die auf Finanzblasen angewiesen sei, um nicht in der Depression zu versinken. Spekulationsblasen enthüllen sich offenbar nicht länger als wirtschaftliche Katastrophen, sondern gelten jetzt als treibende Konjunkturprogramme, während das Sparen gleichzeitig zur Sünde verkommt.


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