• Dienstag, 25.07.2017
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GENERATIONEN

Drei Generationen für ein Buffet

Untertitel
Von Max Hugelshofer
Drei Generationen für ein Buffet
© Schweizer Berghilfe
„Parat? Jetzt kommen sie gleich“, sagt Vreni Hüberli zu ihrer Mutter, die ebenfalls Vreni heisst. Dann gehen auch schon die Türen des kleinen Saals in der Altersresidenz Tertianum Segeten in Zürich Witikon auf, und sie kommen herausgeströmt. Wie eine Schulklasse nach einer Kinovorführung. Etwas weniger ungestüm und langsamer vielleicht, aber ebenso übermütig plaudernd oder diskutierend. Bei der Haarfarbe herrscht silbergrau vor, einige gehen am Rollator oder sitzen im Rollstuhl, die meisten sind aber für ihr hohes Alter erstaunlich fit. Es sind Bewohner der Senioren-Residenz, die auf Einladung der Schweizer Berghilfe den Multimediavortrag des Bündner Bergfotografen Yannick Andrea angeschaut haben. Danach geht es weiter ans Buffet der Hüberlis. Es gibt selbstgebackenes Brot in allen Varianten, liebevoll hergerichtete und vielfältige Fleisch- und Käseplatten, dazu frischen Süssmost. Man kann auch viele Produkte kaufen: Confitüren in allen Variationen, gedörrte Apfelringe, Merengues oder frisch gebackene Mandelfische. „Mmmh, das schmeckt genau so wie früher“, hört man immer wieder. Während sie bedienen, werden die beiden Vrenis immer wieder in Gespräche verwickelt. Wo ihr Hof liege? Ob das Fleisch von den eigenen Tieren sei? Und die Tracht? Was für eine Tracht ist das?


Hilfe zur Selbsthilfe für die Schweizer Bergbevölkerung – seit 1943
Nur wenn das soziale und wirtschaftliche Umfeld stimmt, wandern die Menschen nicht aus den Berggebieten ab. Deshalb unterstützt die Stiftung Schweizer Berghilfe jedes Jahr mehrere hundert Projekte von Einzelpersonen und Gemeinschaften, welche die harten Lebensbedingungen in den Bergregionen verbessern. So werden unter anderem dringend notwendige Arbeitsplätze erhalten und geschaffen. Dies ermöglicht es den Menschen in den Schweizer Bergen, ein genügendes Einkommen zu erwirtschaften und weiterhin in ihrer Heimat zu leben.


Der Weg zum Hof

Sieben Stunden früher, oberhalb von Ennetbühl im Toggenburg: Zügig fährt Daniela Hüberli die schneebedeckte Strasse zum elterlichen Betrieb hoch. Die 22-Jährige hat sich heute Vormittag extra frei genommen, um ihrer Mutter und ihrer Grossmutter bei den Vorbereitungen für das Buffet in Zürich zu helfen. „Ja, es ist ziemlich abgelegen“, sagt sie nach ein paar Minuten Fahrt durch die verschneiten Hügel. Sie und ihre Geschwister hätten einen langen Schulweg gehabt. Aber wenn wie heute Schnee lag, dann hätten sie ihn geliebt. „Dann konnten wir runter alles mit dem Schlitten fahren.“

Jetzt kommt hinter einer Biegung der Hof in Sicht. Ein neuer Laufstall, neben dem das aus dunklem Holz gebaute kleine Wohnhaus mit den vielen Eiszapfen, die vom Dach hängen, noch viel älter und kleiner aussieht, als es eigentlich ist. „Hoi Grosi, wo ist das Mami?“, ruft Daniela in die grosse Wohnküche rein, aus der ein verlockender Duft nach frischem Brot kommt. „Hoi. Noch bei den Hühnern. Komm, du kannst Platten legen“, kommt die Antwort. Ein paar Augenblicke später sitzt Daniela bereits gemeinsam mit ihrer Grossmutter am grossen Tisch und legt aus Salami, Mostmöckli, Speck, Schinken und Rohschinken kleine Kunstwerke auf grosse Holzbretter. Die Zeit ist knapp, doch man sieht den Frauen ihre Routine an. Die Handgriffe sitzen, jede weiss, was zu tun ist. Inzwischen ist Vreni von den Hühnern zurückgekommen, trägt stapelweise gefüllte Eierkartons vor sich her. Sie ist der Chef, erteilt Mutter und Tochter Aufträge, während sie Brotteig um Brotteig aus den verschiedenen Knetmaschinen nimmt, daraus unterschiedlichste Brötchen formt und diese in den Backofen schiebt. Vieles hat sie schon am Abend zuvor vorbereitet. Die Süssigkeiten gebacken, den Brotteig gemacht, Fleisch geschnitten. „Wenn nichts dazwischen kommt, haben wir eigentlich genug Zeit.“ Aber es kommt immer etwas dazwischen auf einem Bauernhof. Heute muss Vreni nochmals rausspringen, um ihrem Mann Walter beim Verladen einer Kuh zu helfen. Immerhin hat es in der Nacht nicht geschneit. Sonst hätte Walter in aller Frühe mit dem Schneepflug raus müssen, und das Melken wäre an Vreni hängen geblieben. „Daniela, geh schon mal raus und mach das Auto bereit. Dann können wir in einer Viertelstunde anfangen zu laden.“ „Mami, hast du die Folie schon auf den Käseplatten drauf?“ „Wie stehen wir in der Zeit?“


Beim Vorbereiten und Verladen bekommen Mutter und Tochter Hilfe von Enkelin Daniela. Bei grösseren Veranstaltungen stehen die drei Generationen hinter dem Buffet.
10 Uhr: Beim Vorbereiten und Verladen bekommen Mutter und Tochter Hilfe von Enkelin Daniela. Bei grösseren Veranstaltungen stehen die drei Generationen hinter dem Buffet.


Abfahrt

Zwei Stunden später ist der alte Mitsubishi-Van bis unters Dach gefüllt, die beiden Vrenis haben sich ihre Trachten angezogen, und Daniela verabschiedet sich. Bei grösseren Anlässen kommt sie jeweils auch mit. Dann stehen drei Generationen Hüberli-Frauen hinter dem Buffet. Aber dieses Mal ist die Arbeit zu zweit machbar. Daniela gibt letzte Anweisungen zur Bedienung des Navigationssystems, bevor sie Mutter und Grossmutter alleine lässt. Auf dem Smartphone hat sie das Ziel bereits gespeichert. „Sobald ihr über dem Ricken seid, drückst du einfach hier, dann fängt die Navigation an. OK?“ Vreni und ihre Mutter schauen einander etwas unsicher an, zucken dann aber mit den Schultern. Es wird schon klappen. Ist ja nicht das erste Mal. Am Anfang waren Vreni die langen Autofahren so weit weg jeweils ein Graus. „Ich bin halt ein richtiges Landei, ich kam höchstens mal nach St. Gallen, und da sollte ich dann plötzlich nach Lugano fahren, um dort ein Buffet zu machen.“ „Weisst du noch, wie wir damals auf dem Heimweg mehr als eine Stunde durch Zürich gefahren sind und keine Ahnung mehr hatten, wo wir sind?“, fragt ihre Mutter. „Ja, oder damals, als ich eine Vollbremsung machen musste, und uns fast die Fleischplatten um die Ohren flogen?“


Vreni und Vreni sind ohne ungeplanten Umweg in Zürich angekommen und machen sich ans Ausladen.
14 Uhr: Vreni und Vreni sind ohne ungeplanten Umweg in Zürich angekommen und machen sich ans Ausladen.


Ankunft

Dieses Mal ist alles gut gegangen. Keine Vollbremsungen, keine unfreiwilligen Erkundungstouren. Aus der Tiefgarage tragen Vreni und Vreni ihre Produkte in die Eingangshalle des Tertianums. Dann werden Sofas weggestellt, Tische zusammengeschoben, und eine gute Stunde später ist das wunderbar dekorierte Buffet fertig. Die Veranstaltung hat begonnen, gedämpft hört man die Geräusche des Multimediavortrags durch die Tür zum Saal dringen. Jetzt haben Hüberlis erstmals ein paar Minuten Zeit zum Verschnaufen. Und zum Zurückblicken. Wann genau sie das erste Buffet gemacht haben, wisse sie nicht mal mehr. Zehn Jahre? Irgendetwas in der Grössenordnung. Martin Schellenbaum, der bei der Berghilfe für die Infoveranstaltungen zuständig ist, suchte anfangs für jede Veranstaltung eine Bauernfamilie aus der Region, die das Buffet machte. So kam er auch auf Hüberlis. Als die Anfrage kam, da hat Vreni nicht zweimal nachgedacht. „Ich hatte zwar keine Ahnung, was da so gefragt ist, aber offenbar habe ich nicht alles falsch gemacht“, so Vreni. Denn seit dieser Veranstaltung werden alle Buffets bei den Tertianum-Besuchen von Hüberlis ausgerichtet.


Weil das Auge mitisst, muss optisch alles stimmen.
14.30 Uhr: Weil das Auge mitisst, muss optisch alles stimmen.


„Hüberlis und ihre Produkte kommen bei den Senioren sehr gut an. Ausserdem weiss ich, dass ich mich auf Vreni zu hundert Prozent verlassen kann“, sagt Martin Schellenbaum. Und ausserdem sei es für eine Stiftung wie die Berghilfe natürlich schön, wenn eine Bergbauernfamilie durch dieses Catering zu einem wichtigen Nebeneinkommen gelangen könne. „Ja, wir sind schon froh um diese Zusatzeinkünfte“, sagt Vreni. „Aber ich mache diese Buffets auch einfach gerne. Da sehe ich ein bisschen etwas von der Schweiz.“ - Die kurze Ruhepause ist vorbei. Aus dem Saal ertönt Klarinettenmusik. Das bedeutet, dass sich der Vortrag dem Ende zuneigt. „Parat? Jetzt kommen sie gleich.“



Über das Leben hinaus Gutes tun
Viele Menschen möchten auch über ihr Leben hinaus Gutes tun und eine gemeinnützige Institution unterstützen. Mit einer Zuwendung an die Schweizer Berghilfe kann man die Lebensqualität der Schweizer Bergbevölkerung wesentlich verbessern. Wie man den Menschen im Berggebiet eine Zukunft geben kann, zeigt der kostenlose Ratgeber fürs Testament. Diesen kann man hier bestellen: www.berghilfe.ch/de/kontakt/unterlagenbestellen.

Bei weiteren Fragen zum Thema steht Martin Schellenbaum gerne zur Verfügung:
Telefon 044 712 60 56, martin.schellenbaum@berghilfe.ch



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