• Dienstag, 26.09.2017
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FINANZPLATZ

Dilemma der Kapitalanleger

Von Willy Burgermeister  
  Dilemma der Kapitalanleger
© zinsen-tagesgeld.org
„Ich will verstehen. Verstehen ist lebendiges Denken, das niemals zu eindeutigen Ergebnissen führt.“ Hannah Arendt bringt das Dilemma der Kapitalanleger auf den Punkt.


Wir alle glauben nur allzu gerne, was wir glauben wollen (Julius Caesar). Aber verstehen, in mühseliges Denken abtauchen, dem widersetzt sich unsere flatterhafte Gesellschaft. In Wahrheit jagen wir stets dem hinterher, was bereits geschehen ist und übersehen, was in diesem Moment vor sich geht oder was sich daraus noch entwickeln könnte.

Gerade nach einer Finanzkrise prägt sich die Vergangenheitsorientierung aus, weil sich keine klare Zukunft entschleiern will. Die Realität offenbart sich chaotisch, voller Brüche. Unter der Oberfläche schlummern und gären Kräfte, die jederzeit hervorbrechen können.

Wachstum

In diesem Beitrag wird versucht, die verzwickt ineinander verknoteten Bündel der Marktkräfte etwas aufzuschnüren, um zu begreifen, welche Triebe hier keimen. In den vergangenen Jahren schrammten wir haarscharf an einem globalen Desaster vorbei. Und schon hegen und pflegen wir wieder Utopien, träumen von ewig sprudelndem Wachstum und blenden die uns bedrängende Wirklichkeit deflationärer Kräfte (Demographie und Überschuldung) gedankenlos aus. Wachstum soll alle Probleme lösen, unsere Wünsche befriedigen, uns geradezu erlösen. Die Zukunft wird grossartig, weil wir das erwarten. Aber schaffen wir noch ein nachhaltig robustes Wachstum in den Industrienationen? Selbst renommierte Ökonomen beginnen daran zu zweifeln und sprechen von „No-Growth“.

Babyboomer

Unternehmensberater Daniel Stelter, ehemaliger Berater der Boston Consulting Group, warnt: Kapitalanleger werden unweigerlich Geld verlieren, egal, wie sie sich aufstellen. Wenn wir über die Treiber – spottbillige Kredite - der letzten 20 Jahre nachdenken, dann dämmert uns, dass sie sich verflüchtigen werden. Kauflustige Babyboomer tummelten sich in den Märkten. Jetzt verabschieden sie sich langsam in den sog. Ruhestand. Wie werden Menschen mit siebzig in Zukunft leben wollen? Wir steigen von einer hungrigen, immer auf den letzten Schrei bedachten Käuferschaft um in alternde Mehrheiten, die Neues nur noch anschaffen, um Altes zu ersetzten. Unsere Kultur und unsere Motivation verändern sich. Der Konsum nimmt ab, andere Bedürfnisse rücken vor. Jedem, der den demographischen Wandel aufmerksam verfolgt, leuchtet ein, dass unsere engmaschigen Sozialnetze ohne einschneidende Reformen kaum mehr zu finanzieren sind. Und schliesslich bremst eine zunehmende Regulierungswut den wirtschaftlichen Unternehmensgeist.

Schuldenschnitt

Wir werden zu Sklaven der Schulden. Die Gesamtverschuldung von Staaten, Bürgern und Nichtfinanzunternehmen schoss in der Euro-Zone auf unhaltbare 260 %, in den USA auf 273 % und in Japan auf hanebüchene 400 % der jährlichen, wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des jeweiligen Landes. Was wird man den Bürgern an Steuern und Abgaben alles abnehmen müssen, um diese Schulden zu sanieren? Diese Geschichte droht letztendlich, schwer aus dem Ruder zu laufen, und nur mit einem drastischen Schuldenschnitt dürfte es gelingen, aus dieser verzweifelten Lage auszubrechen. Auf diesem abschüssigen Weg muss sich jeder Anleger der lauernden Fallstricke bewusst sein. Viele von uns überschätzen ihre Risikotoleranz mit schwerwiegenden Folgen.

Sparen und billiges Geld

Wenn sich Sparen nicht mehr lohnt, dann wird alles auf den Kopf gestellt. Die Politik des billigen Geldes krempelt die Märkte grundlegend um. Noch sind die Folgen kaum zu spüren, doch in der Illusion dauernder Stabilität in äusserst fragilen Systemen steckt unser gröbstes Problem. Wird der Euro-Traum zum Albtraum? Keinen Hauch eines gedeihlichen Zusammenwachsens der EU-Volkswirtschaften, keine Spur von marktwirtschaftlich orientierten Reformen, von mehr Wachstum oder mehr Wettbewerbsfähigkeit. Ausschlaggebend wird deshalb sein, die eigene Geldanlage regelmässig und sorgfältig zu überprüfen, sie nicht zu vernachlässigen oder dem Zufall auszusetzen.

  • Aktien: Nur von Unternehmen, die mit innovativen Produkten und Leistungen weltumspannend operieren, auf die Zukunft ausgerichtete Bilanzen zusammen mit soliden Margen aufweisen und nicht an staatlichen Rockzipfeln hängen. Der Sitz dieser Firmen sollte in Ländern liegen, die das Eigentum schützen und respektieren. Schleppendes Wirtschaftswachstum wird vielen die Lust an der Aktie vergällen. Noch wähnen sich die Investoren in den guten, alten Zeiten, die sich jedoch – ohne vorherige Bereinigung – nicht wiederholen lassen.
  • Obligationen: Renditeloses Risiko – statt Rendite ohne Risiko. Und wer will sein Geld zu diesen lächerlichen Zinsen schon langfristig binden? Der sturmerprobte Anker, den Festverzinsliche in den verflossenen Jahren boten, zerbricht. Da und dort droht die Inflation. Überall lösen sich die Zinsen von ihren früheren Tiefständen. Obligationen weben keine soliden Netze mehr für unser Wertschriftendepot.
  • Gold: Kein Allheilmittel. Gold kann gewissermassen als aufprallsicherer Airbag gegen Systemrisiken und geldpolitische Abenteuer dienen, zeigt sich allerdings äusserst stimmungsanfällig.

Den unfehlbaren Tipp, den glänzenden Freifahrtschein zum Wohlstand gibt es nicht, denn die Zukunft bleibt uns verborgen. Wie immer wir die Sache auch drehen und wenden, es lohnt sich nie, den waghalsigen Helden spielen zu wollen.


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