• Montag, 20.11.2017
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ALTERSTHEMEN

Die Zweitsprache der Sexualität im Alter

Untertitel
Von Helmut Bachmaier
Sexualität im Alter
©aletia2011 - fotolia.com
Sexuelle Aktivitäten und Praktiken im Alter sind oft noch Tabuthemen, sowohl bei den Betroffenen wie bei ihren Angehörigen. Man weigert sich, den eigenen Eltern oder Grosseltern noch sexuelles Erleben und entsprechende Aktivitäten zuzuschreiben. Die Auffassung von Asexualität oder einer Desexualisierung im Alter ist aber problematisch und zuweilen nur Ausdruck von Abwehr oder einer puritanischen Grundüberzeugung.

Sexualität ist ein lebenslang anhaltendes Bedürfnis des Menschen, das sich allerdings in verschiedenen Altersstufen durch Intensität und Varietät differenzieren lässt. Alterssexualität ist keine andere oder spezifische Sexualität, sondern ein im Lebensprozess, in der Biographie einer Person sich ausgestaltendes individuelles Verhalten [vgl. Insa Fooken, Sexualität im Alter. In: Olbrich/Sames/Schramm (Hrsg.), Kompendium der Gerontologie (VI–2.2.)].

Funktionen der Sexualität

Fünf Funktionen der Sexualität lassen sich allgemein unterscheiden:

  1. die reproduktive Funktion, die im Alter keine Rolle mehr spielt;
  2. die Lustfunktion: die Fähigkeit, Lust zu empfinden durch intimen Kontakt oder durch imaginäre Szenarien (Sexualphantasien);
  3. die emotionale Funktion: Partnerbeziehungen herstellen durch Gefühle und Empathie;
  4. die taktile Funktion: Repertoire der Berührungen;
  5. die kommunikative Funktion: von der einfachen Form des Flirts bis zu körperlich-seelisch-geistigem Austausch.
Aus diesen Funktionen geht hervor, dass menschliche Sexualität nicht allein auf die koitale Sexualität beschränkt bleibt, sondern sich aus einer Vielzahl von psychischen, physischen und auch kulturellen Komponenten zusammensetzt. Nicht-koitale Formen der Sexualität können keinesfalls als depravierte Muster, etwa als Ersatzhandlungen, angesehen werden.

Zweitsprache der Sexualität

Studien über Sexualität und Älterwerden (z.B. Kirsten v. Sydow, Die Lust auf Liebe bei älteren Menschen) heben gerade im Alter die Rolle der sogenannten „Zweitsprache der Sexualität“ hervor, die sich manifestiert in intensiven Gefühlen der Zusammengehörigkeit, der Nähe, der Zärtlichkeit und der Entwicklung einer neuen Sensualität und einer einfühlsamen Partnerschaft.

Eine erektile Dysfunktion oder Veränderungen im Vaginalbereich (Vaginismus: Verkrampfung der Vagina; Dyspareunie: Schmerzen bei sexuellem Kontakt) können direkte Auslöser sein, werden aber nicht überbewertet. Die Scham angesichts des eigenen Körperbildes kann dagegen die sexuelle Appetenz (vgl. sexuelle Appetenzstörungen) erheblich beeinträchtigen.

„Grundsätzlich kann konstatiert werden, dass die bereits im mittleren Erwachsenenalter einsetzenden anatomischen und physiologischen Veränderungen die sexuelle Reaktionsfähigkeit von Frauen und Männern im Alter zwar tangieren, aber nicht grundsätzlich einschränken. Alle sexuellen Ausdrucksformen (z. B. Koitus, Masturbation, Petting, sexuelle Phantasien etc.) können bis ins hohe Alter fortgeführt werden“ (Insa Fooken, Sexualität im Alter).

Keine Regression

Psychoanalytischer Ausgangspunkt ist die von Freud formulierte entwicklungsabhängige Position der Sexualität. Da er frühkindliche Ausdrucksformen, die prägenitale Sexualität, ins Blickfeld rückte, trat die psychosexuelle Entwicklung im Alter zwangsläufig in den Hintergrund. Die nicht mehr vorhandene Zentrierung auf genitale bzw. koitale Sexualität, kompensiert durch Zärtlichkeit und Sensualität, wurde entsprechend als Rückfall in eine infantile Bedürfnisbefriedigung interpretiert.

Im Kontext der Alterssexualität ist der demographische Befund von Bedeutung, dass es weitaus mehr Frauen (ohne Partner) im Alter gibt als Männer (Feminisierung des Alters). Für Sexualität im Alter ist der Partnerbezug ein signifikantes Kriterium für die Qualität einer intensiven Gefühlsbeziehung und letztlich einer Gefühlskultur, die sexuell stimuliert oder bestimmt sein kann. Bei über 80jährigen Männern, die in einer Beziehung leben, üben ca. 30% noch ihre Sexualität aus; bei gleichaltrigen Frauen in einer Partnerschaft sind ca. 25% sexuell aktiv (Hermann Berberich/Elmar Brähler: Sexualität und Partnerschaft in der zweiten Lebenshälfte). Oftmals ist es bei den anderen Personen ein tiefes freundschaftliches Gefühl, das Nähe und Anteilnahme ausdrückt und das an die Stelle sexuellen Begehrens tritt, ohne dass es als Verlust empfunden wird.

Selbstbestimmte Intimität

Zu einem selbstbestimmten Dasein im Alter gehören die freie Verfügung über die eigene Sexualität und die Bereitschaft, die Lust- und emotionalen Funktionen zu kommunizieren. Dies muss auch in Alterseinrichtungen gewährleistet werden. Dafür müssen die Tabus und die nicht legitimierbaren Normen überwunden werden, damit Sexualität im Alter durchaus als Erfüllung und durch Lebensfreude gesättigt erfahren werden kann. Allein Geschmacksfragen, Diskretion und Dezenz dürften hierbei massgebend sein.


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