• Dienstag, 26.09.2017
Print

ALTERSTHEMEN

Die sorgenvolle, ergraute Gesellschaft

Untertitel
Von Bernd Seeberger und David Rester
Die sorgenvolle, ergraute Gesellschaft
© unsplasch/pixabay.com

Eine Verantwortungs- und Abhängigkeitsgesellschaft

Die Älteren in der Schweiz leben meistens zu Hause: Lediglich 4% der 65- bis 79-Jährigen und 20% der über 80-Jährigen leben in einem Alters- und Pflegeheim. Von den 120’000 pflegebedürftigen Menschen in der Schweiz befinden sich lediglich 56% in stationären Einrichtungen. Von den zu Hause lebenden Menschen werden 69% durch Familienangehörige betreut und versorgt. In einer österreichischen Studie zeigte sich, dass fast jede/r vierte Arbeitnehmer/in eine pflegerische Verantwortung im familiären Umfeld trägt. Und je höher die Spitex-Versorgungsdichte, desto geringer der Bedarf an stationärer Langzeitpflege. Derzeit betreuen die ambulanten Spitex-Dienste ca. 188’000 über 65-Jährige pflegerisch und ca. 94’000 über 65-Jährige hauswirtschaftlich. Viele dieser Klienten (140’000) sind 80 Jahre und älter.

Hinzu kommt, dass 93% der älteren Menschen sich in einer normalen Wohnung eingerichtet haben und dort auch bleiben wollen. In Betreuten Wohnformen oder Alterswohnungen leben in Deutschland nur circa 3% der älteren Menschen. Die Zahl der in alternativen oder gemeinschaftlichen Wohnformen oder ambulant betreuten Pflegegruppen befindlichen älteren Menschen ist verschwindend gering. Altern findet in den Familien statt. Diese tragen die Hauptlast mit all den Auswirkungen.

Wenn sie zügeln…

Menschen im Alter ziehen seltener um. Und wenn, dann zieht es Menschen über 60 Jahren vor allem in Kleinstädte mit attraktiven Kulturangeboten oder in Städte mit idyllischem Stadtbild oder landschaftlichen Reizen in der näheren Umgebung. Dies ist ein Trend, der in den kommenden Jahren noch zunehmen dürfte und Veränderungen am Immobilienmarkt hervorrufen wird.

Angstphänomen Demenz

Demenz entwickelt sich zunehmend zu einer neuen Volkskrankheit. Sind derzeit circa 144’000 Menschen in der Schweiz davon betroffen, werden es 2040 bereits 300’000 sein. Vielleicht müssen wir Demenz als einen normalen Teil des Lebens im hohen Alter akzeptieren. Vielleicht gelingt es der alternden Gesellschaft, dass an Demenz erkrankte Menschen ein weitgehend selbstbestimmtes Leben führen können. Senioren- und demenzfreundliche Kommunen oder Stadtquartiere wären eine erste Voraussetzung dazu.

Altersdepressionen

Neben den Ängsten vor Demenz gibt es noch ein oft vernachlässigtes Krankheitsbild, das bei früher Erkennung gut zu behandeln ist – die Altersdepression. Auch sie geht mit Verwirrtheitssituationen und mit einer gewissen Vergesslichkeit einher und ist keine Demenz oder gar Alzheimer. Dies ist eine Erkrankung, die oftmals im familiären Umfeld nicht erkannt wird oder jahrelang unbehandelt bleibt. Chronische Krankheiten werden im Aller zunehmen, zwischen 60 und 70% der Menschen über 65 Jahren werden an einer oder sogar mehreren Krankheiten leiden.

Wachstumsmarkt Pflege- und Versorgungssektor

Uns fehlt ausreichend gutes Fach- und Pflegepersonal. Erste und bereits erkennbare Auswirkung ist das sinkende Versorgungsniveau. Betroffene haben Angst ins Krankenhaus gehen zu müssen. Und Angehörige sind beim Krankenhausaufenthalt ihrer altgewordenen Familienangehörigen besorgt und hoffen nur, dass sie den Aufenthalt relativ gut überstehen.

In den Spitälern der Schweiz erfolgten zuletzt circa 32% aller Behandlungsfälle für Menschen ab dem 70. Lebensjahr, wobei Mehrfachbehandlungen, die gerade im Alter aufgrund von Multimorbidität zunehmen, eingeschlossen sind. Deutlicher ist die Feststellung, dass drei von vier Personen mit Spitex-Leistungen älter als 65 Jahre sind. Im Verhältnis zum Anteil dieser Altersgruppe an der Gesamtbevölkerung von 18% wird der Zusammenhang von Alter und Bedarf an Krankenversorgung deutlich.

Die Kommunen müssen Verantwortung übernehmen

Die Kommunen müssen die Versorgung in die Hand nehmen und gestalten. Denn hier wird der Ort sein, an dem künftig die Sorgen der Gesellschaft ihren Platz haben werden. Hier müssen Kompetenzen und Ressourcen bereitgestellt werden, damit eine regionale und lebenslauforientierte Sozialplanung, d.h. eine Daseinsvorsorge bzw. -versorgung für hilfesuchende Bürger, möglich wird.

Rahmenbedingungen

Trotz aller pflegerischen und medizinischen Herausforderungen dürfen öko-gerontologische Rahmenbedingungen nicht vernachlässigt werden. Dies können sein:
  • Ambulantisierung von Dienstleistungen mit niedrigschwelligem Zugang
  • Ausbau der Lebensmittel-Nahversorgung mit Zulieferungsmöglichkeiten
  • Ausbau des Nahverkehrs unter Individualisierungsansatz (z.B. Sammel-Taxis, Lokalbusse und Fahrdienste)
  • kommunale Servicevermittlung einfacher Dienstleistungen
  • Abbau von Zugangsbarrieren zu öffentlichen Plätzen und Räumen.
Dazu gehören ausserdem:
  • Simplifizierungsansätze bei Design- und Produktentwicklung, von seniorengerecht zum „universal Design“, das Sicherheit, Handhabbarkeit, Ästhetik und Vertrauen in die Umwelt ermöglicht
  • Sorgende Gemeinschaften, Sozialraumorientierung im Alter, soziale Teilhabe trotz Einschränkungen
  • geistige Fitnesscenter für die Erhaltung des kognitiven Status sowie
  • Einsatz technischer Unterstützungssysteme zur selbständigen Lebensführung.
Trotz alledem werden alternde Gesellschaften, um es positiv auszudrücken, gesundheitsbewusste, oder, um es negativ zu beurteilen, gesundheitsfanatische Gesellschaften werden.



Weitere Artikel aus der Rubrik «ALTERSTHEMEN» (Auswahl):
  Die sorgenvolle, ergraute Gesellschaft



Diesen Artikel:
Drucken | Merken | Feedback | Weiter empfehlen

Social Networks:
Twitter Facebook MySpace deli.cio.us Digg Google Bookmarks Windows Live Yahoo! Bookmarks