• Montag, 20.11.2017
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PERSPEKTIVEN

Die Schweiz ein Modell für Europa?

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Interview von Helmut Bachmaier
Die Schweiz ein Modell für Europa?
© wikipedia.org
Herr Gaier, in Ihrem Artikel „Die künftige Schweiz“ auf SenLine über eine wegweisende Idee um 1800 befassten Sie sich mit einer von Ihnen und der Hölderlin-Gesellschaft entwickelten Ausstellung. Die Vernissage dazu findet im Zürcher Lavaterhaus, St. Peter Hofstatt, am 19. September 2014, um 18 Uhr, statt. Wie sind Sie auf dieses helvetische Thema gestossen?

Ulrich Gaier: Friedrich Hölderlin war 1801 in Hauptwil/TG als Hauslehrer angestellt. Bei der näheren Aufarbeitung dieses Aufenthaltes wurde deutlich, dass er viel mehr mit der Schweiz zu tun hatte als bislang angenommen worden war. Einige seiner Freunde, wie Hegel in Bern, oder sein Lehrer Fichte, der Vorlesungen im Hause Lavaters gehalten hatte, standen ebenfalls in direkter Beziehung zur Schweiz. Zuerst war im Zentrum der Forschung Hölderlin und sein Kreis in Beziehung zur Schweiz, dann haben wir festgestellt, dass es dabei eigentlich um die „künftige Schweiz“ gehen soll.


Hauptwil im Thurgau.
Hauptwil im Thurgau.

Intellektuelle und Freunde Hölderlins hatten in Homburg v. d. H. um 1800 ein Modell für die Schweiz entwickelt, das zum Teil erst 1848 Realität wurde. Wie lässt sich dieses Modell kurz beschreiben?

Ulrich Gaier: Verfassungstheoretisch gesehen, es sollte nicht mehr, wie es bis 1798 gewesen war, einen Staatenbund geben, wo die selbständigen Kantone bei Bedarf berieten, Beschlüsse aber selten durchgeführt wurden, weil eine starke Zentralregierung fehlte. Danach hatten die Franzosen einen Einheitsstaat geschaffen und der Schweiz insgesamt eine Einheitsstaatsverfassung oktroyiert. Das neue Modell sah für die Schweiz einen Bundesstaat vor, den ersten in Europa, vielleicht sogar weltweit,  denn die USA hatten damals keine klare Verfassungsregelung. Dieser Bundesstaat sollte den Kantonen eine grosse Selbständigkeit gewährleisten, verbunden mit einer starken Zentralregierung. Das föderative und das zentralistische Prinzip wurden verbunden. Viele Elemente der direkten Demokratie (traditionelle Landsgemeinden) sollten erhalten bleiben.

Sie sehen darin auch ein Modell für die Zukunft Europas?

Ulrich Gaier: Ja, einen Bundesstaat für Europa. Hölderlin und seine Freunde sahen ein künftiges Europa als Bundesstaat, gewissermassen als ein „Europa der Vaterländer“, um es mit einer Parole von de Gaulle zu sagen.

Philipp Emanuel von Fellenberg
Philipp Emanuel von Fellenberg

Blicken wir zurück in die Jahre 1798-1803, über die in der Schweiz nicht so gerne gesprochen wird. Unter der französischen Besatzung gab es damals erhebliche Einschränkungen und Veränderungen, die den Stolz der Eidgenossen kränkten.

Ulrich Gaier: Die oktroyierte Einheitsverfassung – das französische Modell (Abbé Sieyès entwarf es angesichts der zentralen Rolle von Paris) – stufte die Kantone zu Departements herunter, deren Repräsentanten nur noch Befehlsempfänger oder Berichterstatter waren. Es wurden die kantonalen Verfassungen aufgehoben, die Konfessionen unterdrückt und die Pädagogik zentralisiert, französische Lehrbücher waren verpflichtend. In der Schweiz bekämpften sich Föderalisten (Staatenbund) und Unitarier (Einheitsstaat). Das Land wurde ausgebeutet und ausgeplündert; es war das Quartier für grosse Kontingente französischer Truppen. Es kam zu einer Hungernot. Philipp Emanuel von Fellenberg, Sekretär beim schweizerischen Gesandten in Paris, schrieb an Talleyrand eine Note, in der er die desolaten Zustände in seiner Heimat schilderte, allerdings erfolglos.

Issac von Sinclair
Issac von Sinclair

Die „Confoederatio Helvetica“ geht also auf eine Utopie zurück, die nach diesen Erfahrungen von Gelehrten und Künstlern um Hölderlin entworfen wurde. 1799 hatte sich dieser Kreis versammelt, der über die künftige Schweiz nachgedacht und einen Verfassungsentwurf vorbereitet hat. Wer gehörte zu diesem Kreis.

Ulrich Gaier: Da ist zunächst Isaac von Sinclair zu nennen, der beim Landgrafen Friedrich V. von Homburg in Diensten stand und mit einem eigenen philosophischen Wurf hervorgetreten ist. Dann der Hofdemokrat F. W. Jung, der Mentor des Vorgenannten, der in Mainz Polizeikommisar war. Weiter gehörten Hegel und Casimir Ulrich Boehlendorff, dessen Briefe an Hölderlin und seine dramatische Arbeit bis heute in der Forschung Beachtung finden, dazu. Boehlendorff hatte ebenfalls ein eigenes philosophisches Konzept entwickelt und ein Drama „Die Spartaner in Ägypten“ entworfen, das wie Hölderlins „Empedokles“ als ein Warndrama vor Napoleon gedacht war. Ausserdem ist Friedrich Muhrbeck noch zu erwähnen, der mit Ernst Moritz Arndt in Verbindung stand. Diese revolutionär gesinnten Köpfe haben das Gedankengut von Hölderlin und Johann Gottfried Ebel aufgegriffen und daraus einen Entwurf für die Zukunft gemacht.

Georg Wilhelm Friederich Hegel
Georg Wilhelm Friederich Hegel

Was war das Besondere an diesem Entwurf?

Ulrich Gaier: Ebel sah in der Schweiz eine Art Labor, einen Freiraum, um den neuen Entwurf umzusetzen, was in den monarchischen Staaten auf deutschem Gebiet nicht möglich gewesen wäre. Es war für ihn also eine Art Experiment, eine Mobilisierung für den Bundesstaat, der bis 1848 im Kampf mit der Staatenbund-Idee stand. Unterstützung erhielt er von dem liberalen Publizisten und Politiker Paul Usteri, dessen Verfassungsentwürfe in die Kantonalverfassungen von 1815 und 1830 eingeflossen sind, und vom dem Diplomaten Karl Friedrich Reinhard. Bekanntlich wurde dann 1848 der Bundesstaat realisiert.

Ist Hölderlins „Hyperion“ so etwas wie ein Diskurs-Szenario der damaligen Zeit? Gab es Inspirationen durch diesen Roman, den Sie einmal mit einem Kompendium verglichen haben?

Paul Usteri
Paul Usteri
Ulrich Gaier: Der „Hyperion“ als Diskurs-Szenario wendet sich gegen die politische Revolution und erstrebt mehr die Revolutionierung der Gesinnung und der Vorstellungsarten. Er ist ein Kompendium der Geschichtsphilosophie, Anthropologie und der Pädagogik. Ausserdem thematisiert er die Selbsterziehung durch Schreiben und den melancholischen Blick auf die Vergangenheit. Der „Athener-Brief“ beschreibt u. a. die grosse Tat des Theseus, der auf sein Königtum verzichtete. Durch ihn wurde Attika als eine Einheit selbständiger Gemeinden ermöglicht sowie die Demokratie, die Wahl der Regierung durch alle Bürger. Die Staatsidee in Athen ist wie ein Hinweis auf die angestrebte bundesstaatliche Verfassung in der Schweiz.

Welche Rolle spielte Lavater in diesem Zusammenhang?

Ulrich Gaier: Für Johann Caspar Lavater bedeutete der Einmarsch der Franzosen und die Besatzung die Ankunft des Anti-Christ, weshalb im Widerstand das Reich Gottes aufgerichtet werden muss.



Erstausgabe „Hyperion“
Erstausgabe „Hyperion“.


Die Schweiz als ein „Reich Gottes“, das es zu verwirklichen gelte, so die Auffassungen Lavaters, aber auch Hölderlins. Was meint dies genau?

Ulrich Gaier: Hölderlin und Hegel hatten 1793 die Losung „Reich Gottes“ ausgegeben, an der sie sich, wie auch das Leben verliefe, erkennen wollten. Es ist im Grunde eine Losung der Pietisten, sich stets auf das Reich Gottes vorzubereiten. Radikalpietisten gab es an verschiedenen Orten der Schweiz. Diese lehnten die Kindstaufe ab, ebenso die Ehe, die Schulpflicht oder die Sakramente. Sie zahlten keine Steuern und waren gegen jedes Militär. Lavater stand in enger Verbindung mit der Radikalpietistin Barbara Grubenmann.

Die Idee vom „Reich Gottes“ bekam bei ihren Propagandisten jeweils eine verschiedene Lesart. Für Hölderlin war es eine geotopische Idee: Von den Alpen, der „Burg der Himmlischen“, sollte eine Fülle ausgestrahlt werden, die in die einzelnen Kantone und Länder hineinwirken sollte. Für Hegel zeigte sich dieses Reich konkret im Staat in Preussen. Und für Lavater war es eine Vorbereitung auf den Neuen Bund, das Neue Jerusalem und auf den Neuen Menschen, wobei er wähnte, dass die Ankunft des neuen Reiches unmittelbar bevorstünde. Für Hölderlin war das „Reich Gottes“ eine kulturelle Idee, für Hegel eine staatspolitische, für Lavater eine eschatologische.

Es wurde begründet behauptet, dass die Schweiz eine wesentlich narrativ konstituierte Identität habe, beim Tell-Mythos angefangen. Gehört das Modell der „künftigen Schweiz“ auch zu diesen Erzählungen?

Ulrich Gaier: Ja, und dies kann ergänzt werden etwa durch Referenz auf eine Schrift wie die von Fichte über die „Bestimmung des Gelehrten“, wo er seine Leser zur Weitergabe ihres Wissens und zur Erziehung der Menschen zu Freiheit und Selbstbestimmung aufrief – in monarchischen Staaten eine brisante Forderung. Oder der Appell Boehlendorffs 1798 an Johann Rudolf Steck, Generalsekretär der helvetischen Regierung und von den Franzosen entlassen, dann als Bauer seinen Lebensunterhalt verdienend, sich für das „künftige Vaterland“ bereit zu halten, und Boehlendorffs Bekenntnis, dass er Bürger einer „künftigen Schweiz“ werden möchte.

Friedrich Hölderlin
Friedrich Hölderlin

Lieber Herr Gaier, noch einmal zu Hölderlin. Sie haben sich als Wissenschaftler ein halbes Jahrhundert mit Hölderlin befasst. Was hat Sie an Hölderlin so fasziniert?

Ulrich Gaier: Die Initialzündung war 1954 die Rezitation Friedrich Beissners in Tübingen von Hölderlins „Friedensfeier“, die kurz zuvor entdeckt worden war. Nach der Dissertation über Hölderlin habe ich über seinen kulturellen Kontext geforscht. Es wurde mir zu einer Herzensangelegenheit als Hochschullehrer diesen als schwierig geltenden Autor der jüngeren Generation näher zu bringen. Hölderlins unausschöpfliche sprachliche Bedeutungstiefe, seine globale Rezeption und nicht zuletzt dass er der „Dichter der Dichter“ (Heidegger) geworden ist, fasziniert mich bis heute.

Sie haben über die grossen deutschsprachigen Autoren gehandelt, beispielsweise mit einem mehrbändigen Kommentar zu Goethes Faust-Dichtung, ich vermute, dass Ihr nächstes Buch wieder Hölderlin gewidmet ist?

Ulrich Gaier: Richtig, die nächste Publikation ist Hölderlin, der künftigen Schweiz und dem künftigen Europa gewidmet, also den Themen, über die wir uns gerade unterhalten haben.


Hinweise für Besucher der Ausstellung:

Zürcher Lavaterhaus
St. Peter Hofstatt 6
8001 Zürich


Ausstellungsdauer 19.9. bis 10.10.2014.
Das Lavaterhaus ist geöffnet Mo-Fr jeweils 14-17 Uhr, So 11-14 Uhr.
Prof. Gaier führt durch die Ausstellung am 26.9. und 2.10., jeweils 17.30 Uhr.


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Prof. em. Dr. Dr. h. c. Ulrich Gaier



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