• Montag, 20.11.2017
Print

PERSPEKTIVEN

Die Mutproben der Menschen

Von Ernst Peter Fischer  
Die Mutproben der Menschen
 Geozentrisches Weltbild 
Leserreaktion
© wikimedia.org
Ein dringender Appell an die Verächter der Naturwissenschaften unter den gebildeten Ständen.


Es ist schon komisch. Da gelingt es Menschen im Verlauf ihrer Kulturgeschichte mit dem Abenteuer namens Wissenschaft zu beginnen, um dabei ihr Vergnügen sowohl an der wahrgenommenen Schönheit der Natur als auch an der spürbar werdenden Leichtigkeit des Lebens erhöhen zu können. Doch sobald dieses ursprünglich europäische Unternehmen voran kommt und weltweit Früchte trägt, machen sich einige Menschen daran, die Naturwissenschaften abzuwerten und als kränkend, öde und gefährlich darzustellen, und seltsamerweise finden sie in der Öffentlichkeit Gehör.

Sigmund Freud zum Beispiel hat die Geschichte der Wissenschaften als eine Folge von Kränkungen für den Menschen dargestellt. Sie beginnt ihm zufolge mit seiner Vertreibung aus dem Zentrum der Welt, die auf das 16. Jahrhundert und Nikolaus Kopernikus zurückgeht, und setzt sich fort, als Charles Darwin seinen Artgenossen im 19. Jahrhundert die Krone der Schöpfung abnahm und den Menschen in das Reich der Tiere einfügte. Der selbstbewusste Freud stellte sich abschliessend persönlich in die Reihe der grossen Menschheitskränker, indem er seinen Zeitgenossen erklärte, sie seien nicht mehr Herr im eigenen Haus und würden vielmehr von unbewusst bleibenden Trieben gesteuert. Zwar bleibt unverständlich, warum ein Arzt zu loben sein soll, der sich bemüht, seine Patienten zu kränken, aber das hindert aktuelle Meinungstreiber nicht, Freuds Reihung zu preisen und fortzusetzen und nach weiteren – vierten und fünften – Kränkungen des Menschen durch die Wissenschaft zu suchen, die offenbar nichts anderes vermag.

Entzauberung der Welt

Das heisst, sie vermag doch noch etwas, und zwar ebenfalls Schlechtes, nämlich die Entzauberung der Welt vorzunehmen, wie der Soziologe Max Weber im frühen 20. Jahrhundert meinte feststellen zu können und wie seine Kollegen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno dies aufgegriffen haben, als sie in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ schrieben, das Programm der Aufklärung – und damit der Naturwissenschaft – sei die Entzauberung der Welt. Das heisst, eine wissenschaftlich erklärte und erfasste Welt kann nur langweilig, belanglos und unergiebig sein, und zu diesem Unglück gesellt sich noch die Tatsache, dass viele Theorien etwa der Physik dem gesunden Menschenverstand widersprechen und ihn gar beleidigen, wie oft zu lesen ist, meistens wenn es um Einsteins Theorie der Relativität geht, in der Orte im Raum auftauchen, an denen die Zeit stillstehen kann. Solch eine Zumutung liefert dem gewöhnlichen Hausverstand mancher Menschen insgesamt und irgendwann Anlass genug, auf ein Verständnis der Wissenschaft ganz zu verzichten und von ihr keinen Beitrag zu dem zu erwarten, was als Bildung des Menschen verstanden wird, die zu erwerben sich stets lohnt.


  Weltbilder  
  geozentrisch   heliozentrisch  
 
Geozentrisches Weltbild   Heliozentrisches Weltbild
 


Unheilsvermutung

Zwar beziehen die meisten intellektuellen Trendsetter die Grundlagen ihrer Weltbilder aus der Naturwissenschaft – Ökonomen oder Soziologen zum Beispiel, wenn sie Konzepte wie Synergien und Netzwerke für die Wirtschaft übernehmen –, aber das hindert sie nicht, mit Lust davon zu erzählen, wie viele Risiken der sich als Technik auswirkende Einsatz der Naturwissenschaft für die Gesellschaft und die Erde bringt, die zuletzt im Zeichen des Unheils strahlt – wie die Soziologen gerne sagen, während ihre Wagen mit laufendem Motor warten, sie mit dem Handy einen neuen Termin vereinbaren und danach ein gekühltes Bier in klimatisierten Räumen geniessen, ohne sich Gedanken zu machen, wie der Strom in die Steckdose kommt und was die Energie ist, die sie da nicht verbrauchen, sondern nur umwandeln.

So stellt man sie immer noch gerne dar: die Naturwissenschaften – als ungeliebte Ursache für Kränkungen, als ärgerliches Verfahren zur Entzauberung und als unbeholfener Produzent von Risiken, die inzwischen nicht nur aus meist fernen Kernkraftwerken drohen, sondern die schon zu Hause aufkreuzen und im Internet mit seinen Datenströmen stecken, von denen sich selbst kluge Köpfe überfordert fühlen, wenn sie einmal hinter ihrer Zeitung hervorblicken.

Welche Verblendung, möchte man gerne rufen, denn keiner der Vorwürfe trifft auch nur im Ansatz zu, und es muss gelingen, eine andere Grundhaltung zur Wissenschaft zu vermitteln. Schliesslich hängt die Zukunft des Menschen massgeblich von ihren Lieferungen und Ergebnissen ab. Wissenschaft kränkt Menschen nicht, sie hilft ihnen. Wissenschaft entzaubert die Dinge nicht, sie vertieft vielmehr das Geheimnis, von dem sie umgeben sind. Und Wissenschaft schafft keine Gefahren, sie nimmt den Menschen dafür die Angst vor Unfällen und Krankheiten, wie jeder Einzelne spürt und wie jede Statistik belegt, auch wenn Soziologen etwas anderes sagen und lieber von einer Risikogesellschaft reden.

Die Mitte der Welt

Der Reihe nach: Zum einen irren Freud und seine Anhänger gründlich, wenn sie meinen, Kopernikus habe den Menschen an den Rand des Universums gedrängt und aus einem bevorzugten Zentrum entfernt. Die Mitte der mittelalterlichen Welt meinte die tiefste Stelle in der kosmischen Ordnung, in deren Rahmen die Gottheiten aussen angesiedelt waren. Kopernikus hat den Menschen nicht ab-, sondern im Gegenteil aufgewertet, als er sich mutig traute, ihn näher an die Götter heranzurücken, die nun bald auf Augenhöhe herausgefordert werden konnten. Überhaupt mutet die Kopernikanische Sichtweise dem Menschen einiges zu, wie zum Beispiel Erich Kästner in einem Gedicht beschrieben hat, das nur einen Schluss zulässt, nämlich den, dass die Wissenschaft dem Menschen keine Kränkung zumutet, sondern ihn umgekehrt auf eine Mutprobe gestellt hat, mit der es sich zu befassen gilt:

  Kopernikanische Charaktere gesucht
Wenn der Mensch aufrichtig bedächte:
dass sich die Erde atemlos dreht;
dass er die Tage, dass er die Nächte
auf einer tanzenden Kugel steht;
dass er die Hälfte des Lebens gar
mit dem Kopf nach unten hängt,
indes der Globus, berechenbar,
in den ewigen Reigen der Sterne mengt, -
wenn das der Mensch von Herzen bedächte,
dann würd er so, wie Kästner werden möchte.
 


Tatsächlich kann und sollte das wissenschaftliche Vorgehen des Menschen nicht als peinliche Folge von erlittenen Kränkungen, sondern als eine stolze Reihe von bestandenen Mutproben angesehen werden. Als Darwin den Gedanken eines evolutionären Werdens des Menschen einführte, da nahm er tatsächlich und wörtlich eine riskante Revolution vor, was bedeutet, dass er vor und nach seiner Einsicht den Blick auf etwas Vergleichbares richten konnte. Vor und nach Darwin stand der Mensch an der Spitze des biologischen Stammbaums oder am krönenden Ende der Entwicklung des Lebens, nur dass mit dem Gedanken der Evolution kein Gott mehr für diese Position verantwortlich gemacht wurde, sondern die Natur, und damit die Menschen selbst, die erst aus ihr hervorgingen und dann auf sie zurückwirken. Die Geschöpfe waren zu Mitschöpfern geworden, die mutig handeln konnten und dabei Verantwortung übernehmen mussten.

Das grösste Risiko bereiten sich Menschen dann, wenn sie vor dieser Mutprobe und der Wissenschaft zurückschrecken, sich davon abwenden und lieber gekränkt zeigen und schmollen, um danach im Faulbett auf die Rente zu warten. Sie ist in keinem höheren Plan vorgesehen und muss auf Erden selbst erwirtschaftet werden. Die Wissenschaft bietet dabei gerne ihre Hilfe an.


  Leserreaktion vom 24.2.2014  
 
Hallo

Ihr Artikel in Ehren, aber betreiben Sie da nicht genauso Schwarzmalerei? Wenn Sie Adorno unterstellen, er sähe nur die Gefahren der Wissenschaft, dann haben Sie Adorno schlicht zu wenig genau gelesen.

Niemand stellt in Abrede, dass die sogenannte Wissenschaft viel Gutes hervorgebracht hat und wir sie ständig nutzen. Nun aber die Augen zu verschliessen vor den Gefahren, die die Wissenschaft birgt, ist ebenso kurzsichtig, wie ihr einfach alle schlechten Dinge unterzujubeln.

Nehmen wir als Beispiel die Medizin. Die Medizin hat unendlich Vieles zum Wohl der Menschheit hervorgebracht. Aber es gibt eben doch die Tatsache, dass die Medizin rein statistisch funktioniert. Bei 30 % wirkt z.B. ein Medikament. Also gibt man es allen, ohne Ansehen der Genese einer Krankheit in dem ganz speziellen Einzelfall. Was Wunder, wenn dann nur noch die Nebenwirkungen zum Tragen kommen, weil der einzelne zur Debatte stehende Mensch nicht ins Schema passt!?

Jeder Arzt wird Ihnen zugeben, das ein Schnupfen und ein Schnupfen eben nicht das gleiche ist, sondern sehr von den weiteren Bedingungen des Patienten abhängt. Aber bei Krebs wird einfach jedem, der die gleiche Krebsart hat, die gleiche Chemo verschrieben. Was nützt das Studium der einzelnen Krebszelle bis ins letzte Detail, wenn der ganze Rest der Lebensbedingungen des Patienten und die Frage: "warum kriegt dieser Patient gerade Krebs und andere mit den sozusagen gleichen Bedingungen nicht" nicht gestellt wird. Stammzellen sind auf Zellniveau absolut identisch. Aber wenn sie in ein bestimmtes Umfeld gestellt werden - z.B. in ein Umfeld von Muskelzellen - dann entwickeln sie sich zu Muskelzellen. Das Umfeld hat einen wesentlichen Einfluss, und so nützt es nichts, einfach die Zelle genaustens zu untersuchen (cf. auch die Forschungen der Epigenetik, Bruce Lipton etc.).

Es gilt also wohl für die Wissenschaft wie für so viele andere Dinge: man möge alles genau mit gesundem Menschenverstand betrachten und alle möglichen Kriterien miteinbeziehen, dann geht man wohl am wenigsten in die Irre. Wissenschaft ist nicht besser und nicht schlechter als andere Wissensgebiete, aber ob sie taugt oder nicht, hängt vom Verhalten dessen ab, der sie anwendet. Sie ist in der Intention vorerst mal neutral, kann aber in positive wie in negative Richtung sich auswirken, je nach Geschick des Anwenders!

Mit freundlichen Grüssen

Dr. phil I A. Peter
CH-9034 Eggersriet
 



  Weitere Artikel aus der Rubrik «PERSPEKTIVEN» (Auswahl)  
 
 
       
 
Mail
Blog



Diesen Artikel:
Drucken | Merken | Feedback | Weiter empfehlen

Social Networks:
Twitter Facebook MySpace deli.cio.us Digg Google Bookmarks Windows Live Yahoo! Bookmarks