• Donnerstag, 24.08.2017
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PERSPEKTIVEN

Die Kultur des Schenkens

Untertitel
Von Helmut Bachmaier
Die Kultur des Schenkens
© Gila Hanssen / pixelio.de
Durch ein Geschenk geben wir etwas von uns, und wir beziehen die beschenkte Person in unser Handeln mit ein. Oftmals wird erwartet, dass sich dieses Verhältnis umkehrt: dass der Beschenkte dann zum Geber wird. Diese Erwartung nimmt aber vom Geschenk etwas, nämlich seine Zweckfreiheit, dass es um der Gabe willen geschieht, also ohne Absicht. Durch das interesselose Schenken wird eine Gemeinschaft zwischen dem Gebenden und dem Nehmenden erzielt, eine wechselseitige Teilhabe an diesem selbstlosen Vorgang.

Natürlicherweise sind die Geschenke eines Arbeitgebers an seine Angestellten, die Geschenke der Eltern an ihre Kinder oder das Präsent von Verliebten jeweils anders motiviert, aber sie begründen, intensivieren oder festigen Beziehungen.

Geben und Nehmen

In seiner grundlegenden ethnographischen Arbeit „Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften “ („Essai sur le don“, 1923/24) hat Marcel Mauss verschiedene Rituale und Systeme des Geschenkaustausches analysiert und im Horizont gesellschaftlicher Ordnungen und kultureller Kontexte interpretiert – als „Schenkökonomie“. Der Austausch stellt nach Mauss in archaischen Gesellschaften ein umfassendes soziales Phänomen dar. Gaben werden erwidert, weil im Akt des Gebens Personen und Sachen zusammentreffen und man dabei einen Teil von sich gibt und im Nehmen eine Alteritätserfahrung macht. Im Tausch kommt es zur Selbst- wie zur Fremderfahrung. Und beim Schenken zeigt sich ein Doppeltes: der Charakter des Gebers und seine Erwartungshaltung gegenüber dem Anderen.

Potlatch und Kula

In anderen Kulturen gibt es streng reglementierte Formen des Gabentausches, etwa beim „Potlatch“ oder „Kula“.

Kula (oder Kula-Ring) ist ein ritueller Gabentausch zwischen melanesischen Inseln. Zwischen den Inseln werden im Uhrzeigersinn Halsketten, in der Gegenrichtung Armreife getauscht. Diese sakral erfahrenen Gegenstände müssen wie in einem Kreis weitergereicht werden. Der Zweck, der keinen ökonomischen Nutzen hat, besteht darin, die sozialen Bande zwischen den Inseln zu festigen und das reale Geschäft rituell zu kopieren.

Der Potlatch („Fest des Schenkens“) ist ein religiöses Fest amerikanischer Indianer, bei dem sich der Wert der Gabe als Zeichen des Ranges des Gebers manifestiert. Der Rang des Festes selbst entsteht aus der Weitergabe der Häuptlingswürde oder der von Privilegien. Dafür muss ein besonderer Anlass gegeben sein (z. B. die Geburt des Erstgeborenen). Da es um die Übertragung von Titeln und damit um Auszeichnungen geht, müssen diejenigen, die dies bezeugen, mit besonderen Gaben bedacht werden. Der, der zum Potlatch geladen hatte, kann sich durch die Gaben an die Gäste seinen Rang und den seiner Ahnenreihe sichern. In archaischen Gesellschaften dienen Tauschrituale der Bildung von Gemeinschaften oder der Sicherung des sozialen Ranges oder der Ahnenreihe.

Geschenke als Friedenszeichen

Wenn wir jemanden in dessen Wohnung besuchen, überreichen wir oft bereits an der Eingangstür ein Geschenk an den Gastgeber. Immerhin haben wir ein fremdes Revier betreten, gewissermassen die Grenze der Privatsphäre anderer Personen überschritten. Um zu dokumentieren, dass wir in friedlicher Absicht kommen, geben wir ein Geschenk aus unseren Händen. Damit zeigen wir, dass wir kein Werkzeug, keine Waffe in der Hand haben, mit der ein Gastgeber bedroht werden könnte. Das Geschenk ist Ausdruck einer friedlichen Gesinnung, ein Zeichen, dass keine Aggression vorhanden ist, sondern ein Friedenswille, der durch die Freude an der Gabe noch verstärkt wird. Dabei wirkt ebenfalls Archaisches in unserem Verhalten mit.

Freudengaben

Für gläubige Christen ist das Weihnachtsgeschehen ein freudiges Fest, weil für sie der Erlöser geboren wurde – ein Gabe Gottes an die Menschen. Die Freude darüber – „fröhliche“ Weihnacht heisst es ja – ist Anlass, dies zu feiern und symbolisch in Gaben, die wir Anderen (insbesondere den Schwachen aus Nächstenliebe) zukommen lassen, zum Ausdruck zu bringen.

Gaben und Schenken haben die Funktionen, die Beziehungen zwischen Menschen zu festigen (Weihnachten als gabenreiches Familienfest), Friedfertigkeit zu zeigen und Freude durch die Gaben zu verbreiten. Diese symbolischen Funktionen des Schenkens entdecken wir aber selten in der Hektik des Weihnachtsgeschäftes.


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