• Montag, 20.11.2017
Print

PERSPEKTIVEN

„Die künftige Schweiz“

Visionen um 1800 in einer Ausstellung über eine grosse Idee  
Von Ulrich Gaier  
Ausstellung über die „Künftige Schweiz“.
Lavater zeigt die Vertreibung der Helvetiker. Druck von Balthasar Anton Dunker (1746-1807). Aus: Balthasar Anton Dunker. Ausstellungskatalog 1990/91, Bern 1990. Original: Das Jahr MDCCC in Bildern und Versen. Bern ca. 1800.
.
Ein internationales Netzwerk von Politikern, Pädagogen, Philosophen, Dichtern um Friedrich Hölderlin entwarf 1799/1800 ein Modell der Schweiz nach dem Abzug der Franzosen. Da Napoleons „Mediationsakte“ 1803 die Spaltungen perpetuierte, wurde die Utopie erst 1848 verwirklicht – sie bestimmt das heutige Bild der Schweiz und ist zugleich Modell eines künftigen Europa. Die Ausstellung der Hölderlin-Gesellschaft zeigt die Entstehung einer grossen Idee.

Helvetia, Helvetik, Confoederatio Helvetica

Gute zweihundert Jahre ist es her, da litt die Schweiz fünf Jahre lang, 1798-1803, unter französischer Besatzung. Die stolzen Kantone der Eidgenossenschaft waren mit den „Untertanenländern“ zusammengelegt und zu Departements eines Einheitsstaats heruntergestuft; direkte Demokratie, seit Jahrhunderten in den Landsgemeinde-Kantonen gepflegt, war verboten. Das Schulsystem wurde vereinheitlicht, der Einfluss der Konfessionen zurückgedrängt, das Land ausgebeutet, und so viele fremde Truppen wurden stationiert, dass die Schweizer fast verhungerten.

Man spricht nicht gern über diese schmachvolle Periode der Schweizer Geschichte, wo die Fryheit durch die liberté ersetzt und jede Gegenwehr, etwa in Nidwalden, brutal niedergeschlagen wurde. Aber es gab damals einige, Schweizer, Deutsche, Franzosen, die darüber sprachen und einen Plan entwarfen, wie die „künftige Schweiz“ aussehen sollte – und sie entwarfen schon um das Jahr 1800, was dann 1848 Wirklichkeit wurde und heute auf allen Münzen und Briefmarken steht: die Confoederatio Helvetica, den Bundesstaat Schweiz. Nicht genug damit: Sie verstanden diese Schweiz als Modell eines zukünftigen Europa.


 
Helvetik 1798-1803
© englishforum.ch
 


Das Wort von der „künftigen Schweiz“ steht in einem Brief vom 12. Mai 1799 an Johann Rudolf Steck. Der war bis vor kurzem Generalsekretär der Helvetischen Regierung in Bern gewesen, hatte sich gewehrt, als der französische Kommissär Rapinat den Staatsschatz, die Stiftungsfonds und Kassen der Stadt Bern für Schule, Waisen, Bedürftige beschlagnahmte, und war sofort entlassen worden. Er wurde Bauer. Sein Freund Casimir Ulrich Boehlendorff schrieb ihm, er müsse sich für sein künftiges Vaterland bereit halten, und er, Boehlendorff, würde am liebsten „Bürger dieser künftigen Schweiz“ werden.

Friedrich Hölderlin (1770 - 1843)
Friedrich Hölderlin. Pastell von
Franz Karl Hiemer, 1792.
© wikipedia.com
Mit dem Brief schickte er ein Exemplar von Friedrich Hölderlins Roman „Hyperion“: „dort findst du, was unsre Geister miteinander sprachen“. Hölderlin und seine Freunde – Boehlendorff, Hegel, Isaac von Sinclair, Friedrich Muhrbeck und andere – versammelten sich von April bis Juli 1799 in Bad Homburg. Nach Hölderlins Ideen und den verfassungstheoretischen Vorgaben des Freundes Johann Gottfried Ebel entwarfen sie die Utopie der künftigen Schweiz, eines Bundesstaates, in dem die Vielfalt der Kantone gewahrt ist, aber in gemeinsamen zentralen Belangen einheitliche Schlüsse gefasst und von der gewählten Regierung ausgeführt werden.

Lavaters Rolle

Zürich, Johann Caspar Lavater und das Lavaterhaus spielen dabei eine besondere Rolle. Ebel, der Mediziner, Naturforscher, Verfassungstheoretiker und Politiker, war mit Lavater seit 1789/90 bekannt, machte auf seinen Wanderungen durch die Schweiz immer wieder in Zürich Station und schrieb im Vorfeld der Helvetik zehn Warnbriefe an seine Freunde in Zürich und Bern, in denen er den drohenden Einmarsch der Franzosen vorhersagte: Zürich verlieh ihm dafür das Bürgerrecht; seine Büste steht in der Zentralbibliothek.

Lavater, den Hölderlin am 19.4.1791 aufsuchte und der in seinem Fremdenbuch neben die Eintragung Hölderlins aussergewöhnlich ein „NB“ (nota bene) notierte, hat vielleicht ein Treffen zwischen Ebel und dem so bemerkenswerten jungen Magister vermittelt: der „Nachtzedel“, mit dem die Hotels und Gasthäuser ihre Gästeliste der Stadtregierung mitzuteilen hatten, verzeichnet für die Nacht vom 18. auf 19. April Ebel im „Schwerdt“ und Hölderlin im „Raaben“.


 
Lavaterhaus in Zürich
Lavaterhaus in Zürich © st-peter-zh.ch
 


Lavater als Theologe mit der Spannweite von Aufklärung bis zum radikalen Pietismus war für Hölderlin bedeutend, der in der Schweiz wie Lavater ein Reich Gottes sah, für dessen Herstellung es zu streiten galt. Hölderlins literarischer Mentor Gotthold Friedrich Stäudlin suchte Lavaters Bekanntschaft, sein philosophischer Lehrer Johann Gottlieb Fichte in Jena hatte 1792-94 im Lavaterhaus Vorlesungen gehalten, und seine stark monarchiekritischen Arbeiten aus dieser Zeit bestimmt mit Lavater diskutiert. So war der Pfarrer von St. Peter für Hölderlin und seine Bekannten nicht nur ein wichtiger Vermittler, sondern auch ein bedeutender Gesprächspartner. Seine theologischen und politischen Gedanken gingen in die Planungen einer „künftigen Schweiz“ ein.

Ausstellung

Weil Hölderlin eine Art Mittelpunkt dieser Planungen bildete, hat die internationale Hölderlin-Gesellschaft in einer Ausstellung auf 15 Tafeln diese bisher unbekannten Zusammenhänge dargestellt. In einem Katalog sind die Tafeln abgebildet und erläutert, in einem reich illustrierten Begleitband stellen zehn schweizerische und deutsche Spezialisten die neuen Forschungsergebnisse auf den Feldern Geschichte/Politik, Philosophie und Literatur so dar, dass sie auch den nicht-spezialisierten Leserinnen und Lesern zugänglich sind und spannend werden.

Aufbau der Ausstellung

Die erste der 15 Tafeln zeigt Wanderungen Hölderlins und seiner Freunde in der Schweiz. Die drei folgenden verdeutlichen die in einer Anzahl von Personen vernetzten Netzwerke, in denen die Utopie der „künftigen Schweiz“ von der bundesstaatlichen Verfassung bis zur Touristik erarbeitet wurde. Diese Erneuerungen werden auf den Tafeln 5-11 gezeigt; die Tafeln 12-15 machen deutlich, wie sehr die Dichter an der Utopie einer „künftigen Schweiz“ und eines künftigen Europa mitgearbeitet haben.

Führung durch die Ausstellung: Prof. Dr. Ulrich Gaier.

Termine

  • 30.4.2014, 17:30 Uhr.
    Eröffnung der Ausstellung Die 'künftige Schweiz' - Utopie um 1800 in der Pädagogischen Hochschule St. Gallen.
  • 12.6.2014, 17:00 Uhr.
    Eröffnung der Ausstellung in der Villa Rosenegg, Kreuzlingen (im Rahmen der Hölderlin-Tagung, d.h. für Mitglieder. Die Ausstellung läuft bis zum 6.7., d.h. eine Präsentation für die allgemeine Öffentlichkeit wird nach dem 15.6. stattfinden).
  • 19.9.2014, 18:00 Uhr.
    Eine Ausstellung wird in Zürich, im Lavaterhaus, St. Peter Hofstatt, vom 19.9. bis 10.10.2014 gezeigt. Vernissage ist am 19.9. um 18:00 Uhr, Finissage am 10.10. um 17:30 Uhr. Prof. Gaier wird bei der Vernissage einführen und durch die Ausstellung führen. Weitere Führungen finden am 26.9. um 17:30, am 2.10. um 17:30 und noch einmal bei der Finissage statt. Das Lavaterhaus ist Montag bis Freitag von 14-17 Uhr, Sonntag von 11-14 Uhr geöffnet.
  • Die Ausstellung ist auch vom 3. bis 19.September in der Kantonsbibliothek Frauenfeld zu sehen.

Publikationen

Ausstellungskatalog: Ulrich Gaier, Valéria Lawitschka (Hrsg.): "Hölderlin und die „künftige Schweiz“". Edition Isele. Hölderlin-Gesellschaft. Tübingen 2014. Unter demselben Titel ist ein Band mit 22 Aufsätze zu den Themen der Ausstellung erschienen.
Link: www.hoelderlin-gesellschaft.de
Kontaktadresse: info@hoelderlin-gesellschaft.de


  HINWEIS:
Wir bringen zur Ausstellung auf SenLine noch ein Interview mit Prof. Ulrich Gaier.
 
       
 
Mail
Blog



Diesen Artikel:
Drucken | Merken | Feedback | Weiter empfehlen

Social Networks:
Twitter Facebook MySpace deli.cio.us Digg Google Bookmarks Windows Live Yahoo! Bookmarks